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Asien

NATO-General will Kontinuität in Afghanistan

Mit "moderatem Risiko" will NATO-Oberbefehlshaber in Afghanistan John Nicholson seine Mission fortsetzen. Mindestens 12000 Soldaten seien notwendig. Ob der gewählte US-Präsident Donald Trump dieser Forderung folgen wird?

Er sei nur ein "militärischer Ratgeber" für die Politik. Als solcher formuliert der NATO-Oberbefehlshaber in Afghanistan, US-General John Nicholson, seine Wünsche an die neue Regierung in Washington. Aber er macht es sehr konkret und mit Nachdruck: "Es ist für einen Erfolg unbedingt notwendig, dass die gegenwärtige Strategie fortgeführt wird", sagte der US-General am Dienstagabend in Berlin, nur wenige Stunden vor der Präsidentschaftswahl jenseits des Atlantiks.

Dieses an sich unspektakuläre und vorhersehbare Plädoyer eines Generals für eine weitere Präsenz von ausländischen Truppen in Afghanistan gewinnt mit dem Überraschungserfolg von Donald Trump nun doch an ungeahnter Brisanz. Der gewählte Präsident Trump hat sich nämlich bisher nur widersprüchlich geäußert, wie es am Hindukusch weitergehen soll.

Afghanistan Taliban Kämpfer in der Provinz Zabul (picture-alliance/AP Photo/M. Khan)

Taliban-Kämpfer in der afghanischen Provinz Zabul

Militäreinsatz braucht mindestens 12000 Soldaten

Noch Anfang Oktober, in der heißen Phase des US-Wahlkampfes, hatte Trump im Nachrichtenkanal CNN durchblicken lassen, dass es ein "schrecklicher Fehler" gewesen sei, sich in Afghanistan zu engagieren. Wenige Tage später ruderte er im gleichen Sender zurück. Es sei nun doch wichtig, dass die USA "eine Präsenz dort aufrechterhalten". Gleichzeitig nannte er eine Stärke von 5000 Soldaten. Derzeit sind aber noch rund 13000 internationale Soldaten in Afghanistan stationiert, darunter 9800 aus den USA. Ihre Anzahl soll nach den Plänen des scheidenden Präsidenten Obama, auch in 2017 nur vergleichsweise leicht auf 8400 sinken.

Und damit ist für John Nicholson, der im März 2016 das Kommando in Afghanistan übernahm, schon die Schmerzgrenze erreicht. Nicholson studierte an der Georgetown University und später an der Nationalen Verteidigungsuniversität in der US-Hauptstadt Washington. Seit 1982 dient er der US-Armee. Er ist ein ausgezeichneter Kenner der politischen Szene. Mit dem jetzigen Ansatz könne er die Mission noch mit einem "moderaten Risiko" weiterführen. Besser wären aber 15000 NATO-Soldaten, wiederholte er im DW-Interview seine Forderung.

Afghanistan Kämpfe um Kundus Spezialkräfte der Afganischen Armee (Getty Images/AFP/B. Khan Safi)

Afghanische Sicherheitskräfte

Neue Strategie soll Wende bringen

Schon jetzt zwickt es an allen Enden. Die 300.000 afghanischen Soldaten, oft schlecht ausgerüstet und demoralisiert, sind nicht in der Lage, flächendeckend für Sicherheit im Lande zu sorgen. Immer öfter greifen vor allem US-Truppen in das Kampfgeschehen ein.

Eine neue NATO-Strategie soll die Wende bringen. Die afghanischen Sicherheitskräfte sollen ihr defensives weitmaschiges Netz von Kontrollpunkten auf dem flachen Land aufgeben. Dafür sollen sie die Taliban offensiv und gezielt angreifen. Dabei werden auch die NATO-Truppen punktuell helfen.

Nicholson bewertet es zwar als Erfolg, dass "in diesem Jahr keine Stadt in Afghanistan an die Taliban gefallen ist". Aber drei große Provinzzentren, Lashkar Gah im Süden, Tirin Kot im Zentrum und Kundus im Norden, sind aber weiter von den Taliban umkämpft und aus dem Umland bedroht.

Hoher Preis für Sicherheit

Weil die Kontrollpunkte auf dem Land aufgegeben werden, können sich die Aufständischen in vielen Gebieten oft bis an die Stadtgrenzen nahezu ungehindert bewegen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Taliban seit der amerikanischen Intervention nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 nun mehr Gebiete kontrollieren als je zuvor.

Nicholson spricht daher auch lieber davon, wie groß der Prozentsatz der afghanischen Bevölkerung sei, der so vor den Taliban geschützt werden kann. Über 68 Prozent der Bevölkerung stünden unter dem Schutz der Regierung, so Nicholson. Nur zehn Prozent lebten unter der Kontrolle der Taliban und weitere 20 Prozent in Gebieten, die umkämpft seien. Nach dieser Lesart agieren die Taliban vor allem in Gegenden, wo ohnehin nur wenig Menschen leben.

Aber selbst diese Erfolge sind teuer erkauft. In 2015 starben rund 5000 afghanische Soldaten. Allein in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres schon mehr als 5500. Das berichtet das Büro vom "Special Inspector General for Afghanistan", eine Aufsichtsinstitution der US-Militärpräsenz in Afghanistan, die zuvor der amerikanische Kongress eingerichtet hat.

Karte Taliban und IS in Afghanistan Deutsch

Gefahr durch "Islamischen Staat"

Experten schätzen, dass in Afghanistan aufgrund der andauernden Unruhe bis zu 1,2 Millionen Menschen durch das Land flüchten. 1601 Zivilisten starben nach UN-Angaben in den Kämpfen und bei Anschlägen allein in der ersten Hälfte des Jahres. Und neben den Taliban hat sich auch noch die Terrormiliz "Islamischer Staat" im Osten des Landes an der Grenze zu Pakistan eingenistet. Eine weitere Bedrohung, "auf die wir weiter Druck ausüben müssen", meint Nicholson.

Nach zwei "schwierigen" Jahren habe sich insgesamt ein "Patt" eingestellt, beschrieb der General die Situation und sieht gleichzeitig eine Perspektive, dass die afghanische Regierung die volle Kontrolle über das Land übernehmen könne.

Afghanistan Flüchtlinge in einem Camp bei Kabul (picture-alliance/epa/Bildfunk/J. Jalali)

Binnenflüchtlinge in einem Camp bei Kabul

Weitere Verhandlungen mit Taliban

Als möglicher Ausweg aus dieser Pattsituation bleiben Gespräche mit den Taliban aus der Sicht des Generals weiter auf der Agenda.  Nicholson hegt immer noch die Hoffnung, dass sich einzelne Gruppen aus dem verhandlungsunwilligen Mainstream herauslösen könnten. Ob aber der designierte US-Präsident in Washington das unterstützen würde, bleibt jedoch noch weitgehend unklar.

Der Afghanistan-Experte Michael Kugelman vom Wilson Center in den USA hat bisher seine Zweifel, dass Trump überhaupt an der Fortführung von komplizierten Friedensgesprächen mit den Taliban interessiert ist. "Er hat nicht viel Geduld", so Kugelmann. Trump werde dagegen an einer Präsenz der US-Truppen in Afghanistan festhalten, aber gleichzeitig den Abzug beschleunigen. "Ich glaube nicht, dass Trump eine Präsenz mit offenem Ende haben will, so sehr er auch den Terror fürchtet."

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