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Kultur

Netzwerk der Kunst: mit "Goethe" in Eriwan

Luxusshops und Bankenwerbung: Armenien schwelgt im Kapitalismus. Zugleich klebt das offizielle Kulturleben an alten Sowjet-Strukturen. Die unabhängige Kunstszene sucht Alternativen – auch mit deutscher Hilfe.

Graffiti der Künstlergruppe Art Laboratory in Yerevan (Copyright: Art Laboratory)

"Geld leuchtet auch im Dunkeln", sagt ein armenisches Sprichwort. Wenn es danach geht, glitzert es in Eriwan noch lange. Die gefühlte Dichte an Bankenwerbung ist so hoch wie in Frankfurt, London und New York zusammen. Und im Stadtzentrum werden immer mehr Edelfassaden hochgezogen. Viele Neubauten stehen leer, aber gebaut wird weiter: Das Leuchten lockt. 20 Autominuten davon entfernt, in Bangladesh, hat man mit diesem Blendwerk nichts zu tun. Bangladesh heißt hier eine Satellitenstadt mit gesichts- und endlosen Häuserblocks. Doch wo man es nicht vermutet, leuchtet ein Stück Kunst: im Kulturzentrum namens "Suburb" - eine Privatinitiative engagierter Künstler und Kuratoren. Zu ihnen gehört Eva Khachatryan. Sie hat dort ein dreitägiges Treffen organisiert, das Kollegen aus Armenien, Georgien und Deutschland zusammenbringt: Teil eines Programms, das am Goethe-Institut entwickelt wurde und Kulturmanager aus Osteuropa und Zentralasien fördert.


Das Cafesjian Center for the Arts, Yerevan (Foto: Aya Bach)

Monströses Museum: Das Cafesjian Center for the Arts


Hunger nach Information

Das Ziel: Netzwerke knüpfen. Denn Kunst-Initiativen können sich grenzüberschreitend unterstützen. "Es ist wichtig, die internationale Szene hier zu haben", betont Eva, "wir haben eine junge Generation von Künstlern, die nach jeder Information über zeitgenössische Kunst hungert." Die ist in Armenien kaum zu bekommen: Ausbildung und Studium verharren in alten sowjetischen Strukturen. Wer etwas über aktuelle Kunst wissen will, ist auf private Alternativen angewiesen – organisiert von Künstlern, Kritikern oder Kuratoren, die sich praktisch ohne Geld dafür engagieren.


Business-Center im Stadtzentrum Yerevans (Foto: Aya Bach)

Alte Zeit, neue Zeit: Business-Center in Eriwan

Staatstragende Kunstgeschichte

Das liefert Diskussionsstoff für den Workshop im "Suburb". Von den vielen Kunst-Initiativen, die in der post-sowjetischen Aufbruchsstimmung entstanden, sind die meisten wieder verschwunden oder stehen vor größten Geldproblemen. Staatliche Hilfe: Fehlanzeige. Doch zugleich ist fraglich, ob man die überhaupt haben will. Die armenische Kuratorin Susanna Gyulamiryan sieht gute Gründe, Distanz zum Staat zu wahren. "Obwohl es jetzt eine Opposition gibt und künstlerische Strömungen, die völlig konträr zu den traditionellen Institutionen stehen, tragen wir noch viel Sowjet-Zeit mit uns herum". Das offizielle Kunstverständnis, moniert sie, sei noch immer staatstragend, abweichende Positionen hätten keinen Platz: "Ich finde das nationalistisch!"


Förderpaket aus Deutschland

Eva Khachatryan vor der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Berlin-Kreuzberg. (Copyright: NGBK)

Inspirationsquelle Berlin: Eva Khachatryan

Praktisch die gesamte Kunstszene sieht sich in einer politischen Oppositionsrolle. Da sind Alternativen zur Anbindung an staatliche Institutionen willkommen, etwa durch Vernetzung mit Kunst-Initiativen aus dem Ausland. Darauf zielt das Treffen im "Suburb", das seinerseits auf einer Kooperation mit Deutschland beruht. Denn zu dem "Goethe"-Programm, an dem Eva Khachatryan teilnimmt, gehörte auch ein Aufenthalt in Berlin.

Dort hat sie einen Monat lang bei der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) gearbeitet und dabei neue Kontakte zu Künstlern und Kuratoren geknüpft. Im Gegenzug ist nun NGBK-Koordinatorin Wibke Behrens zum Workshop nach Yerevan gekommen. Sie könnte sich vorstellen, für längere Zeit eine Stipendiatin aus Armenien nach Berlin zu holen. Zwar lässt sich nicht alles in drei Tagen klären, aber "es macht einfach Sinn, längere Zeit hier zu sein, um zu verstehen, wie die Kultur-Uhren ticken."


