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Global Ideas

„Natürlich fände ich es faszinierend, ein lebendes Mammut zu sehen“

Säbelzahntiger im Schwarzwald? Mammuts in Missouri? Durch genetische Manipulation könnten ausgestorbene Arten wieder zum Leben erweckt werden. Viele Wissenschaftler sind begeistert, doch Dr. Ross MacPhee hat Zweifel.

Ein Mann steht vor einem Wollhaarmammut-Skelett im New Yorker American Museum of Natural History (Foto: DW/Dan Frederick)

Derzeit gibt es nur imposante Skelette, die erahnen lassen, wie gigantisch das Wollhaarmammut einst war. Doch die synthetische Biologie könnte irgendwann solch ein ähnliches Tier wieder auf dem Planeten wandeln lassen.

Dr. Ross MacPhee ist Kurator für Säugetierkunde (Mammalogie) am American Museum of Natural History in New York. Seine Forschungsgebiete umfassen unter anderem die Paläobiogeographie, also die Entstehung und Verbreitung von Arten sowie deren Aussterben. Das Leben von Säugetieren während des Erdmittelalters Mesozoikum hat er unter anderem auf den Karibischen Inseln, Madagaskar und in der Antarktis erforscht.

Global Ideas: Dr. MacPhee, eines Ihrer Forschungsgebiete sind Wollhaarmammuts. Deren letzte Exemplare sind vor rund 4000 Jahren ausgestorben. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir sie durch moderne Wissenschaft wieder ins Leben zurückholen können?

Museumskurator Ross MacPhee (Foto: DW/Dan Frederick)

Ross MacPhee ist der Kurator für Säugetierkunde (Mammalogie) am American Museum of Natural History in New York

Ross MacPhee: Ich würde die Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen 20 und 30 Prozent ansiedeln. Mammuts sind genetisch eng mit asiatischen Elefanten verwandt. Um einen asiatischen Elefanten zu einem Mammut zu machen, müsste man an den Genen arbeiten, die für Haarwuchs verantwortlich sind. Außerdem an denen für den Fettspeicher und denen für die gebogenen Stoßzähne.

Fänden Sie die Idee reizvoll?

Natürlich fände ich es faszinierend etwas zu sehen, was wie ein lebendes Mammut aussieht. Gleichzeitig würde ich mir große Sorgen um das Leben dieser Tiere machen.

Warum?

Was würden wir mit so einer Herde machen? Ihr ursprüngliches Ökosystem, die Tundra, sieht heute ganz anders aus als zu Lebzeiten der Mammuts. Dort könnten sie nicht eigenständig überleben. Besser wären die Chancen im mittleren Westen der USA. Aber dort gibt es viele Highways und große Städte. Tiere dieser Größe wären eine Bedrohung für sich selbst und die Bevölkerung. Warum also eine Spezies zurückbringen, die keine natürliche Rolle mehr in unserer Welt spielt?

Befürworter würden sagen, man könnte Tiere dieser Größe doch im Zoo halten…

Tiere haben Rechte. Wir müssen sie ihnen einräumen. Wenn wir das nicht tun, veranstalten wir nur eine Freak Show. So ein Verhalten wäre weder angemessen noch ethisch erstrebenswert. Man würde diese Tiere zwar wieder lebendig machen, ihnen aber eben nicht das Leben zurückgeben, in dem sie sich in der Natur bewegen können, wie es ihrer Art entspricht.

Dennoch beschäftigen sich Wissenschaftler intensiver denn je mit der Wiederbelebung ausgestorbener Arten. Welche Voraussetzung braucht man dafür?

Illustration eines Wollhaarmammuts (Bild: CC BY-SA 3.0/www.quagga.cat/ Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mammothquagga.jpg)

Modell eines Wollhaarmammuts

Man braucht genügend genetische Informationen der ausgestorbenen Spezies, etwa aus Knochen oder Gewebe. Die vergleicht man mit einer lebenden verwandten Art. Man erkennt Gemeinsamkeiten und versucht, Unterschiede oder fehlende Informationen durch genetische Manipulation auszugleichen – durch sogenannte synthetische Biologie. So kann Erbgut entstehen, das zum großen Teil dem der ausgestorbenen Art entspricht. Dieses Erbgut wird dann in ein Embryo der verwandten Spezies gegeben. Ist der Nachwuchs einmal auf der Welt, sieht es äußerlich ganz normal aus. In sich trägt er aber das Erbgut der ausgestorbenen Art – so dass in der nächsten Generation ein Tier zur Welt kommt, das in vielerlei Hinsicht dem ähnelt, das vor vielen Jahren ausgestorben ist.

Wann glauben Sie werden wir eine ausgestorbene Art sehen, die wiederbelebt wurde?

Am weitesten ist die Forschung bei der Wandertaube. Die ist Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorben und von ihr haben wir mehrere hundert Proben von genetischem Material. Ich bin mir sicher, dass es nur noch maximal fünf Jahre dauert, bis wir etwas hervorbringen können, das wie eine Wandertaube aussieht.

Wäre es nicht das gleiche Tier?

Wissenschaftler werden sich viel Arbeit gemacht haben, die DNA der Wandertaube mit der der Schuppenhalstaube abgeglichen zu haben, die heute noch lebt. Trotzdem wird das Tier nur ein Hybrid sein. Wir werden diese Arten nicht zu 100 Prozent reproduzieren können. Zu 95 Prozent vielleicht, aber es wird nicht das gleiche sein, als wenn man in eine Zeitmaschine steigt und das Tier aus der Vergangenheit in die Gegenwart holt.

Warum wird das Thema in Wissenschaftskreisen gerade jetzt so intensiv bearbeitet?

Es hat in der jüngeren Vergangenheit immense Fortschritte in der synthetischen Biologie und bei der Arbeit mit “ancientDNA” (aDNA) gegeben, also mit Erbgut, das mindestens 100 Jahre alt ist. Mit synthetischer Biologie können Wissenschaftler nun einzelne Bestandteile des genetischen Codes verändern. Sie können einen Organismus erstellen - von seinem kleinsten Element bis zum ausgewachsenen Lebewesen.

Begeistert Sie das als Wissenschaftler nicht?

Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Aber ausgestorbene Arten zurückzuholen, ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Daran sind nur wenige Leute interessiert. Viel wichtiger ist, dass wir prinzipiell die Möglichkeit haben, mit neuen Technologien Leben zu erschaffen, das es so noch nie gegeben hat. Und ich glaube, dass die Öffentlichkeit über das Potenzial von synthetischer Biologie aufgeklärt werden muss. Wissenschaftler könnten die gesamte Ökologie des Planeten verändern.

Es könnte Gesetze geben, die Grenzen setzen.

Da habe ich kein Vertrauen in die Menschen. Sie werden immer experimentieren, egal auf welchem Feld. Ich bin mir sicher, dass gerade jetzt Wissenschaftler daran arbeiten, ein Mammut zu erschaffen. Südkoreaner und Japaner versuchen es seit Jahren. Die Frage ist aber nicht, ob wir demnächst ein lebendiges Mammut haben. Die Frage ist, wie synthetische Biologie, die so ein Mammut erst möglich macht, unser aller Leben ändert. Wir können die Natur manipulieren, einzelne Spezies und deren genetische Informationen. Damit sollten wir vorsichtig sein, bis mögliche Konsequenzen umfassend erforscht sind.

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