Namensstreit: Griechenland und Mazedonien vor Einigung? | Aktuell Europa | DW | 19.05.2018
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Europa

Namensstreit: Griechenland und Mazedonien vor Einigung?

Im Namenskonflikt zwischen Griechenland und Mazedonien gibt es eine neue Annäherung. Doch Ablehnung droht Ministerpräsident Tsipras nicht nur aus dem eigenen Volk, sondern auch von Nachbar Bulgarien.

Der mazedonische Ministerpräsident Zoran Zaev mit seinem griechischen Kollegen, Alexis Tsipras in Sofia (DW/B. Georgievski )

Die Regierungschefs von Mazedonien und Griechenland, Zaev und Tsipras (rechts)

"Noch nie waren unsere beiden Länder so nah vor einer Einigung. Doch es gibt noch wichtige Schritte zu gehen", erklärte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras vor dem Zentralkomittee seiner Partei SYRIZA. Seit Monaten schon gibt es Annäherungen zwischen Griechenland und Mazedonien, um den seit 1991 andauernden Namensstreit endlich beizulegen. "Ilinden-Republik Mazedonien" lautet nun der neue Vorschlag, nachdem Alternativen wie Nord-Mazedonien oder Neu-Mazedonien bisher keine der beiden Seiten vollends zufriedenstellen konnte.

Auf den Verhandlungstisch kam der neue Vorschlag während des EU-Gipfel vergangene Woche in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Dort gab es auch ein Treffen der Regierungschefs beider Länder. Zoran Zaev, Ministerpräsident von Mazedonien, schlug den - sich auf den Ilinden-Auftstand beziehenden - Namen vor und teilte mit, dass seine Regierung grünes Licht gegeben hätte. Dieser Volksaufstand gegen das Osmanische Reich im Jahre 1903 brach in der Kleinstadt Krusevo auf dem Gebiet der heutigen Republik Mazedonien aus und wurde von den Osmanen blutig niedergeschlagen. Ein Nationalfeiertag am 2. August erinnert in Mazedonien an die Geschehnisse.

Griechen wenig optimistisch

Bei allem Optimismus der Regierungschefs halten sich die Reaktionen auf Seiten der griechischen Bevölkerung in Grenzen. "Ich habe eher den Eindruck, dass es sich einfach um noch einen weiteren Vorschlag handelt, der zur Sprache gebracht wurde, nur um dann zu Gunsten eines anderen Namen verworfen zu werden", sagt der Journalist Georgios Toulas aus Thessaloniki der Deutschen Welle. Sowieso würden nur Griechen, die tatsächlich an einer Lösung interessiert seien, akzeptieren, dass Mazedonien im Namen des nördlichen Nachbarn überhaupt auftauche.

Mazedonien Skopje Fahne (DW/F. Schmitz)

Wie darf sich Mazedonien künftig nennen?

Einer dieser Griechen ist der 25-jährige Student Nikos Sykas. Im Gegensatz zu einem Großteil seiner Landsleute hätte er kein Problem damit, wenn Mazedonien auch in Zukunft Teil des Namens der ehemaligen jugoslawischen Republik bliebe. Doch Ilinden-Republik hält auch er nicht für die richtige Lösung. "Damit kommt der Nationalismus durch die Hintertür", argumentiert er. "Und genau das wird auf griechischer Seite unweigerlich neue Spannungen verursachen." Griechenland wirft Mazedonien vor, sich mit Hilfe der griechischen Geschichte eine zweifelhafte, nationale Identität zu verschaffen. Jeder nationalistische Vorstoß von Seiten Mazedoniens wird als Affront aufgefasst.

Ilinden - Nationaltag Feier in Krusevo Mazedonien (Vidana Boskova Micevska)

In Mazedonien wird regelmäßig an den Ilinden-Aufstand erinnert. Aber nicht nur dort.

Doch nicht nur unter den Griechen wird der vermeintliche Durchbruch auf Kritik stoßen. Denn auch Bulgarien gedenkt dem Ilinden-Aufstand von 1903. Die Bulgaren sehen darin eine Art frühe Geburtsstunde ihrer Unabhängigkeit. Dass jetzt ausgerechnet Mazedonien sich dessen bedienen will, um den Namenskonflikt mit Griechenland beizulegen, wird in Sofia auf Ablehnung stoßen. Denn nicht nur Athen wirft Skopje kulturellen Diebstahl vor. Auch Bulgarien bezweifelt die Existenz einer spezifisch mazedonischen Kultur und Geschichte.

Wofür steht "Ilinden"?

Als der Ilinden-Aufstand losbrach, waren das heutige Bulgarien und Mazedonien sowie die nordgriechischen Provinzen Makedonien und Thrakien noch Teil des Osmanischen Reichs. Organisiert wurde die Aktion von Teilen der slawischen Bevölkerung in Thessaloniki, namentlich von Bulgaren, slawischen Mazedoniern und Albanern, die sich in einer "Geheimen Makedonisch-Andrinopeler Revolutionären Organisation" zusammenschlossen. Am Ende ohne Erfolg. 

Wirklich Chancen auf Einigung?

Trotz der historischen Vorbehalten feiern sowohl Skopje als auch Athen den Vorstoß als wesentlichen Schritt hin zu einer endgültigen Beilegung des Streites. Doch um auch Griechenland zufriedenzustellen, müsste Mazedonien die Verfassung ändern. Dies war von Zaev bisher vehement abgelehnt worden. Auch müsste es dann einen Volksentscheid geben. Obwohl viele Mazedonier sich eine schnelle Lösung im Konflikt mit Griechenland wünschen, ist unklar, ob sie im Zweifelsfall für eine weitreichende Namensänderung stimmen würden.

Und auch Tsipras dürfte Mühe und Not haben, den ideologischen Hardlinern in seinem Land den neuen Namen schmackhaft zu machen. Im nächsten Jahr sind Wahlen - und für den amtierenden Ministerpräsidenten steht viel auf dem Spiel. Sein Konkurrent, der konservative Kyriakos Mitsotakis, liegt in Umfragen deutlich vorn. Der Rückhalt für Tsipras von Seiten der Bevölkerung ist stark zurückgegangen, nachdem dieser im Widerspruch zu seinen Wahlversprechen die Austeritätspolitik der Geldgeberländer im Rahmen der Eruopa-Krise überraschend unterstützte. So versucht er derzeit, Erfolge für sich zu verbuchen. Eine Annäherung an die von Griechenland gern vernachlässigten Balkanländer ist Teil dieser Strategie.

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