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Filme

Neu im Kino: "Jeder stirbt für sich allein"

Die Stars und der Regisseur des Berlinale-Wettbewerbsbeitrags diskutieren, warum die Geschichte eines deutschen Ehepaars, das gegen die Nazis antrat, erzählt werden muss - heute mehr denn je.

Filmstill Alone in Berlin

Daniel Brühl in einer Szene aus dem Film.

Fast 70 Jahre hat es gedauert, bis "Jeder stirbt für sich allein" verfilmt werden konnte. Die Geschichte über ein deutsches Ehepaar aus Arbeiterkreisen, das eine außergewöhnliche Widerstandskampagne gegen die Nazis startete, wurde bereits 1947 vom deutschen Autor Hans Fallada niedergeschrieben. Sein Roman, eines der ersten Anti-Nazi-Bücher, das in Deutschland nach Kriegsende herauskam, wurde zum Verkaufsschlager, fiel dann aber der Vergessenheit anheim. Erst als er 2009 wieder neu entdeckt und ins Englische übersetzt worden war, wurde er zum Weltbestseller.

Der Schweizer Schauspieler und Regisseur Vincent Perez verfilmte den Roman 2016. Darin spielen der irische Schauspieler Brendan Gleeson und die aus London stammende Emma Thompson das Ehepaar Otto und Anna Quangel. Nachdem ihr Sohn im Krieg gefallen war - zu einer Zeit, als Hitler am Zenit seiner Macht stand - verteilten die Quangels in Berlin Postkarten, die die Nazis kritisierten. Daniel Brühl spielt den Polizeidetektiv, dessen Aufgabe es ist, die Schuldigen hinter dieser Aktion zu finden.

Am Montag (15. Februar 2016), nur wenige Stunden vor der Weltpremiere des Films auf der Berlinale, setzten sich Regisseur Perez und die Stars des Films mit Scott Roxborough (Deutsche Welle) zusammen, um den langen Weg dieses Werks vom Buch zum Film zu würdigen. Sie diskutierten darüber, wie wichtig der Kampf gegen die Tyrannei ist - egal zu welchem Preis.

DW: Was hat Sie an dieser Geschichte so gefesselt?

Vincent Perez: Die Lektüre des Romans. Er hat mich in jene Zeit zurückversetzt und in den Bann gezogen, vor allem, weil meine Mutter Deutsche ist. Ich habe wirklich etwas Neues über diese Zeit in Erfahrung gebracht. Als ob mir da eine Stimme zuflüstern würde: "So war das damals". Es war mir äußerst wichtig, diesen Film zu drehen. Das dauerte sehr lange - ganze neun Jahre.

Filmstill Alone in Berlin

Brendan Gleeson und Emma Thompson als Otto und Anna Quangel.

Emma Thompson: Ich kannte das Buch schon. Und seitdem ich schon in einem anderen Kriegsfilm mitgespielt hatte, war ich stets fasziniert vom Zweiten Weltkrieg. Ich wollte immer wissen, wie es wohl für die Deutschen selbst gewesen sein muss, als sie miterlebten, wie sich diese schreckliche Entwicklung innerhalb ihrer Machtstrukturen aufbaute. Ich habe immer geglaubt, dass die Nazis über Deutschland genauso eingefallen sind wie über andere Regionen – und das wird nicht richtig verstanden. Für Leute wie mich, die nur 15 Jahre nach Kriegsende in einem ziemlich düsteren Nachkriegslondon geboren wurde, sind die Auswirkungen des Kriegs auch noch in unserer Generation sehr spürbar. Aufgrund unserer Eltern. Sie stecken in uns allen – zwar nicht in Daniel, weil er soviel jünger ist, aber in mir und Brendan ganz bestimmt. Es ist faszinierend, und erschreckend. Und es ist furchtbar wichtig zu wissen, dass es in diesem Land Menschen gab, die empört waren und versuchten, Widerstand zu leisten. Diese Geschichte wurde mir nicht erzählt, als ich heranwuchs. Ich war sozusagen gehirngewaschen. Weil wir immer nur die Filme sahen, in denen nur die Briten Helden sind – das gleiche gilt für Frankreich mit all diesen Filmen über den französischen Widerstand. Und Vincent war so engagiert für diese Geschichte, auch aufgrund seines Familienhintergrunds, seiner engen Verbundenheit damit. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, irgendwas anderes zu sagen als "Das müssen wir machen."