Sex, Graffiti, Biennale

Denkmäler in Yerevan (Foto: Aya Bach)

Steinern und staatstragend: Yerevan hat zahllose Denkmäler

Manche Uhren ticken gar nicht so viel anders als in Berlin, von Street Art bis zum internationalen Parkett. In einem Hinterhof zeigt ein Künstlerduo eine spießige Küche und ein muffiges Schlafzimmer; die Installation nimmt Sexualität und Geschlechterrollen aufs Korn. Eine Gruppe von Polit-Aktivisten sprüht nachts provozierende Graffiti und legt sich gerne mal mit der Polizei an. Und Arbeiten des Foto- und Videokünstlers Vahram Aghasyan - gespenstische Überreste sowjetischer Bauten in Armenien – waren schon auf der Biennale Venedig zu sehen.


Bombastische Schlachtengemälde

Doch es gibt auch Kultur-Uhren, die offenbar vor- und rückwärts zugleich laufen. Das "Cafesjian-Center" etwa, ein Museumskomplex, der vor wenigen Jahren in einem bombastischen Bau aus Sowjet-Zeiten eingerichtet wurde. Über 100 Meter hoch, überragt von einem Nationaldenkmal. Hier präsentiert ein amerikanisch-armenischer Medien-Unternehmer seine Kollektion, von dekorativen Glas-Arbeiten bis zu wandfüllenden Schlachtengemälden.

Das ist ungefähr das Gegenteil dessen, was die junge Kunstszene interessiert. Doch Eva Khachatryan hat bewusst einen Teil des Workshops hier angesetzt - mit hochrangigen Gästen des Goethe-Instituts. Sogar eine Vertreterin des armenischen Kulturministeriums lässt sich blicken. Diese Aufmerksamkeit ist neu für Evas Initiative. Aber auch hier entwickelt sich eine freie Diskussion, kommen Künstler zu Wort, die sich jeder staatstragenden Funktion entziehen.


Fotoarbeit des Künstlers Vahram Aghasyan aus seinem Zyklus Ghost City. Sie zeigt leerstehende Häuser, die nach dem Erdbeben in Armenien 1988 aufgebaut wurden, um den Menschen eine Unterkunft zu geben. Es handet sich um eine Fotomontage, die das Häuser darstellt, als ständen sie im Wasser. (Copyright: Vahram Aghasyan) Wir dürfen das Bild honorarfrei unter Nennung des Copyrights verwenden,

Vahram Aghasyans Blick auf die Geschichte: Nach dem Erdbeben 1988 zog niemand in die Neubauten ein.


Kultur-Labor als Gegenwelt

Manchmal gibt es sogar Momente, in denen dieses Treffen wie eine real gewordene Utopie erscheint. Kein Zufall, denn Eva Khachatryan knüpft an ein weltumspannendes Kunst-Projekt namens "Other Possible Worlds" an, das sie bei der NGBK kennengelernt hat. Es besteht aus selbstorganisierten Akademien, Kreativ-Laboren oder Kunst-Räumen - Gegenentwürfe zum ökonomisch bestimmten Alltag, an Brennpunkten von Israel bis Nigeria, von China bis Mexiko. Und jetzt auch in Armenien. Wissen zu generieren, neue Perspektiven zu entwickeln ist schon Teil dieser Gegenwelten , sagt Berit Fischer, eine der Kuratorinnen des globalen Projekts: "Es bereichert mich persönlich, zu sehen, wie diese 'Other Possible Worlds' in einem ganz frühen Stadium passieren."

Kampf für die Zivilgesellschaft

Drei Teilnehmer des Workshops im Suburb-Kulturzentrum (Foto: Aya Bach)

Workshop im 'Suburb'

Zugleich ist ein Netzwerk entstanden, das nun ausgebaut werden soll. Zu den konkreten Vorhaben zählt ein Archiv für zeitgenössische Kunst mit einer Bibliothek für Erivan – ein Mittel, um dem dramatischen Mangel an Information abzuhelfen. Den Plan hegt Eva Khachatryan schon lange, jetzt könnte es klappen – mit Unterstützung aus Berlin. "Das könnten wir mit der NGBK organisieren. Da ist auch nebenan ein Buchladen, vielleicht können die uns dabei helfen."

Und sie will noch einen Schritt weitergehen. Trotz aller Bedenken hat sie nun beschlossen, für ihre Initiative Unterstützung beim Kulturministerium zu suchen, wie es dessen Vertreterin beim Workshop versprochen hat. "Ich weiß nicht, ob man mit so einem Seminar wirklich die Zivilgesellschaft in unserem Land aufbauen kann", fragt sie sich nach den drei Tagen. "Aber wir arbeiten seit zehn Jahren oder noch länger daran - und wir kämpfen genau dafür! Wir verlassen unser Land nicht, weil wir genau das aufbauen wollen. Dieses Projekt ist eine große Hilfe für uns. Denn wir glauben daran, dass wir etwas Sinnvolles tun!"

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Stephanie A. Hiller