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Nigeria

Neue Angriffe auf Nigerias Schiiten

Das Arbain-Fest ist für Nigerias Schiiten die heiligste Zeit des Jahres. Polizei und Armee halten die Feierlichkeiten aber für ein Sicherheitsrisiko. Nach einem Polizei-Einsatz gab es jetzt Tote - nicht zum ersten Mal.

Wenn Schiiten durch die Straßen von Nordnigerias Städten ziehen, sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Wie am Montag in der Stadt Kano. Als sich eine Prozession schwarz gekleideter Menschen auf den Weg zu den schiitischen Arbain-Feierlichkeiten im rund 150 Kilometer entfernten Zaria machte, schritt die Polizei ein. Die Sicherheitskräfte schossen mit Tränengaspatronen, um die Menge zu zerstreuen, sagen Augenzeugen. Es kam zu Gefechten. Nach offiziellen Angaben starben acht Angehörige der schiitischen Glaubensgemeinschaft "Islamische Bewegung in Nigeria" (IMN) und ein Polizist. Die Schiiten gehen hingegen von 50 Toten aus.

Die Polizei fühlt sich im Recht. Anhänger der Gruppe hätten eine wichtige Straße gesperrt und seien zum Teil schwer bewaffnet gewesen, sagte der Polizeichef des Bundesstaats Kano, Rabiu Yusuf, der DW. Seine Truppe hatte bereits im Oktober die bevorstehenden IMN-Prozessionen untersagt. Der Gouverneur des Nachbarstaats Kaduna ging noch einen Schritt weiter -  er verbot die Bewegung gleich ganz.  Begründung: Sie gefährde die öffentliche Sicherheit.

"Verfassungswidrige Tötungen" seien das in Kano gewesen, sagt dagegen der nigerianische Analyst Aliyu Usman Tilde im DW-Gespräch. "In Nigeria denken Menschen in Uniform, dass sie über dem Gesetz stehen", meint Tilde.

Es ist nicht der erste Zwischenfall in diesem Jahr. Erst im Oktober töteten Sicherheitskräfte mehrere Anhänger der Organisation in der Stadt Funtua. Auch bei den Arbain-Umzügen im Dezember 2015 starben Menschen. Tage später massakrierten Soldaten mindestens 350 Schiiten in Zaria.

Schiiten trauern um ihre Angehörigen nach einem Anschlag 2014.

In Nigeria kommt es immer wieder zu Gewaltakten gegen Schiiten.

"Niemand sollte diese Menschen daran hindern, öffentliche Prozessionen durchzuführen, wenn sie das als Teil ihrer Glaubenspraxis verstehen", sagt Analyst Tilde. Natürlich dürften dabei nicht die Rechte anderer eingeschränkt werden. "Aber auch das rechtfertigt keine Tötungen."

Affront für die sunnitische Mehrheit

Die Stadt Zaria im Bundesstaat Kaduna ist ein wichtiges religiöses Zentrum der Schiiten aus ganz Westafrika. Jedes Jahr pilgern Millionen Glaubensgenossen zu den Ansprache des spirituellen Führers Ibrahim Al Zakzaky dorthin. Nach einem längeren Iran-Aufenthalt in den neunziger Jahren brachte er den Schia-Islam nach Westafrika. Vorher gab es in Nordnigeria fast ausschließlich sunnitisch-malekitische Muslime.

Al Zakzakys IMN hat heute einige zehntausend Anhänger. Das ist weniger als ein Prozent der Muslime in Nigerias Norden. Doch die kleine Minderheit stellt die etablierten religiösen Traditionen in Frage - für viele andere Muslime ein Schock.  "Dass sie dann natürlich auch die üblichen schiitischen Rituale praktizieren, etwa die Verfluchung der ersten drei Kalifen - das ist für viele Sunniten schwer erträglich", sagt der Göttinger Ethnologe Roman Loimeier im DW-Gespräch.

Ein Hang zur Provokation

Auch die Konflikte mit dem Staat haben eine gewisse Tradition. Al Zakzakys Bewegung habe sich in den siebziger Jahren zunächst als sunnitische Gemeinschaft gegründet, sagt Loimeier. Sie stehe damit im Kontext religiöser Dissidenten-Bewegungen, die immer wieder versucht hätten, eine gewisse innere Autonomie durchzusetzen: "Häufig haben die Verwaltungen der einzelnen Bundesstaaten weggeschaut, solange diese Gruppierungen nicht auffällig geworden sind. Es gab dann aber immer wieder eine Eskalation, wenn diese Gruppen stärker geworden sind und offensiver vorgegangen sind - und dann kam es häufig auch zu Gewalt."

Eine Gruppe pilgernder Schiiten in Nigeria.

Die Schiiten haben einige zehntausend Anhänger in Nigeria.

Die radikale Abgrenzung vom nigerianischen Staat führe die jungen Schiiten immer wieder dazu, die Sicherheitskräfte zu provozieren, so der Göttinger Ethnologe. Zudem hindert sie Al Zakzaky daran, Zurückhaltung zu predigen. "Führer solcher Bewegungen stehen immer unter dem Druck ihrer Basis, die Taten verlangt. Al Zakzaky muss seine eigene Anhängerschaft immer wieder bedienen und ihnen auch mal freie Hand lassen." Dass IMN-Mitglieder bewaffnet auftreten, kann er hingegen nicht bestätigen.

Erfahrung mit Extremisten

Viele Beobachter fürchten zudem, dass der gewaltsame Einsatz gegen Al Zakzakys Islamische Bewegung zu noch mehr Gewalt führen könnte. Al Zakzakys Anhänger könnten sich dadurch genauso radikalisieren wie einst Boko Haram, warnt der Politkwissenschaftler Sani Adamu Jauro von der Gombe State University. "So ging es im Jahr 2009 los: Mit Massenverhaftungen und Tötungen von Boko-Haram-Mitgliedern und der Ermordung des damaligen Anführers", sagt Jauro.

Der Vergleich zu Boko Haram geht für Roman Loimeier aber zu weit. Schließlich betone Al Zakzaky immer wieder, dass eine Gesellschaft sich nicht durch den bewaffneten Dschihad verändern lasse. Damit sei er moderater, als es Boko Haram je gewesen sei.

Mitarbeit: Mohammed Al-Amin, Yusuf Bala

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