Brendan Gleeson: Ich habe das Skript vor dem Buch gelesen. Es beinhaltet eine so nüchterne Annäherung an die Wahrheit, vor allem, was die Beziehung zwischen den beiden Eheleuten anbelangt – diesen Aspekt fand ich total interessant und herausfordernd. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich mal in Berlin war, als die Mauer noch stand. Wir zogen durch Ostberlin und hielten an einem Café. Da beschlich uns das Gefühl, ein sehr reales Gefühl, dass wir besser unseren Kopf niedrig tragen sollten. Der Vertrauensverlust und das Scheitern der Ehe (im Skript), das viele Schweigen, das stellte eine große dramatische Herausforderung dar. Ich wußte, das ist spektakulär. Also wollte ich die Rolle haben.

Daniel Brühl: Ich bin im Allgemeinen von Fallada fasziniert. Er benutzt eine sehr präzise, sehr raue Sprache für Geschichten, die sich oft um Arbeiter drehen. Und speziell dieses Buch ist eine Geschichtslektion für mich. Ich lebe in diesem Viertel, Prenzlauer Berg. Das sind die Straßen, in denen ich Tag für Tag mein Leben verbringe. Diese Rolle hat mich so angezogen, weil dies ein Mann ist, der durch das Regime gebrochen wurde. Das passierte so vielen Menschen. Emma hat Recht, ich bin etwas jünger, aber trotzdem - als Deutscher wird man irgendwann mal mit dieser Frage konfrontiert: Was hat meine Familie getan? Wie haben sie sich verhalten? Für jeden Deutschen ist das ein Thema, das irgendwann mal wichtig wird. Nur selten sieht man im Film, vor allem im englischsprachigen Film, Deutsche, die auf diese Art und Weise dargestellt werden.

Vincent Perez: Ja, es hat zwar ein paar deutsche Filme gegeben, die die deutsche Perspektive dargestellt haben, aber nicht auf internationalem Niveau. Das ist einer der Gründe, warum wir diesen Film auf Englisch gedreht haben. Diese Story wollen oder müssen wir nicht den Deutschen erzählen. Sie kennen die Geschichte. Aber wenn man einen internationalen Film dreht, der überall laufen wird, ist dies eine Geste, die allen zeigen soll, dass sich diese Geschichte in Deutschland ereignet hat, dass sie sich aber auch in Frankreich ereignen könnte, dass sie sich überall ereignen könnte. Die nächste Herausforderung bestand daraus, einen Film über den Zweiten Weltkrieg zu schaffen, der nicht genauso aussieht, wie all die anderen solchen Filme. Das war eine der größten visuellen Herausforderungen. Für uns war es ein großer Vorteil, dass wir dieses Haus zum Drehen fanden, und dass wir das gesamte Haus haben konnten - ein wirkliches Haus aus der damaligen Zeit - und in der Lage zu sein, alle dort unterbringen zu können. Aber das Herzstück desFilms ist etwas anderes. Das ist das Ehepaar, wie sie wieder neu zusammenfinden, indem sie nach dem Verlust ihres Kindes ein gemeinsames Ziel neu entdecken.

Emma Thompson

Emma Thompson bei der Berlinale.

Emma Thompson: Jede Szene, in der sie beide vorkommen, gleicht einem kleinen Stück über die Ehe. Sie entdecken ihre Liebe wieder neu, weil sie etwas zusammen tun, etwas Lobenswertes. Das ist sehr real und sehr modern. Deshalb haben wir es in Filmen oft mit Beziehungen zu tun, die völlig sinnentleert sind. Aber bei dieser Beziehung hier geht es um etwas. Es geht darum, wie Menschen wieder einen Sinn finden, und in diesem Sinn gedeiht diese schöne Pflanze der Liebe.

