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Europa

Nemzow-Vertrauter ringt um sein Leben

Drei Monate nach der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow ringt sein 33-jähriger Weggefährte Wladimir Kara-Mursa in einer Moskauer Klinik um sein Leben. Es wird über eine Vergiftung spekuliert.

Wladimir Kara-Mursa, russischer Journalist (Foto: Getty Images)

Wladimir Kara-Mursa Junior mit dem verstorbenen Boris Nemzow im Januar 2014

Die beste Nachricht sei, dass es keine Verschlechterung gebe, sagte der russische Journalist Wladimir Kara-Mursa am Freitag dem Nachrichtensender "Echo Moskwy". Der Zustand seines Sohnes, der den gleichen Namen trägt, sei kritisch, aber stabil.

Der 33-jährige Oppositionspolitiker Kara-Mursa Junior liegt seit Dienstag in einem Moskauer Krankenhaus. Nach einem ursprünglichen Verdacht auf Herzprobleme wollen die Ärzte bei ihm nun eine schwere Nierenkrankheit diagnostiziert haben. Medienberichten zufolge liegt er im Koma.

Eine gezielte Vergiftung des Oppositionellen, über die in den Medien spekuliert wird, schließen russische Ärzte aus. "Es gibt keine Fremdeinwirkung", sagte der Chefarzt der Klinik der Nachrichtenagentur Interfax. Auch der Vater will daran glauben. Er verzichtete auf öffentliche Vorwürfe, gab aber zu verstehen, dass es Gründe für Spekulationen gebe. Vor allem in sozialen Netzwerken hält sich der Verdacht über einen Mordanschlag.

Stets in der Opposition gegen Putin

Anders als sein Vater, ein Kreml-kritischer Fernsehmoderator, ist Kara-Mursa Junior einem breiten Publikum in Russland heute weniger bekannt. Er studierte Geschichte an der englischen Elite-Universität Cambridge und trat zunächst als Journalist in die Fußstapfen seines Vaters. Ende der 1990er Jahre zog es ihn immer stärker in die Politik. Wladimir Kara-Mursa wechselte drei Mal die Partei, blieb jedoch stets in der Opposition zur Regierung des Präsidenten Wladimir Putin. Zuletzt engagierte er sich in der Nichtregierungsorganisation "Offenes Russland" des ehemaligen Öl-Magnaten und Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski, der nach zehn Jahren Haft im Ausland lebt.

Mehrmals setzte sich Kara Mursa für westliche Sanktionen gegen russische Spitzenpolitiker ein und machte sich damit offenbar mächtige Feinde. Zu seiner rätselhaften Erkrankung kam es fast genau drei Monate nach der Ermordung des prominenten Oppositionspolitikers Boris Nemzow in Moskau. Kara-Mursa war mit ihm seit über zehn Jahren eng befreundet - und gehörte zu seinen Beratern. Seit 2012 ist er Vorstandsmitglied in der oppositionellen Nemzow-Partei RPR-Parnas. Im Winter 2011/2012 nahm Kara-Mursa an den oppositionellen Protesten in Moskau teil, die gegen die Rückkehr des damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin in den Kreml gerichtet waren.

Gedenken an den ermordeten Boris Nemzow

Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde im März 2015 ermordet

Aufrufe zu westlichen Sanktionen

Nach Nemzows Mord reiste Kara-Mursa im April zusammen mit Michail Kassjanow nach Washington. Die beiden Oppositionspolitiker übergaben den Abgeordneten des US-Kongresses die sogenannte "Nemzow-Liste". Darauf stehen acht Namen hochrangiger russischer Journalisten und Politiker, die für öffentliche Hetze an Nemzow verantwortlich sein sollen. Kara-Mursa und Kassjanow appellierten an die US-Regierung, Sanktionen wie Einreiseverbote und Kontensperrungen gegen diese Personen einzuführen.

Während der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im März 2014 sprach sich Kara-Mursa Junior in einem Artikel in der "Washington Post" für Sanktionen gegen russische Spitzenpolitiker aus. In den Jahren zuvor hatte er sich aus einem anderen Anlass für Sanktionen gegen russische Politiker in Washington eingesetzt. Es ging um den russischen Anwalt und Kämpfer gegen Korruption Sergej Magnitski, der im Gefängnis starb. Die USA machten Russland für seinen Tod verantwortlich und führten Ende 2012 Sanktionen ein.

Zunächst keine Behandlung in Ausland

Noch vor einem Tag überlegte die Familie, den schwerkranken Kara-Mursa ins Ausland zu bringen oder ausländische Ärzte nach Moskau kommen zu lassen. Der Leiter der Vertretung der Europäischen Union in Moskau bot am Freitag Hilfe an. Dabei hätte auch Deutschland im Gespräch gewesen sein können, spekulieren manche Beobachter. Einen ähnlichen Vorgang gab es im Fall der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Damals half die Bundesregierung, Fachärzte aus Berlin in die Ukraine zu schicken.

Eine Ausreise scheint jedenfalls vom Tisch zu sein. "Wir bleiben in Moskau", sagte der Vater dem Radiosender "Echo Moskwy". Kara-Mursa Senior nannte dafür zwei Gründe: Sein Sohn sei nach Aussagen der Ärzte nicht transportfähig und die Bedingungen vor Ort seien besser. In der besten Berliner Klinik seien die Geräte, aber auch die Ärzte schlechter als in Moskau, zitierte Kara-Mursa einen Arzt in Moskau.

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