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Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Neue BAMF-Chefin: "Ohne Sprache ist Integration nahezu ausgeschlossen"

Seit der "Flüchtlingskrise" steht das Bundesamt für Migration im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die neue Leiterin des BAMF will schneller über Asylanträge entscheiden und mehr Menschen zur freiwilligen Rückkehr bewegen.

DW: Frau Cordt, seit vier Wochen leiten Sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kommissarisch, seit heute auch ganz offiziell. Ihr neuer Job wurde schon mal als der härteste der Republik beschrieben. Können Sie noch gut schlafen?

Jutta Cordt: Ich kann auf jeden Fall noch gut schlafen, weil ich hier eine Mannschaft vorfinde, die sehr motiviert und fachlich sehr gut aufgestellt ist. Es ist ja immer eine Gemeinschaftsleistung, die man abliefert. Und da habe ich hier eine gute Basis vorgefunden.

Sie und ihre Mannschaft haben einiges an Altlasten abzuarbeiten. 430.000 unbearbeitete Asylanträge stapeln sich noch auf den Schreibtischen des BAMF. Wie wollen Sie das meistern?

Das ist zum einen der Punkt: Wie können wir uns prozessual immer weiter verbessern zu dem, was schon im letzten Jahr aufgebaut worden ist? Und zweitens: Wie können wir jedem Einzelfall gerecht werden? Wir haben jetzt genauso wie in den vergangenen Jahren die Herausforderung, die Verfahren, die noch mit ins Jahr 2017 genommen worden sind, schnell zu entscheiden. Aber natürlich auch sorgfältig. Und das ist in der Tat eine Herausforderung, denn es sind nicht wenige Fälle und es sind sehr komplexe Fälle.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BAMF (picture-alliance/dpa/A. Weigel)

Früher SS-Kaserne, heute Bundesamt: das BAMF-Gebäude in Nürnberg

Wie können Sie es da schaffen, schneller zu werden? Momentan dauert es im Schnitt länger als ein halbes Jahr, bis über einen Asylantrag entschieden wird. Brauchen Sie mehr Personal?

Erst einmal zu den Zahlen: Bei den Menschen, die jetzt aktuell einen Asylantrag stellen, schaffen wir es im Durchschnitt, in drei Monaten zu bescheiden. Die Verfahrensdauer, die Sie angesprochen haben, das sind die Menschen, die schon vor langer Zeit ihren Antrag gestellt haben und die zum Teil eben nicht entscheidungsreif gewesen sind, weil Unterlagen anderer Behörden erforderlich waren oder zum Beispiel gesundheitliche Überprüfungen. Es gab also unterschiedliche Gründe, warum nicht entschieden werden konnte. Natürlich war das auch der starke Aufwuchs in 2015 und 2016. Und insofern werden auch 2017 die Durchschnittsbestände steigen. Aber man muss eben unterscheiden zwischen den Altverfahren und denen, die neu zu uns kommen.

Mit wie vielen Neu-Anträgen rechnen Sie denn in diesem Jahr?

Das können wir aufgrund der sehr unterschiedlichen Variablen aktuell nicht sagen. Diese drei Monate für eine Entscheidung, die ich eben genannt habe, basierten auf einer Rückschau ins Jahr 2016. Da ist es uns in der letzten Jahreshälfte gelungen, in dieser Zeitspanne tätig zu werden. Und insofern gehen wir aktuell davon aus, dass wir das auch 2017 so schaffen werden.

Sie wollen zudem die Zahl der freiwilligen Ausreisen erhöhen, bei denen, die kein Asyl bekommen. Wie?

Wir haben für dieses Jahr rund 40 Millionen Euro an zusätzlichen Geldern bekommen, die wir für die Rückkehrberatung ausgeben können. Nicht für eigenes Personal, sondern für die Finanzierung der Rückkehr derjenigen, die hier keine Bleibeperspektive haben oder eben für die Menschen, die sagen: Ich habe es mir doch anders überlegt und gehe zurück. Und im Jahr 2016 hatten wir eine freiwillige Rückkehr von 55.000 Menschen, das ist steigend im Vergleich zum Vorjahr. Da haben wir mit unserem zusätzlichen Budget gute Voraussetzungen.

Für diejenigen, die bleiben dürfen, ist das Thema Integration entscheidend. Auch da möchte das BAMF sich stärker engagieren. Sie selbst sagen, dass nur 30 Prozent der Flüchtlinge über höhere Bildungsabschlüsse verfügen. Wird das die Integration erschweren?

Dazu kann ich aus meiner früheren Tätigkeit bei der Bundesagentur für Arbeit etwas sagen. Selbstverständlich ist es immer schwierig, Menschen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu platzieren, wenn die Schulbildung oder die berufliche Vorbildung geringer ist. Man muss aber auch sehen, dass die formalen Qualifikationen nur fehlen, weil die dualen Berufsabschlüsse, die wir hier in Deutschland kennen, in den Herkunftsländern nicht vorhanden sind. Insofern ist es eine Herausforderung für die Bundesagentur für Arbeit, zunächst einmal herauszufinden: "Was kann derjenige, der vor mir sitzt?" - auch wenn die formalen Qualifikationen fehlen.

Deutschland Flüchtlinge Fortbildung (picture-alliance/dpa/O. Killig)

Integration an der Werkbank: Flüchtlinge bei der Probearbeit

Und da kann das BAMF nicht helfen?

Bei uns liegt der erste Schritt, der die Basis für eine berufliche Qualifikation legt - und das ist das Thema Sprache. Wir als BAMF bieten ja Integrationskurse an, die sich zusammensetzen aus der Vermittlung von kulturellen Werten und der Sprachvermittlung. Das ist der Baustein, den wir liefern und liefern müssen. Denn ohne Sprache ist eine Integration in den Arbeitsmarkt nahezu ausgeschlossen und eine gesellschaftliche Integration deutlich erschwert.

Jutta Cordt ist seit dem 1. Februar 2017 Präsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Zuvor war die gelernte Juristin im Bundesarbeitsministerium und bei der Bundesagentur für Arbeit tätig. Dort leitete sie seit 2014 die Regionaldirektion für Berlin und Brandenburg.

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