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Politik

NATO-Einsatz in Afghanistan steht vor Belastungsprobe

Die ISAF hat während ihrer ersten Kommandowoche im Süden sieben Soldaten verloren. Die Gewalteskalation und die ungleiche Lastenverteilung innerhalb der ISAF gefährden zunehmend den Zusammenhalt innerhalb des Bündnisses.

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Britische ISAF-Soldaten in der umkämpften südafghanischen Provinz Helmand

Seitdem die NATO-geführte Internationale Schutztruppe ISAF am vergangenen Montag (31.7.2006) das Kommando über den Süden Afghanistans übernommen hat, ist es beinahe täglich zu teils tödlichen Zwischenfällen gekommen. So wurde am Freitag (4.8.2006) in der Provinz Kandahar ein Konvoi der Allianz bombardiert, verletzt wurde dabei allerdings niemand, wie ein NATO-Sprecher berichtete. In derselben Provinz waren tags zuvor bei mehreren Anschlägen auf NATO-Truppen vier kanadische Soldaten getötet worden. Und erst am Dienstag hatten Kämpfer der radikal-islamischen Taliban drei britische NATO-Soldaten in Südafghanistan getötet.

"Die Ersetzung der US-geführten Koalitionsstreitkräfte durch die ISAF-Soldaten hat keinerlei Verbesserung bewirkt. Der Trend einer Verschlechterung der Sicherheitslage im Süden Afghanistans hält an", bilanziert Michael Brzoska, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

"Briten ziehen Hass der Paschtunen an wie der Honig die Bienen"

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Erst am Montag löste die NATO die USA im Süden Afghanistans ab

Dass dabei ausgerechnet Großbritannien die Führung der ISAF-Truppen im Süden übernommen hat, könnte sich noch als weit reichender Fehler erweisen: Haben doch die meisten Afghanen die einstige Kolonialmacht, die das Land zwischen 1839 und 1919 in drei Anglo-Afghanische Kriege verstrickte, in unguter Erinnerung: "Die Briten sind dort die meistgehassten Europäer. Die ziehen den Hass der Paschtunen an wie der Honig die Bienen", sagt Albert Stahel, Professor für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich.

Zudem trägt der israelische Feldzug gegen die Hisbollah im Libanon nicht gerade zur Entspannung der Lage bei: "Dass der Westen Israel so frei agieren lässt, schärft den Hass auf ihn und damit auch auf die ISAF-Soldaten", betont Stahel.

Ungleiche Lastenverteilung innerhalb der ISAF schürt Konflikte

In der Tat erlebt Afghanistan derzeit die schlimmste Welle der Gewalt seit der US-Invasion im Herbst 2001. Der NATO-Einsatz am Hindukusch könnte sich zur gefährlichsten Bodenoperation in der 57-jährigen Geschichte des Bündnisses entwickeln und damit zu einer großen Belastungsprobe. Militärexperte Brzoska sieht vor allem den Zusammenhalt unter den Bündnispartnern gefährdet: "Verschlechtert sich die Sicherheitslage im Süden Afghanistans weiter, könnten Länder wie Großbritannien, die die größten Lasten tragen, an die anderen herantreten und um eine Neuverteilung der Aufgaben bitten."

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Die Briten stellen das größte ISAF-Kontingent

Mit einem solchen Anliegen würde Großbritannien aber bei vielen Bündnispartner auf taube Ohren stoßen. So hat beispielsweise Deutschland bereits mehrfach betont, dass es seine Truppen nicht in Regionen einsetzen werde, in denen offen gekämpft wird. Doch genau das ist im Süden Afghanistans, der als Hochburg der Taliban und Drogenbarone gilt, an der Tagesordnung. Die Bundeswehr hat im Juni 2006 das ISAF-Kommando über den relativ ruhigen Norden übernommen. Dort ist auch das Gros der 2800 Bundeswehr-Soldaten im Afghanistan-Einsatz stationiert.

Hat sich die NATO zuviel vorgenommen?

Obwohl die NATO die Kommando-Übernahme im Süden noch lange nicht verkraftet hat, plant sie bereits weitere Schritte: Bis zum NATO-Gipfel im November 2006 in Riga soll die ISAF auch das Kommando über den unruhigen Osten Afghanistans übernehmen. "Damit wird sich die ISAF übernehmen", prognostiziert Militärexperte Brozska.

Im Moment sorgen im Osten noch die USA mit ihren mehr als 20.000 Soldaten für Sicherheit. Zum Vergleich: Im Rest des Landes sind gerade einmal 18.000 ISAF-Soldaten aus 37 Ländern stationiert. Allerdings ist die geringe Truppenstärke der ISAF nicht das einzige Problem des Bündnisses: Die Soldaten würden zunehmend als Besatzungsmacht wahrgenommen werden, sagt NATO-Experte Stahel und plädiert daher für eine Exit-Option: "Wir sollten den Afghanen helfen, eine funktionsfähige Streitmacht aufzustellen, und dann so schnell wie möglich das Land verlassen."

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