Daniel, Sie spielen keinen Nazi, aber jemanden, der für die Gestapo arbeitet, und einfach nur Befehle entgegennimmt. Das ist ein Argument, oder eine Ausrede, die man oft von Deutschen aus dieser Zeit gehört hat.

Daniel Brühl: Als ich mein soziales Jahr absolvierte (das man hierzulande macht, anstatt zur Bundeswehr zu gehen) kümmerte ich mich um 12 verschiedene Personen aus dieser Generation, und das war meine einzige Gelegenheit, mit Menschen zu sprechen, die diese Zeit miterlebt hatten. Und elf von ihnen sagten genau das: Wir wussten nichts, wir wussten nichts. In Vorbereitung auf den Film sprachen wir über ein sehr interessantes Buch namens "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner. Der Autor war ein junger Rechtsanwalt, der nach England flüchtete, und sein Buch zeigt, dass man durchaus etwas wissen konnte. Zumindest in den Städten wusste man, was da vor sich ging.

Emma Thompson: Bei dieser Geschichte geht es darum, was es bedeutet, ein Mensch zu sein unter den allerschwierigsten Umständen. Was Fallada und Haffner so wundervoll beschreiben, ist auch das Entsetzen und der Kummer von Menschen, die mit der Polizei und dem Gesetz arbeiteten. Diese Instrumente, die einst erfunden wurden, um uns zu schützen und unser Verhalten auszubalancieren, und auf die man sich jahrhundertelang verlassen hat, wurden zersetzt, ausgehöhlt und durch die brutalste und schwachsinnigste menschliche Dummheit ersetzt.

Brendan Gleeson: Ich denke, dass es sich nur die wenigsten Leute erlauben können, zu sehen, was tatsächlich passiert. Ich meine, wieviele Leute gehen in einen Schlachthof? Aber trotzdem essen die meisten von ihnen Steaks. Die Menschen sehen nur das, was sie sehen wollen. Wenn Du dazu gebracht werden sollst, das richtige zu tun, ist das sehr schwierig.

Emma Thompson: Es gibt einen bemerkenswerten Aufsatz namens "The Bureaucracy of Homicide" ("Die Bürokratie des Massenmords") in dem Buch "Protest and Survive" ("Protestiere und überlebe"), in dem es um die Bürokratie von CIA und FBI geht, und darum, wie man jemanden dazu überreden kann, auf einen Knopf zu drücken, der eine Drone losjagt, um Menschen zu töten, die sehr weit weg sind, und mit denen man nie einen Streit hatte. Genau das tun wir doch auch selbst. Wir sollten nicht so tun, als sei dieses Phänomen nur auf die Vergangenheit beschränkt. Es ist präsent, jetzt in diesem Moment. Wir schicken Dronen, um Menschen zu töten, die uns nichts getan haben. Wir sind alle ein Teil davon. Wir sagen alle: "Ich kann mir das nicht anschauen, es ist zu schrecklich." Am Ende schreiben Otto und Anna Hunderte von Karten, von denen fast alle direkt bei der Gestapo landen. Ihre Anstrengung erscheint fast sinnlos.

Brendan Gleeson: Die Herausforderung besteht immer darin, dass es eine sinnlose Geste ist. Und das ist die innere Angst, dass es alles wertlos ist. Es ist, als ob man bei einem Marathon gegen die Wand stößt, wenn man denkt, dass es keinen Sinn macht. Aber der Durchbruch passiert eben dann, wenn man das durchbricht. Und man darf nicht vergessen, wir sind erst am Anfang des Frankreich-Feldzugs. Es ist das Jahr 1940. Sie denken, dass niemand den Schmerz verstehen kann, weil er noch nicht alle berührt hat auf die Weise, die noch kommen soll. Auf eine Postkarte schrieben sie: "Sie töteten unseren Sohn, sie werden Ihren Sohn töten." Es handelt sich nicht nur um eine Geste, sondern den Versuch, den Menschen die Augen zu öffnen, nicht mehr mit der Kriegsmaschinerie zu kooperieren.

