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Europa

Nahost-Experte: "Hohes Gefährdungspotenzial in Frankreich"

Dass die Anschläge von Paris tatsächlich zentral von der Terrororganisation "Islamischer Staat" geplant wurden, sei eher unwahrscheinlich, sagt der Nahost-Experte Günter Meyer im DW-Interview.

DW: Herr Meyer, es deutet vieles darauf hin, dass die Pariser Terrorschläge vor dem Hintergrund des französischen Engagements in Syrien zu sehen sind. Was ist Ihre Einschätzung?

Günter Meyer: Der Bezug zu Syrien ist eindeutig. Gerade in der vergangenen Woche hat Präsident Hollande noch groß verkündet, er habe einen Angriff auf ein Ausbildungslager in Syrien angeordnet, in dem sich auch Franzosen befänden. Damit, so Hollande weiter, wolle er verhindern, dass es zu Anschlägen in Frankreich komme. Das heißt, es ist hier eine direkte Beziehung zu sehen. Die Frage bleibt allerdings, ob es tatsächliche eine Aktion ist, die zentral vom "Islamischen Staat" (IS) geplant worden ist. Wahrscheinlicher scheint mir, dass es sich um einen Fall des so genannten "homegrown terrorism" handelt - also um junge Franzosen, die sich in einer islamistischen Vereinigung zusammengeschlossen haben. Ganz ähnlich also wie im Fall von "Charlie Hebdo".

In gewisser Weise ist das ja viel beunruhigender. Denn Terror aus dem Inneren könnte die gesamte Nation spalten.

Das ist in der Tat außerordentlich gefährlich. Schon vor über einem Jahr wurde gewarnt, dass wesentliche Orte zur Bildung solcher Terrorzellen die Gefängnisse sind. In ihnen haben sich solche Gruppen in Frankreich bereits gebildet. Hier gibt es ein sehr großes Gefährdungspotential. Die entsprechenden Täter können sich dort weiter radikalisieren und kriminalisieren. Wenn sie freigelassen werden, stellen sie ein erhebliches Risiko für die gesamte Gesellschaft dar.

Vor knapp zwei Wochen diskutierte man in Frankreich über den zehnten Jahrestag der Vorstadt-Unruhen im Herbst 2005, als junge Männer überwiegend aus den Banlieues über Tage gewalttätig protestierten. Die französische Presse gab sich nachdenklich und selbstkritisch. Man habe einiges zur besseren Integration getan, aber noch längst nicht genug. Wie sehen Sie es?

Günther Meyer- Foto: Universität Mainz

Günther Meyer

Man muss ganz klar erkennen, dass die sozialen Verhältnisse in den Banlieues, in denen insbesondere überwiegend muslimische Migranten oder Muslime mit Migrationshintergrund leben, alles andere als günstig sind. Die dort lebenden Menschen sind nach wie vor wirtschaftlich weitestgehend ausgegrenzt. Es gibt eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, es herrscht in weiten Teilen Perspektivlosigkeit. Das ist natürlich ein idealer Nährboden für die Rekrutierung von Terroristen und Islamisten.

Was heißt das für die kulturelle Identität des Landes und die daraus zu ziehende Integrationspolitik?

Eine ganz entscheidende Ursache liegt darin, dass wir es hier mit einer anderen kulturellen Gruppe, nämlich mit dem Islam verbundenen Menschen, zu tun haben. Der Islam ist als wesentliches Identitätsmerkmal gerade für diejenigen Gruppen interessant, die in Frankreich kulturell, wirtschaftlich und sozial benachteiligt sind. Es handelt sich um Menschen, die sich in bestimmten Brennpunkten gerade um Paris herum konzentrieren. Sie stehen außerhalb der überwältigenden Mehrheit der französischen Gesellschaft. Sie werden von Hardcore-Islamisten radikalisiert.

Woran liegt diese Abgrenzung?

Die Politik spielt zweifellose auch eine Rolle. Gerade das, was von der rechten Seite kommt, ist natürlich ein wichtiges Element, das dazu führt, dass gerade die Bevölkerung mit Migrationshintergrund aus der islamischen Welt durchaus an den Pranger gestellt wird. Die propagandistischen, hasserfüllten Parolen aus dem rechten Lager führen weiter dazu, dass es zu einer Radikalisierung kommt. Auch die offizielle französische Politik hat mit islamkritischen, teilweise sogar islamfeindlichen Äußerungen dazu beigetragen, dass sich Muslime in Frankreich diskriminiert fühlen, sich zurückziehen und für solche Hassprediger besonders anfällig werden.

Warum grenzen sich viele Franzosen speziell gegen Muslime ab?

Aus Sicht der "christlich-abendländischen" Kultur handelt es sich eben um eine besondere Gruppe. Es sind Fremde, es sind die "Anderen". Und diese "Anderen" sind immer wieder Ziel von Benachteiligungen und Diskriminierungen durch die Mehrheit der Bevölkerung.

Günter Meyer ist Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Universität Mainz.

Das Gespräch führte Kersten Knipp.