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Kultur

Natürliche Liefertermine

Von Pater Gerhard Eberts, Augsburg

Pater Gerhard Eberts MSF (Missionar von der Heiligen Familie)

Pater Gerhard Eberts

„Bis Johanni nicht vergessen, sieben Wochen Spargel essen“. Seit Mitte April gilt dieser Rat. „Johanni“, das ist der 24. Juni, der Namenstag Johannes des Täufers. Es bleibt uns also nur noch wenig Zeit, den „König der Gemüse“, den Spargel zu genießen. Der Spargel ist eine der wenigen Kostbarkeiten, die nur begrenzt zur Verfügung stehen. Sieht man einmal davon ab, dass auch dieses Edelgemüse jederzeit von weither eingeflogen werden kann.

Doch der wirkliche Genießer hält sich an die „natürlichen Liefertermine“, meint Erna Horn. In den fünfziger und sechziger Jahren war sie eine der bekanntesten deutschen Kochbuchautorinnen. 1974 hat sie ein Buch mit dem Titel „Das altbayrische Küchenjahr“ verfasst, das ich nicht nur wegen seiner Rezepte schätze, sondern vor allem wegen seiner literarischen Texte. In ihren Büchern nimmt sie manches voraus, was vielen erst heute wieder bewusst wird.

So stellt sie beispielsweise fest: „Neonlicht, Klimaanlagen, Tiefkühltruhe und Konserve haben die Menschen unabhängiger von den Jahreszeiten gemacht“ und dadurch , so schreibt sie, „suggerieren sie zwar eine allzeit bestens versorgte Tafel, nivellieren aber das Gefühl für das Besondere und führen letztlich zur Langeweile.“

Die Autorin gibt den guten Rat, die „echten Saisongenüsse höher zu bewerten. Die ersten aromatischen Beeren, das Früchtebrot im Advent, die schmale Fastensuppe aus Überzeugung, die frühen Äpfel im August, die selbstgesuchten Pilze, bayerisch: Schwammerl genannt, die Beute aus der gerade aufgegangenen Jagd – das waren einst die speziellen Höhepunkte im Küchenjahr und auf der Zunge.“

Natürliche Liefertermine. Gilt das nur für die kulinarischen Genüsse? Trifft das nur auf das Küchenjahr zu? Ich meine nicht. Das betrifft auch das Kirchenjahr. Eingewoben in das weltliche Jahr ist ja das Kirchenjahr mit seinen Festen und seinem Fasten, mit seinen Sonntagen und dem religiösen Brauchtum. Zu den natürlichen Jahreszeiten gehören die übernatürlichen Daten unserer Erlösung: Das Fest der Geburt Christi im Winter. Die Feier des Todes und der Auferstehung Jesu im Frühjahr. Die Zeit des Reifens und des Lebens aus der Fülle des Glaubens im Sommer. Und schließlich im Herbst - das Warten auf die Wiederkunft des Herrn; dazu an den Gräbern die Erinnerung an die Verstorbenen und der Gedanke an die eigene Sterblichkeit.

Wie das Küchenjahr, so hat auch das Kirchenjahr Höhen und Tiefen, kennt karge Zeiten und stimmungsvolle Feste. Das Kirchenjahr lässt die Seele jubeln und weinen, beten und schweigen und lädt immer wieder dazu ein, „die Seele baumeln zu lassen“.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Sonntag zu. Der Sonntag gliedert nicht nur die Woche, sondern belohnt auch nach einer schwierigen oder dunklen Woche mit der Feier eines kleinen Osterfestes. Leider wird der Sonntag immer mehr ausgehöhlt durch wachsende Sonntagsarbeit, durch die Schlupflöcher, die dem Sonntagsverkauf von der Politik gewährt wird und durch eine Stress erzeugende Freizeitindustrie.

Sind die, die den Sonntag noch feiern, die die zur Kirche gehen, die Dummen? Oder sind sie in Wirklichkeit die Weisen? Wer die „natürlichen Liefertermine“ des Kirchenjahrs einhält, und die Feier des Sonntags pflegt, tut nicht nur etwas für sein eigenes religiöses Wohlbefinden - er trägt auch bei zur Kultur der Gesellschaft.

Ein jüdisches Sprichwort sagt es so: „Mehr Juden hat der Sabbat gehalten, als Juden den Sabbat gehalten haben.“ Das lässt sich auch auf den Sonntag übertragen. Der Sonntag tut auch jenen Menschen gut, die ihn gar nicht mehr bewusst begehen, sondern ihn nur als arbeitsfreien Tag schätzen. Damit das so bleibt, braucht es aber jene, die sich bemühen, den Sonntag zu „heiligen“, wie es in der Sprache der Bibel heißt.

Wer sich aus der Fülle der christlichen Angebote bedient und das Kirchenjahr aktiv mitfeiert, wer Liturgie und Brauchtum zu Hause pflegt, muss sich keine exotischen Heilslehren teuer einfliegen lassen. Er kann das seit langem Vertraute mit neuer Freude zuhause entdecken.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Frau Dr. Silvia Becker.

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