Vincent Perez: Was ich an Otto und Anna so mag, ist, dass sie keine Superhelden mit Maschinengewehren sind. Sie tun etwas auf ihrem Niveau, aber das tun sie wenigstens auch. Und sie werden dafür ihr Leben hergeben.

Filmstill Alone in Berlin

Thompson: "Eine wunderschöne Pflanze der Liebe"

Emma Thompson: Das ist etwas, womit wir alle uns konfrontiert sehen, alle diejenigen von uns, die Aktivisten für irgendwas oder Kriegsgegner waren. Du bist gegen den Krieg im Irak, aber dann wird Dir unterstellt, Du müsstest ein Freund von Saddam Hussein sein. Das ist mir passiert, in meinem eigenen Land. Intelligente Journalisten, die aus Dir den besten Freund von Saddam Hussein machen, weil Du Dich gegen einen Krieg ausgesprochen hast, in dem eine große Stadt bombardiert wurde und Zivilisten getötet wurden. Das geschah 1990. Hallo? Aufwachen! Wir tun es schon wieder. Und wir werden es immer wieder tun, es sei denn, wir lernen endlich was daraus.

Vincent Perez: Was mit den Quangels passierte, war, dass sie es schafften, sich wieder ineinander zu verlieben. Sie schafften es, sich wieder zu verbinden. Und das reicht.

Woraus bestand die größte Herausforderung beim Dreh dieses Films?

Emma Thompson: Die größte Herausforderung bestand daraus, lange genug nicht zu reden, um das Ding zu drehen. Wir saßen da immer und redeten und redeten stundenlang. Das ging immer so weiter über Tage. Und zum guten Schluss sagte Vincent, "Hey, wir müssen jetzt drehen. "

Das ist nicht einfach nur ein Roman. Er basiert ja auf realen Menschen. Was haben Sie persönlich aus deren Geschichte für sich selbst gewonnen?

Brendan Gleeson: Nur Ermutigung. Diese leise Stimme, oder die manchmal sogar laute innere Stimme, die da sagt, "Das ist übrigens falsch." Diese Geschichte ermutigt einen dazu, auf diese Stimme zu hören, zu realisieren, dass sie Recht hat.

Emma Thompson: Während des Drehs sagte Vincent immer wieder zu mir, "Tu es déjà une combattante – Du bist ja schon eine Kämpferin." Was zutrifft. Ich kämpfe immer gegen irgendetwas an. Das ist Anna, die ihren Weg findet, die findet, was in ihrem Inneren ist. Für mich besteht die Inspiration aus dieser Frau, die keine nennenswerte Erziehung hatte, und keine Freude in ihrem Leben, die aber dann diesen Teil von ihr selbst entdeckt, der fähig war, zu rebellieren. Jener Teil, der in der Lage war, zu sagen, "Nein, so werde ich mich nicht benehmen. Ich werde das tun, was sich richtig anfühlt." Das ist eine riesige Inspiration. Sie ermahnt uns, das zu tun, was wir tun müssen. Das dürfen wir nicht vergessen - egal, wie gut erzogen, belesen oder ausgebildet wir auch sein mögen… denn es ist keinesfalls so, dass Menschen, die all die Erziehung und die Chancen bekommen haben, die wir bekommen haben, nicht trotzdem manchmal zu Monstern werden. Das kommt vor. Wir müssen immer auf der Hut sein. Was so inspirierend war, ist, dass diese Frau aufwachte und tapfer war.

Daniel Brühl: Ihre Geschichte ist auch eine Warnung, auf der Hut zu sein vor jedweder Art von Manipulation und Veränderungen in der Gesellschaft, die wir jetzt beobachten können. Ich muss sagen, ich mag unsere Bundeskanzlerin, aber die Flüchtlingskrise hat Deutschland bereits verändert. So langsam breitet sich ein Gift aus. Menschen, die sich eigentlich als liberal einschätzten, sind auf einmal gar nicht mehr so liberal. Man kann wirklich beobachten, wie ein ganzes Land, ein ganzer Kontinent sich verändert. Das ist gefährlich. Man muss achtsam sein. Und den Willen und den Mut haben, etwas dazu zu sagen.

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