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Fokus Südosteuropa

Nationalismus in Serbien heute

In den 1990-er Jahren grassierte der Nationalismus in Serbien. In den letzten Jahren habe aber eine demokratische Wende in der Gesellschaft stattgefunden, nicht zuletzt wegen der EU-Annäherung, meinen Experten.

Zerrissenes Poster an dem noch das Porträt des ehemaligen Präsidenten Serbiens Slobodan Milosevic erkennbar ist (Foto: AP)

Milosevics zweifelhaftes Erbe überwunden?

Die Regierungszeit von Slobodan Milosevic wird den Menschen in Serbien als eine Blütezeit der nationalistischen Verblendung in Erinnerung bleiben. Vielen Fachleuten gilt der serbische Nationalismus als Auslöser der Kriege und Konflikte auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien - davon zeugen zahllose Bücher und Studien. Sicherlich ist die Diskussion über diese Phase der jüngsten Geschichte auch in Serbien noch lange nicht abgeschlossen. Dennoch blickt das Land nach vorne.

Zehn Jahre nach Milosevics Fall hat Serbien in Brüssel die Aufnahme in die EU beantragt. Die Wähler haben eine pro-westliche Regierung und einen Präsidenten, der der EU aufgeschlossen gegenüber steht. Die EU hat im Gegenzug die Visumspflicht für den Schengenraum aufgehoben. Einschätzungen von Experten zufolge ist Serbien aber immer noch nicht frei von einem tiefer liegenden Nationalismus.

Serbischer Ultra-Nationalist steht vor einer Menschenmenge mit weitaufgerissenem Mund und trägt die traditionelle serbische Mütze Sajkaca (Foto: AP)

Serbischer Ultra-Nationalist auf einer Wahlkampfveranstaltung

Überreste des radikalen Nationalismus aus den 1990ern gebe es immer noch, sagt Andrej Nosov von der serbischen Nicht-Regierungsorganisation "Jugendinitiative für Menschenrechte" gegenüber der Deutschen Welle. Allerdings habe er an schädlicher Mobilisierungskraft in der Gesellschaft und der politischen Elite verloren: "Es gibt ihn, er ist Teil der öffentlichen Meinung, aber einige Formen [seiner Ausprägung] sind eher die Folge der zuvor geführten nationalistischen Politik", meint Nosov. Als Beispiele führt er Fremdenfeindlichkeit oder Misstrauen in die staatlichen Institutionen an. Aber auch eine Kultur nationalistische Auswüchse durch die politische Elite und vor allem durch die Institutionen nicht zu verfolgen, gehöre dazu.

Nationalismus in der Defensive

Serbiens ehemaliger Premierminister Vojislav Kostunica im Porträt vor einem blau-weißen Wahlplakat und gestikuliert vor vielen Mikrofonen (Foto: AP)

Vojislav Kostunica hat die Wahlen 2008 verloren

Die Analyse des Nationalismus in Serbien und sein Einfluss auf die Gesellschaft und demokratische Prozesse ist Teil fast aller Jahresberichte des Helsinki-Komitees für Menschenrechte in Serbien.

Nach Ansicht der Vorsitzenden des Komitees, Sonja Biserko, hat der Nationalismus seinen Höhepunkt während der Amtszeit von Vojislav Kostunica erlebt, dem ersten Regierungschef nach der demokratischen Wende. Nach den Wahlen 2008 habe dann eine ganz neue Phase begonnen: Zwar sei der Nationalismus nicht verschwunden, es bahne sich aber eine Neuorientierung an und die Bevölkerung hege andere Erwartungen.

"Erstmals versucht die Regierung, Ordnung in dieses allgemeine Chaos zu bringen und dieses geerbte Gewalttäter-Image abzulegen. Denn auch dies ist das Ergebnis von Milosevics Politik," sagt Biserko. Als Indiz führt sie die Ergebnisse der Reformen der letzten Jahre an, insbesondere die Militär- und Polizeireform: "Als härteste Nuss hat sich die Justizreform herausgestellt und auch die ist nun trotz großen Widerstands an der Reihe."

