Netflix kauft Story der Betrügerin Anna Delvey | Kultur | DW | 12.06.2018
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Netflix kauft Story der Betrügerin Anna Delvey

Die Betrugsserie der mittlerweile als falsche Erbin entlarvten Anna Delvey alias Anna Sorokin wird zur Netflix-Serie über den "Soho Grifter". Damit ist der Betrügerin unfreiwillig der nächste dreiste Coup gelungen.

Laut New York Magazine führte Anna Delvey alias Anna Sorokin (rechts im Foto) ein sagenhaftes Luxusleben, von dem die meisten jungen Frauen nur träumen können: Monatelange Aufenthalte in schicken New Yorker Hotels, Einladungen zu Partys, auf denen sie mit den Reichen und Schönen flirtete, Flüge hin und her über den großen Teich, um an den Vernissagen von Kunstausstellungen teilzunehmen, Spaziergänge durch Venedig während der Biennale.

Einmal charterte sie sich sogar einen Flieger, um mal eben schnell zur jährlichen Investmentkonferenz von Berkshire Hathaway in Omaha zu jetten und dort Warren Buffett zu treffen. Aus einer plötzlichen Laune heraus verbrachte sie eine Woche in einem Luxushotel in Marokko und speiste in Begleitung diverser Berühmtheiten in Gourmetrestaurants. Alle ihre Abenteuer dokumentierte sie auf Instagram.

In New York tischte Delvey ihren Bekannten ein Lügenmärchen auf, wonach sie aus Eschweiler bei Köln stamme und auf die Auszahlung ihres Erbes durch einen Treuhandfonds warte, um sodann ihre ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen: die Gründung eines neuen Zentrums für visuelle Kunst in New York, genauer gesagt im historischen Church Missions House an der Kreuzung der Park Avenue und der East 22nd Street. Delvey begann sogar schon mit der konkreten Umsetzung ihres Plans, indem sie einen Grafiker damit beauftragte, ein Logo für die dann zu gründende Anna Delvey Foundation zu entwerfen. Außerdem fragte sie bei Banken nach Krediten in Millionenhöhe nach.

Screenshot Instagram - Kunstbetrügerin Anna Delvey (Instagram/annadlvv)

Manche Beobachter meinen, die Fake-Künstlerin wäre niemals so erfolgreich gewesen, hätte nicht ihr sorgfältig gepflegter Instagram-Account stets den Eindruck gemacht, sie sei steinreich

Tja, aus dem Kunstzentrum wurde dann leider nichts. Denn die ganze selbsterfundene Lebensgeschichte von Anna Delvey entpuppte sich als Riesenschwindel. Als sie im Oktober 2017 schließlich verhaftet wurde, hinterließ die Hochstaplerin einen Berg ungedeckter Schecks und unbezahlter Rechnungen sowie betrogene und belogene "Freunde", die vor lauter Schreck erstarrt waren.

Doch so schnell gab sich die dreiste falsche Erbin, die eigentlich gebürtige Russin ist, Anna Sorokin heißt und als Kind nach Deutschland kam, nicht geschlagen. Nachdem sie wegen schweren Diebstahls angeklagt worden war, gab sie Jessica Pressler, einer Autorin des New York Magazine, ein exklusives Interview, das auf deren Lifestyle-Webseite The Cut veröffentlicht wurde.

Es war gar nicht so schwer, an Geld zu kommen

In dem Artikel "Maybe She Had So Much Money She Just Lost Track of It" sprach Pressler nicht nur mit Delvey selbst, sondern auch mit Leuten, die die Möchtegern-Prominente gekannt hatten. Hierbei deckte sie eine den meisten Menschen unzugängliche eigene Welt auf - eine Welt, in der es leicht erscheint, sich Freunde zu machen und ans große Geld zu gelangen. "Es ist schwer, Ausdauer zu entwickeln", sagte Delvey der Autorin, "aber es ist nicht schwer, Geld zu bekommen."

Wenn doch nur das Geld tatsächlich ihr gehören würde! Ihr Vater, ein ehemaliger Lastwagenfahrer und Manager eines mittleren Betriebs in Eschweiler, bestreitet das jedenfalls. Er sagte dem New York Magazine: "Bisher haben wir noch nie etwas von einem Treuhandfonds gehört." 

