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Europa

Negatives Deutschlandbild in Serbien

In der serbischen Presse wird Deutschland massiv kritisiert. Auch Historiker und Konservative werfen Politikern in Berlin Erpressung im Streit um das Kosovo vor. Dahinter stecken historisch geprägte Ressentiments.

Der Deutsche am Verhandlungstisch hat keinen Kopf, nur eine überdimensionale geballte Faust: Diese Karikatur der serbischen konservativen Tageszeitung "Večernje novosti" spiegelt die Meinung im Land über die deutsche Politik gegenüber dem Balkan-Staat wider. "Zwischen Belgrad und Berlin ist eindeutig eine Spannung zu spüren", erklärt Dragan Simeunović von der Belgrader Fakultät für Politikwissenschaften. Maßgeblich seien unterschiedliche Ansichten über den Kosovo-Streit, so Simeunović im Gespräch mit der DW.

Karikatur aus der serbischen Zeitung Novosti, auf der ein Deutscher statt eines Kopfes eine geballte Faust hat (Foto: Novosti)

Karikatur aus der Zeitung "Večernje novosti"

Die frühere serbische Provinz Kosovo hatte vor fünf Jahren ihre Unabhängigkeit erklärt, wird aber von der Regierung in Belgrad bis heute nicht als Staat anerkannt. Die Premierminister beider Länder haben sich schon acht Mal getroffen - doch die Gespräche, bei denen die EU als Vermittler auftrat, sind ins Stocken geraten. Belgrad verlangt weiterhin eine weitgefasste Autonomie für alle Kommunen im Kosovo mit einer mehrheitlich serbischen Bevölkerung. Das lehnt die kosovarische Regierung in Pristina ab.

Ende März forderte eine Delegation deutscher Parlamentarier in Belgrad, dass Serbien dieses Problem löst und sich mit Pristina einigt: Sonst könne die serbische Regierung nicht mit einem Termin für die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen rechnen. Dieses ist auch die Position der Europäischen Union. Deutschland sehe man als "mächtigstes Land Europas" und dadurch richtungsweisend für eine Entscheidung über den EU-Beitritt Serbiens, so Simeunović.

"Deutschland als Hardliner"

"Die Politiker in Berlin respektieren beispielweise die breite Autonomie der finnischen Provinz Åland (Anm. d. Red.: in dieser Provinz lebt eine überwiegend schwedischstämmige Bevölkerung). Doch im Fall des Kosovo verlangt Berlin, dass die kosovarische Armee das fast ausschließlich von Serben bewohnte Nordkosovo kontrolliert", sagt Čedomir Antić, einer der bekanntesten Historiker des Landes. Unter diesen Umständen sei zu erwarten, dass Deutschland vom serbischen Volk "als Feind angesehen wird", so Antić. "Ich bin dafür, dass Serbien Teil der EU wird, aber momentan kann das Land nur als unterworfener Staat beitreten", betont der Historiker im Gespräch mit der DW.

Genau wie Serbien haben auch fünf EU-Länder Kosovo nicht als Staat anerkannt: Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und die Slowakei. Deutschland gehörte zu den ersten Staaten, die Kosovo unterstützten. "Deutschland wird in Serbien als der größte Hardliner in der Kosovo-Frage dargestellt. Dazu hat auch die serbische Presse beigetragen", gibt Politik-Experte Simeunović zu bedenken. Umgekehrt hätten die deutschen Medien während der Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren die Serben "als die Bösen dargestellt".

Zu einer negativen Haltung der Serben gegenüber Deutschland habe auch die deutsche Unterstützung für Kroatien und Slowenien beigetragen, als diese 1991 ihre Unabhängigkeit von der ehemaligen Föderativen Republik Jugoslawien erklärten. Aus der Sicht des Historikers Antić habe die Bundesrepublik vom Zerfall Jugoslawiens profitiert: "Berlin hat sich wieder als die europäische Supermacht präsentiert - nicht nur wirtschaftlich", meint er im DW-Gespräch. Deutschland hätte die schwierigen Beziehungen zu Serbien schon nach dem Ende des Jugoslawien-Krieges (1995) oder nach der NATO-Intervention gegen Serbien (1999) verbessern sollen - stattdessen würde es aber die Regierung in Belgrad "erpressen", kritisiert Antić.

Historische Ressentiments

Erschießung serbischer Geiseln an der Friedhofsmauer in Pančevo bei Belgrad (1941) - ein Foto aus der umstrittenen Wehrmachts-Ausstellung in Deutschland (Foto: dpa)

1941: Deutsche Soldaten erschießen serbische Geiseln in Pančevo bei Belgrad

Die Ressentiments gegen Deutschland sitzen in Serbien tief: Sie hängen auch mit Feindbildern aus dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Bei den Luftangriffen auf Belgrad starben mehr als 2000 Zivilisten, und die Hälfte aller Häuser wurde zerstört. In der von den Deutschen besetzten Stadt Kragujevac wurden Tausende Bürger erschossen, darunter 300 Kinder. Im Konzentrationslager Jasenovac (im heutigen Kroatien) wurden rund 80.000 Menschen ermordet - die meisten von ihnen Serben. Natürlich sei er nicht der Meinung, dass deutsche Politiker Faschisten oder Rassisten seien, sagt Historiker Čedomir Antić. Und man müsse sich nicht lebenslang wegen 70 Jahre alter Untaten entschuldigen. Er glaubt aber, "dass Deutschland die Serben benutzt, um die eigenen historischen Frustrationen zu überwinden".

Doch diese historische und politische Abneigung könnte mit intensiver Diplomatie überwunden werden: Das ist die Überzeugung des Politik-Experten Dragan Simeunović, der selber in Deutschland promoviert hat. Beide Länder sollten ihre kulturellen Beziehungen intensivieren - auch das könne zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen.

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