Ernüchterung durch Wirtschaftskrise

Plakat in Belgrad. Zu sehen ist ein Text: Nein zu EU, ja für ein Bündnis mit Russland (Foto: DW)

EU-feindliche Plakate werden auf Belgrads Straßen seltener

Die Weltwirtschaftskrise habe ebenfalls dazu beigetragen, dass sich Serbien vom Nationalismus entferne, meint Biserko. Obwohl es immer noch auch Widerstände gebe, stärke die Annäherung Serbiens an die EU das Vertrauen der Bürger in die internationale Gemeinschaft.

Biserkos sagt, dass sowohl die Bürger, als auch die politische Elite eine Ernüchterung erfahren haben. Nationalistische Gefühle hätten nicht mehr den Stellenwert wie zuvor, weil sich herausgestellt habe, dass die EU eine Alternative ist, die Lösungen und eine Art Solidargemeinschaft bietet. Sie apelliert: "Diese Gelegenheit muss genutzt werden, weil die gegenwärtige Regierung mit einem enormen Widerstand von Seiten konservativer Kräfte in der serbischen Gesellschaft zu kämpfen hat."

Jugend im Nationalwahn verloren?

Poster in schwarz-weiß des flüchtigen Militärchefs der bosnischen Serben Ratko Mladic, der salutiert. Im Hintergrund geht eine Fußgängerin vorbei und streicht sich durch die Haare (Foto: AP)

Ratko Mladic genießt Kultstatus bei manchen Jugendlichen

Auch wenn viele Hoffnungen in die junge Generation setzen, sollte nicht vergessen werden, dass gerade die jungen Menschen in Serbien in hohem Maße anfällig für rechtsradikales Gedankengut sind, meint Nosov. Gewalt auf der Straße und auf Sportplätzen, Bedrohungen von Journalisten, die aktive Teilnahme an Veranstaltungen rechter Organisationen und ein idealisierendes Verhältnis zu Kriegsverbrechern machten deutlich, dass die junge Generation zusätzliche Aufmerksamkeit benötigt.

Er weist darauf hin, dass es in Serbien gleich mehrere verlorene Generationen gibt. Die Unterstützung europäischer Werte scheine für sie häufig ein fruchtloses Unterfangen zu sein, denn es gebe kaum konkrete Dinge im Bezug auf Europa, die so überzeugend und fassbar seien wie der Glaube an Helden und Idole: "Es ist also nicht nur die Generation verloren, die mit 20 oder 23 in den Krieg ziehen musste, sondern auch die jetzigen Generationen. Sie verstehen praktisch nicht, was in der Vergangenheit geschehen ist und warum uns Europa und die Welt nicht mag. Und dann sind der Nationalismus, ein flüchtiger Kriegsverbrecher wie Mladic, der Glaube an Kriegshelden, die serbischen Rechtsradikalen eine ganz natürliche Antwort auf alle Fragen."

Problematisches Verhältnis zur Vergangenheit

Der im Westen bestehende Eindruck, dass es in Serbien noch immer einen Hypernationalismus gebe, beziehe sich auf den Umgang mit der Vergangenheit beziehungsweise mit der Vergangenheitsbewältigung und den Kriegsverbrechen, sagt Nosov. Dieses Verhältnis erschwere aber die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern und biete Nationalisten ihre Chance. Hauptträger des Nationalismus sind ihm zufolge die politischen Parteien, die sich noch nicht reformiert haben. Desweiteren werde der Nationalismus auch noch immer von einigen einflußreichen Institutionen gefördert: Der serbisch-orthodoxen Kirche und der Serbischen Akademie der Wissenschaften. Zudem gebe es einen Teil der Öffentlichkeit, für die Serbien das einzige Opfer unter den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien sei.

Autoren: Ivica Petrovic / Mirjana Dikic

Redaktion: Fabian Schmidt

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