Die ganze Geschichte hat die New Yorker Medien- und Kunstszene in helle Aufregung versetzt. Auf Twitter wurde Anna Sorokin als "Soho Grifter" bezeichnet, als "Soho Gaunerin" (in Anspielung auf den gleichnamigen Teil von Manhattan).

Ein Bekannter von Delvey in Berlin, wo sie mal ein Praktikum im Bereich Öffentlichkeitsarbeit bei einer Modefirma gemacht haben soll, berichtete dem New York Magazine, auch dort seien mehrere Personen von Delvey übers Ohr gehauen worden. "Sie hat quasi jeden belogen und betrogen", behauptete diese Quelle. 

Schwindel in der Kunstszene

Eine Person, die Opfer von Delvey wurde und ihr im Gerichtssaal gegenüberstand, ist eine frühere Freundin von ihr: Rachel Deloache Williams, Fotoredakteurin bei Vanity Fair. In dieser Zeitschrift schrieb Williams auch über die unangenehmen Erfahrungen, die sie mit Delvey während eines einwöchigen Aufenthalts in einem Fünfsterne-Hotel in Marokko machte.

"Für mich wurde es ein Full-Time-Job, meinem Geld hinterherzurennen und meine Kosten zurückerstattet zu bekommen. Der Stress raubte mir den Schlaf und füllte den ganzen Tag. Meine Kollegen sahen, wie ich zugrunde ging. Ich kam blass und total aufgelöst zurück ins Büro", schrieb Williams.

Ebenfalls betrogen wurde der bekannte Kunstsammler Michael Xufu Huang, Gründer des M Woods Museum in Peking. Er begleitete Delvey auf der Biennale in Venedig. Wie Xufu Huang dem New York Magazine erzählte, machte es ihn zwar irgendwie stutzig, dass Delvey ihn bat, beide Flugtickets von seiner Kreditkarte zu bezahlen. Später habe er aber vergessen, dass sie ihm eigentlich versprochen hatte, ihm das Ticket zurückzuerstatten. Schließlich seien es ja auch "nur" etwa 2000 oder 3000 Dollar gewesen. 

Das ganze Ausmaß von Delveys Betrügereien ist noch gar nicht bekannt. Es darf erwartet werden, dass noch viele weitere seltsame Geschichten ans Tageslicht kommen. Der Grafiker Marc Kremers twitterte im April, auch sein kleines Unternehmen habe aufgrund unbezahlter Rechnungen Klage gegen Delvey erhoben.

Die große Frage, die sich viele stellen, lautet: Wie kann es sein, dass es so lange gedauert hat, bis Delvey entlarvt wurde? 

"Das ganze ist in erster Linie eine Geschichte über die Kunst", schrieb Ben Davis vom Art Net in seinem Artikel "How Purple Magazine Intern-Turned-Scam Artist Anna Delvey Turned Contemporary Art Into the Perfect Tool for Fraud".

"Werft einen Blick auf Delveys Instagram und macht Euch klar, wie die Bedeutung der Kunst ausgehöhlt worden ist." 

Screenshot Instagram - Kunstbetrügerin Anna Delvey (Instagram/annadlvv)

Der Instagram-Account, von dem angenommen wird, dass er Anna Delvey gehörte, ist inzwischen verstummt

"Was mich an der Geschichte interessiert ist, wie diese Trickserei, mit der Delvey ihre unfassbar lange Betrugsserie fortsetzte - Reichtum zur Schau zu stellen, ohne tatsächlich reich zu sein - dupliziert wird in der Weise, wie eine oberflächliche Verbundenheit mit Kunst so oft mit der Liebe und Bewunderung für Kunst verwechselt wird", schrieb Ben Davis.

Nun haben Netflix und die Produktionsfirma Shondaland die Rechte am Artikel des New York Magazine erworben. Die Produzentin der Firma, Shonda Rhimes, wird die Serie schreiben. Sie ist vor allem als Autorin des populären Medizindramas "Grey's Anatomy" bekannt.

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