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Politik

Neu in Washington

In DC ist alles anders. So muss das sein - in einer fremden Stadt, in einem fremden Land. Damit rechnen alle Neuankömmlinge. Aber der Alltag hält dann doch Überraschungen parat.

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Morgens vor der Arbeit: Mit einem frischen Kaffee beginnt für mich in Berlin der Tag. Meine Frühstückskultur ist geprägt durch meinen Küchentisch mit Zeitung, Schrippen und handgetöpferter Kaffeetasse.

Der gemeine Washingtonier nimmt sich für so eine Frühstücksmeditation keine Zeit. Er isst seinen Bagel auf dem Weg zur Metro, der Blackberry ersetzt die Zeitung, Kaffee gibt es "to go" aus dem Pappbecher. Ich stelle mich - wie 24 weitere Kaffetrinker - bei Starbucks an. Caramel Macchiato, Vanilla Latte, Skimmed Milk, Fat Free Soy - alles ganz nett. Gründlich studiere ich die Kaffeekarte. Die 24 Kaffeebesteller vor mir machen es möglich. Doch normaler Kaffee? Nirgendwo angeschlagen.

Schließlich bin ich an der Reihe: Einen normalen Kaffee hätte ich gerne. "Was für ein normaler Kaffe darf es denn sein?", fragt mich Matthew, der heute an der Kasse steht. "Einfach ein ganz normaler Kaffee, schwarz, mit ein bisschen Milch?", versuche ich erneut. Matthew schaut mich an, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. Hochgezogene Augenbraue, seine Stirn in Falten. "Meinen Sie vielleicht einen Long Black mit einem Slash Milch?" Ich will meine Kaffeemaschine.

Auf dem Weg zur Arbeit: DC hat - wie Berlin auch - ein ausgeprägtes U-Bahn-Netz. Allerdings sind die Metro-Züge in DC nicht quietsch-orange wie in Berlin. Sie sind depressiv-grau. Um zum Zug zu kommen, reise ich jeden Tag weit unter die Erde. Kriechend langsame Rolltreppen führen durch endlose Schächte in die Washingtoner Unterwelt. 2 Minuten und 3 Sekunden brauche ich, bis mich die Rolltreppe auf die Gleisebene hinab befördert. Ich komme mir vor wie ein Bergarbeiter unter Tage.

Während der Fahrt in die Tiefe bereite ich mich mental auf die nächste Hürde vor. Anders als in Berlin brauche ich in DC eine Magnetkarte, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Gekonnt ziehen die täglichen Metrofahrer ihre Magnetkarte aus der Tasche und hämmern sie auf den Magnet-Empfänger. Je schneller sich die kleine Barriere anschließend öffnet, desto eher qualifiziert man sich als Insider, als Businessmensch, als Städter - als jemand der dazugehört.

Eingelullt von der endlosen Rolltreppenfahrt raffe ich all meine Morgen-Energie zusammen. Ich will nicht als Neuling gelten, versuche also, die Eleganz meiner Metro-Kumpels nachzuäffen. Doch ich bin zu langsam. Eine Schlange staut sich hinter mir, die Leute drängeln, schütteln den Kopf. Sofort ist allen klar: Systemfehler, Neuling unter Tage.

Zu Fuß unterwegs: Ich laufe ein paar Blöcke zum Büro. Ein schöner kühler Tag, die Sonne scheint. Ich habe viel Zeit. Doch an jeder Ampel komme ich mir gehetzt vor. Anders als in Berlin, wo Ampelmännchen noch einen Hut tragen und irgendwie fröhlich wirken, zeigen die Ampeln in DC die Sekunden an. Die Sekunden, die mir als Fußgänger zum Überqueren der Straße übrig bleiben - Sekunden bis zum bitteren Ende, bis zu dem Zeitpunkt, wo die Autos anrollen. Auf der Mitte der Straße, aber die Zeit ist abgelaufen? Pech gehabt. Immer wieder kämpfe ich gegen einen neuen Countdown, immer wieder ticken die Sekunden. Das Leben ist zu kurz.

Nach Feierabend: Es ist acht Uhr abends, ich habe Hunger. In Berlin würde ich jetzt ausnahmsweise zum Imbiss um die Ecke gehen, Currywurst essen - oder Döner. In Berlin gibt es die an jeder Ecke, in DC sucht man sie vergebens. Alles, was ich finden kann, ist ein Teigfladen mit Fleischfüllung, ohne Soße. Acht Dollar? Nicht im ernst!

Ich pilgere zum Supermarkt. Wasser kaufe ich in DC nicht in Flaschen, sondern in riesigen 5-Liter-Plastikbehältern. Überhaupt gibt es Lebensmittel hier fast ausschließlich in riesigen Sammel-Packungen. So riesig und so schwer, dass ich schon gar keine Lust mehr habe, überhaupt einkaufen zu gehen.

Zu Hause angekommen: Für die Washingtoner endet ein normaler Arbeitstag. Ich hingegen sitze abgekämpft im Wohnzimmer, erschlagen von den Tücken des Alltags. Ich bin müde, ziehe Bilanz: Washington, DC ist nicht Berlin. Obwohl beide Städte auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, sind sie sehr verschieden. Einzige Gemeinsamkeit von Berlin und DC: Beide Hauptstädte wollen erobert werden. Nur wer sich mit genug Elan durch den Alltag kämpft, nur wer die Städte mit ihren Unannehmlichkeiten kennenlernt, kann sie wirklich begreifen. Und vielleicht sogar mögen? Trotzdem: Berlin ist einfach cooler. Mit den Worten des Berliner Bürgermeisters: Und das ist auch gut so!