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Bildung

Netzwerk Türkei

Wer sich mit Spezialfragen zur Türkei befasst, war lange Einzelkämpfer. Diese Erfahrung haben zwei Berliner Studenten gemacht – und ein Netzwerk gegründet, das heute ein Baustein deutsch-türkischer Uni-Kooperationen ist.

Türkeitaste auf einer Computer-Tastatur (Foto: Fotalia 26654484)

Derek Bryce weiß, wie sich Menschen in der Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts kleideten. Yasemin Çakırer beschäftigt sich mit sozialer Aufsplitterung in türkischen Großstädten. Fachwissen, das normalerweise zwischen den Buchdeckeln von Diplomarbeiten oder Dissertationen landet und nur von sehr wenigen Menschen gelesen wird.

Internetplattform für Spezialwissen über die Türkei

Doch Derek Bryce und Yasemin Çakırer wollten ihr Spezialwissen nicht für sich behalten. Sie sind am Austausch mit anderen Studenten und Wissenschaftlern interessiert. Deshalb sind sie Mitglieder des "Netzwerks Türkei" geworden. Einer Internetplattform, die zwei Berliner Politik-Studenten vor gut dreieinhalb Jahren gegründet haben.

"Wir waren damals am Ende unseres Studiums", erinnert sich Christoph Mielke. Material zu tagespolitischen Fragen habe es da sehr viel gegeben, etwa zu Migration und dem EU-Beitritt der Türkei. Aber zu seinem Thema, der Außenpolitik der Türkei im Nahen Osten, waren die greifbaren Informationen dürftig. Wer sich mit der Politik, Wirtschaft oder Kultur der Türkei beschäftigt, ist ein Einzelkämpfer, stellten Mielke und sein Studienfreund Daniel Gruetjen bald fest.

Link-Listen und Publikationen in Deutsch, Englisch und Türkisch

Screenshot netzwerk-tuerkei.org

Die Homepage des Netzwerks

Das wollten sie nicht bleiben. Und so haben die beiden Studenten kurzerhand eine eigene Homepage entwickelt: netzwerk-tuerkei.org. In drei Sprachen, Deutsch, Englisch und Türkisch, können die User dort Informationen und Meinungen austauschen, eigene Publikationen veröffentlichen und Link-Listen einstellen. Mittlerweile präsentieren sich auf der Seite rund 120 Personen aus verschiedenen Ländern, die Fachwissen über die Türkei haben und das auch gerne weitergeben.

Vom Urlaubsziel zum beliebten Studienstandort

Das Netzwerk Türkei wächst. Und das scheint symptomatisch zu sein für das wachsende Interesse aus Deutschland am Wissenschafts- und Hochschulstandort Türkei. Lange Zeit war die Türkei vor allem für deutsche Sommerurlauber attraktiv. Inzwischen entdecken sie das Land auch als Studien- und Lebensort. In den letzten vier Jahren sind mehr Menschen aus Deutschland in die Türkei gegangen als umgekehrt. Stärkster Magnet ist die türkische Metropole Istanbul, die sich in den letzten Jahren regelrecht zu einer Boom Town für Ausländer aus aller Welt entwickelt hat.

Das macht sich auch an den Unis bemerkbar. Beispiel Auslandsstudium: Im Jahr 2005 sind 210 Erasmus-Studierende zum Studium in die Türkei gegangen. Fünf Jahre später waren es bereits mehr als doppelt so viele. Für die türkischen Unis spricht auch, dass viele ihre Vorlesungen in Englisch anbieten.

Countdown für Deutsch-Türkische Universität läuft

Beate Schindler-Kovats, Leiterin der Gruppe 'Hochschulprojekte im Ausland' beim Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD (Foto: DAAD/Lichtenscheidt)

Beate Schindler-Kovats: "Die Türkei liegt im Trend."

Das Interesse deutscher Studierender an der Türkei liege im Trend, sagt Beate Schindler-Kovats, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst für die deutsch-türkische Hochschulzusammenarbeit verantwortlich ist. Aber auch auf offizieller Ebene gebe es immer mehr Projekte zwischen türkischen und deutschen Unis. Ein Höhepunkt dieser Kooperation war die Grundsteinlegung zur neuen Deutsch-Türkischen Universität DTU in Istanbul im Oktober 2010.

Hier von einem bloßen Trend zu sprechen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Die ersten Anläufe zu einer gemeinsamen deutsch-türkischen Hochschule habe es bereits in den 1980er Jahren gegeben, sagt Beate Schindler-Kovats. Damals noch unter Ex-Kanzler Helmut Kohl. Im Jahr 2006 wurde das Projekt konkreter. Was folgte, war ein langer politischer Prozess, allein auf deutscher Seite mussten alle 16 Bundesländer den Plänen zustimmen.

5000 Studierende sollen mittelfristig an der DTU eingeschrieben sein

Im Herbst 2011 soll der Studienbetrieb an der DTU starten. Einen Rektor und einen Dekan gibt es bereits. Die anderen Posten müssen noch besetzt werden. Die Frist bis zum Herbst sei eng, sagt Beate Schindler-Kovats. Doch sie hoffe, dass bis dahin alles auf dem Weg sei. Mittelfristig sollen an der DTU 5000 Studierende ihr Studium aufnehmen, in deutschsprachigen Studiengängen und in zunächst fünf Fakultäten: Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Rechts- und Geisteswissenschaften.Kooriniert wird das gesamte Projekt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst.

DTU als Integrationsmotor

Im Rahmen der symbolischen Enthüllung des ersten Steins der Deutsch-Türkischen Universität (DTU) spricht der Präsident der Republik Türkei, am Freitag (22.10.2010) in Istanbul-Beykoz (Türkei) zu den Gästen. Am Abend endet der viertägigen Besuch des Bundespräsidenten mit seiner Frau in der Türkei. Foto: Rainer Jensen dpa

Der Präsident der Türkei, Abdullah Gül, spricht bei der Grundsteinlegung für die DTU.

"Besser kann man Integration nicht betreiben", sagte die im deutschen Außenministerium für Kulturpolitik zuständige Staatsministerin Cornelia Pieper, als im Oktober der Grundstein für die DTU gelegt wurde. Die Absolventen der DTU würden "ganz selbstverständlich eine besondere Beziehung zu Europa haben".

Eine Beziehung, die sich auch das "Netzwerk Türkei" zur Aufgabe gemacht hat. Die deutsch-türkischen Beziehungen werden nicht nur im Internet, sondern inzwischen auch in Konferenzen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen gepflegt. Alles nebenbei, wie Christoph Mielke ein bisschen stolz erzählt. Neben dem beruflichen Alltag. Denn Mielke und sein Freund Daniel Gruetjen haben ihr Studium abgeschlossen. Der Austausch mit der Türkei ist ihnen aber nach wie vor wichtig.

Und ihre Arbeit wird anerkannt. Mittlerweile wird das Netzwerk Türkei vom Goethe-Institut und politischen Stiftungen sowie von namhaften Universitäten in Deutschland und der Türkei unterstützt.


Autorin: Silke Bartlick / Svenja Üing
Redaktion: Gaby Reucher

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