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Politik

Naive Weltmacht?

DW-TV-Korrespondent Udo Bauer über seine Erfahrungen, in Amerika etwas über die Gründe für den Hass vieler Moslems gegenüber den USA zu erfahren.

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Die Wunden im nationalen Selbstverständnis der Amerikaner waren noch frisch, deshalb - so dachte ich - sollte ich meine Frage vorsichtig formulieren: Woran liegt es, so fragte ich meinen amerikanischen Nachbarn, dass so viele Muslime die USA so hassen, dass sie bereit sind, tausende
Menschen und nicht zuletzt sich selbst in den Tod zu reissen?

Bis dahin hatte man zu dieser schwierigen Frage nur die viel zu kurz greifende Erklärung von Präsident Bush gehört, nämlich, dass die Terroristen die Freiheit und den Wohlstand der Amerikaner hassen. Warum also wirklich?

Wegen unserer Unterstützung Israels, so die erste Reaktion meines geschätzten Nachbarn. Und, so legte er nach, als einzige verbliebene Weltmacht mit konkurrenzloser ökonomischer und militärischer Macht könne man halt nicht von jedem gemocht werden, das läge in der Natur der Sache. Ausnahmslos alle Amerikaner, mit denen ich über die Gründe für 9-1-1 (immer populärer werdendes Kürzel für den Tag der Anschläge und gleichzeitig Notruf-Telefonnummer) rede, sehen das genau so und erkennen gleichzeitig, dass ihre Antwort die ursprüngliche Frage unbeantwortet lässt, versehen mit dem Zusatz:

Wir Amerikaner wollen doch nur das beste, wir wollen kein Land erobern, wir wollen mit jedem Land friedlich Handel treiben, natürlich sind wir stolz auf unsere Werte und Errungenschaften, aber wir drängen sie doch keinem auf, usw.

Ich stehe als "legal alien" in den USA häufiger am anti-amerikanischen Pranger als mir lieb ist, weil ich rede von einer explosiven Mischung amerikanischer Aussenpolitik, von Unilateralismustendenzen, die von vielen Nicht-Amerikanern, vor allem aus armen Laendern, als Grossmachtarroganz interpretiert wird. Weil ich rede von globaler Militaerpräsenz, die von vielen als potentielle Bedrohung empfunden wird, vor allem in Saudi-Arabien, wo tausende GI's dauerhaft im Land der heiligen Stätten von Mekka und Medina stationiert sind.

"Hast Du etwa Verstaendnis fuer die Terroristen?" Diese mir häufig gestellte Gegenfrage empfinde ich mittlerweile nicht mehr als Beleidigung, vielmehr zeigt sie mir, dass die weitverbreitete Naivität und Ignoranz im Volk gegenüber den Implikationen der Aussenpolitik des eigenen Landes
gefährlich sind. Die Unfähigkeit (und im Falle vieler politisch Verantwortlichen Unwilligkeit) sich in die Köpfe von Leuten zu versetzen, die in fernen Ländern leben, in einer anderen Kultur, in Armut und Unfreiheit leben, dies macht das Leben in diesem wunderschönen Land Amerika wirklich gefährlich.

Dass jetzt natürlich die Terroristen mit allen Mitteln bekämpft werden muessen, dass wir jetzt die Suppe gemeinsam auslöffeln müssen, dieser Zusatz wurde von meinem Nachbarn offenbar nicht mehr richtig wahrgenommen. Seit 9-1-1 will er nicht mehr mit mir reden ...

  • Datum 27.11.2001
  • Autorin/Autor Udo Bauer
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1Pp8
  • Datum 27.11.2001
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