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Asien

Nahrungsmittelskandal in Indien

Landesweit hat die indische Lebensmittelbehörde Milchprodukte analysiert. Fast 70 Prozent sind mit teils schädlichen Substanzen versetzt.

Es sind erschreckende Zahlen, die die staatliche Lebensmittelbehörde in Indien in ihrer neuesten Studie vorlegt. Bei landesweiten Proben fanden die Kontrolleure in gepanschter Milch Wasser, Fett, Glukose und Magermilchpulver. Einige der untersuchten Milchproben enthielten sogar Bleich- und Düngemittel, Harnstoff oder Reinigungsmittel: Stoffe, die nicht nur hochgradig die Gesundheit gefährden, sondern auch Krebs auslösen können.

Doch es kommt noch schlimmer: Die 2008 ins Leben gerufene Lebensmittelbehörde warnt, dass 13 Prozent aller Lebensmittel in Indien - also auch Gemüse, Fleisch und Früchte - verseucht sind. Viele der 1,2 Milliarden Inder bangen um ihre Gesundheit.

Die Menschen sind verunsichert

"Ich denke, das Schlimmste, das uns als Normalbürgern passieren konnte, ist, dass wir gar nicht wissen, was wir essen", erzählt ein Mann in Delhi. "Wir erfahren nur über die Medien, dass es so etwas wie gepanschte Lebensmittel gibt. Wir erfahren von Razzien, die stattfinden. Doch wir haben die Kontrolle über das, was wir essen, verloren."

Frau kocht Milch ein in einem indischen Dorf (Foto: AP)

Milch ist ein Grundnahrungsmittel in Indien. Doch nun sind die Menschen verunsichert

Jeder hat etwas zu diesem Thema zu sagen, auch dieser Familienvater: "Einmal wollte ich Milch kaufen und weil die Marke, die wir sonst trinken, ausverkauft war, habe ich eine andere Sorte Milch gekauft. Am nächsten Morgen ist meine Tochter krank geworden. Inzwischen haben ich auch große Angst davor, Hühnerfleisch zu essen, weil den Tieren Hormone gespritzt werden, damit sie schneller wachsen." Indien ist der größte Milchproduzent der Welt. Gerade bei religiösen Zeremonien werden oft Milchprodukte und aus Milch hergestellte Süßigkeiten geopfert. Die Kuh ist den Hindus, die etwa achtzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, heilig. Doch verunreinigte Milchprodukte sorgten bereits in der Vergangenheit für Schlagzeilen. 2008 starben sechs Kinder im Osten des Landes. Die Behörden führten die Tode auf gepanschte Milch zurück, die die Kinder in der Schule getrunken hatten.

Kampf ums Überleben

Doch nicht nur Milch, auch andere Lebensmittel werden mit zum Teil giftigen Stoffen behandelt. Befragt man die Gemüse- und Obsthändler auf den Märkten in Indien, erzählen diese bereitwillig, wie sie seit jeher Äpfel mit Chemikalien behandeln. Viele Früchte werden oft hunderte von Kilometern entfernt geerntet. Unreif, denn sonst würden sie den langen Transport gar nicht überstehen. Das heißt, sie werden mit Chemikalien versetzt, die sie in Stunden reifen lassen oder mit Farbe, damit sie prall rot glänzen. Es ist auch bekannt, dass teurere Öle mit billigeren vermischt werden oder Teeabfälle mit frischen Teeblättern.

Händler verkaufen auf einem indischen Markt Obst und Gemüse (Foto: AP)

Gespritzte Tomaten? Gemüse auf einem Markt in der ostindischen Metropolie Kolkata (ehem. Kalkutta)

Die weit verbreitete Armut, fehlende Aufklärung und Profitgier sieht Savvy Soumya Misra vom Centre for Science and Environment in Neu Delhi als Ursachen für das weit verbreitete Panschen und Behandeln von Lebensmitteln in Indien an: "Bauern und Händler sind oft arm und haben für ihre Produkte schwer gearbeitet. Sie wollen sicherstellen, dass ihr Obst und Gemüse auf dem Markt zu einem guten Preis verkauft wird. Dafür müssen Äpfel und Gemüse gut aussehen." Und die Verbrauchen wollten natürlich Ware kaufen, die ansprechend aussieht, so Misra weiter: "Viele Universitäten in Indien erstellen seit je her lange Listen von Mitteln, wie Pestizide oder Düngemittel, die auf keinen Fall in der Landwirtschaft eingesetzt werden sollten. Aber diese Listen erreichen die Bauern gar nicht."

Schwierige Kontrollen

Bisher gibt es nur etwa 2000 Lebensmittelkontrolleure für das mit 1,2 Milliarden Menschen enorm bevölkerungsreiche Indien. Die Zahl der Kontrolleure soll nun auf 6000 erhöht werden. Derzeit beträgt das Budget der staatlichen Lebensmittelbehörde gerade mal sechs Millionen Dollar. Aufgrund der Komplexität des Problems und aufgrund der immer schockierenderen Enthüllungen will die indische Regierung das Budget nun vervierfachen.

Bauern sortieren ihre Produkte auf einem Gemüsemarkt(Foto: AP)

Die Qualität von Gemüse, Obst und Milch soll besser kontrolliert werden

Die Lebensmittelexpertin Savvy Soumya Misra betont, dass viele der seit Jahren bekannten Praktiken in Indien nur deshalb jetzt für soviel Furore sorgen, weil zum ersten Mal eine staatliche Behörde diese als gesundheitsschädlich und gefährlich gebrandmarkt hat: "Die ersten Gesetze und Regulierungen gibt es in Indien seit 2006. Die Lebensmittelbehörde wurde 2008 ins Leben gerufen. Doch erst 2011, also im vergangenen Jahr hat, man die gesamte Gesetzgebung zum Thema Lebensmittelsicherheit abgeschlossen." Dies zeige, wie lange man gebraucht hat, eine Struktur aufzubauen und zu implementieren, so Misra: "Die Behörden haben nicht genug Geld, nicht genug Kontrolleure, zu wenig Labore. Sechzig Jahre lang gab es keine Struktur. Das heißt, wir werden in Indien noch eine sehr lange Zeit benötigen, bis wir erste Erfolge sehen können."

Ähnliche Probleme in China

2008 sorgte ein Milchskandal in China für Schlagzeilen. Milch war mit der Chemikalie Melamin versetzt worden. Dadurch wies die Milch einen höheren Proteingehalt aus. Sechs Kinder kamen ums Leben. 2009 wurden zwei Männer für ihre Verwicklung in den Skandal hingerichtet. In Indien kommen die meisten gefassten Lebensmittelpanscher bisher noch entweder straffrei oder mit geringen Geldstrafen davon. Und dies wirkt für viele nicht besonders abschreckend.

Autorin: Priya Esselborn
Redaktion: Ana Lehmann