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Nerdig

Sie wissen, was ein Nerd ist? Wenn ja: prima. Wenn nein: dann haben wir ein Problem. Denn Nerd lässt sich nicht mit einem bestimmten deutschen Wort übersetzen.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen (Foto: privat)

Burkhard Spinnen

Und es unternimmt auch niemand mehr den Versuch einer Übersetzung. Nerd ist eine angelsächsische Wortneuschöpfung; und da zumindest ein Großteil unseres Planeten bewusstseinstechnisch eng vernetzt ist, wurde das Wort gar nicht übersetzt, sondern ohne allzu große Verzögerung einfach ex- beziehungsweise importiert.

Was ist ein Nerd?

Und was ist nun ein Nerd? Puh! Schwer zu beschreiben, aber leicht zu erkennen. Meistens Jungs, egal welchen Alters, zunehmend aber auch Mädels, die das gerade Gegenteil von cool sind. Nerds sind blitzgescheit, wenngleich auf eine manchmal leicht bizarre Art und Weise. Sie trennen sich nie von ihrem PC, in dem alle ihre Freunde wohnen und sie selbst eigentlich auch. Nerds verbinden kindliche Interessen mit der Suche nach Weltrettungs- oder auch Weltvernichtungsformeln. Sie hören Musik, die nie in die Hitparaden kommt; sie trinken Multivitaminsaft statt Cocktails, essen Tiefkühlpizza statt Sushi, und sie tragen Klamotten, die noch jenseits von unmodisch sind.

Das sind Nerds. Früher einmal waren sie in der Minderzahl. Ich selbst war um 1970 herum vermutlich auch ein Nerd. Damals aber hieß das Spinner oder Träumer oder Stubenhocker und wurde nicht gerne gesehen. Heute sind die Nerds dabei, ein tragendes Element unserer digital vernetzten Gesellschaft zu werden, ob das den Coolen nun gefällt oder nicht.

Willkommen, nerdig

Junger Mann mit großer Pappbrille (Foto: Benjamin Jehne)

Das ist ein Nerd!

Doch eigentlich wollte ich Sie auf etwas anderes aufmerksam machen. Nämlich darauf, dass der angelsächsische Wortimport Nerd inzwischen tatsächlich ein deutsches Adjektiv ausgebrütet hat. Es lautet: nerdig. Schauen Sie ins Internet, da können Sie, um nur zwei Beispiele zu nennen, nerdige Brillen oder nerdige T-Shirts angucken – und selbstverständlich auch gleich kaufen.

Und egal, ob ich mir jetzt zum Andenken an mein früheres nerdig-Sein so eine Brille kaufen werde oder nicht – ich freue mich über das Adjektiv als solches. Es zeigt mir nämlich unsere Sprache bei der Arbeit. Es zeigt, dass das Deutsche nicht aus einer Festung namens Duden besteht, sondern vielmehr ein lebendiges System ist, das Neues und Fremdes aufnehmen, umformen und integrieren kann. In diesem Falle wurde sogar das kleine Kunststück vollbracht, an eine weiterhin angelsächsisch ausgesprochene Silbe (nerd) eine deutsch intonierte Endung anzuhängen: nerdig.

In den Ohren älterer Sprecher mag das Resultat solcher Metamorphosen immer etwas nerdig, Pardon!, nervig klingen. Aber für die vielen jüngeren Mitglieder der Sprachgemeinschaft ist ein Word wie nerdig eine Selbstverständlichkeit unter vielen. Und solange es Nerds geben wird, hat das Wort nerdig auch beste Chancen, im Deutschen dauerhaft heimisch zu werden.


Autor: Burkhard Spinnen
Redaktion: Gabriela Schaaf


Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

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