Nahost-Experte: ″Der IS inszeniert eine fiktive Expansion″ | Nahost | DW | 10.03.2016
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Nahost-Experte: "Der IS inszeniert eine fiktive Expansion"

Das Datenleck der Terrororganisation "Islamischer Staat" wird für dessen Mitglieder schwerwiegende Konsequenzen haben, erwartet der Nahost-Experte Stephan Rosiny. Der Verlust dürfte sie aber zusammenschweißen.

DW: Herr Rosiny, dem Sender Sky News sind Datensätze zu rund 22.000 Kämpfern des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) übermittelt worden. Welche Folgen könnte das für die Dschihadisten haben?

Stephan Rosiny: Sollte sich die Nachricht als wirklich stichhaltig erweisen, kann man daraus drei Schlussfolgerungen ziehen. Der Umstand, dass ein IS-Kämpfer diese Daten unterschlagen hat und sich mit ihnen abgesetzt hat, weist auf einen internen Zerfallsprozess hin, denn es kam in jüngster Zeit bereits zu anderen Enthüllungen durch Überläufer. Über innere Auflösungserscheinungen wie Desertionen, undiszipliniertes Verhalten und Konkurrenzkämpfe gab es ja in den vergangenen Monaten bereits mehrere Berichte.

Zum Zweiten trifft dieser Datenverlust natürlich den auf Globalisierung setzenden Anspruch des IS schwer. Denn nun können diese Kämpfer leichter gefasst werden, wenn sie zwischen IS-Territorien oder ins Ausland reisen und dort mögliche Anschläge verüben wollen. Auch können sie sich nicht mehr unter Flüchtlingen verbergen, wie es ihnen bislang in Einzelfällen möglich war.

Drittens aber könnte dieser Datenverlust den IS auf gewisse Weise sogar stärken. Denn diese 22.000 enttarnten Kämpfer können sich nun nicht mehr unerkannt vom IS in ihre Heimatländer absetzen und sich dort als Zivilisten ausgeben, da ihre Identität den Behörden bekannt ist. Das macht für sie eine Ablösung vom IS schwierig, sie sind ihm nun quasi ausgeliefert, wenn sie einer Strafverfolgung entgehen wollen.

Indirekt könnte der IS also sogar von der Veröffentlichung profitieren, weil dies die Kampfmoral der Enttarnten erhöht, da sie nichts mehr zu verlieren haben. Ich denke deshalb, dass man die Daten unbedingt dazu nutzen muss, um den Kämpfern Ausstiegsangebote zu machen.

Seit mehreren Monaten fliegt die russische Luftwaffe Angriffe auf den IS. Wie wirkt sich das auf dessen Strukturen wie auch den Kampfeswillen der Dschihadisten aus?

Dr. Stephan Rosiny (Foto: GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien)

Nahost-Experte Stephan Rosiny

Die Frage, welche Ziele die russische Luftwaffe tatsächlich bombardiert, ist für Außenstehende schwierig zu verifizieren. Es gibt verschiedene, einander widersprechende Informationen. Aber gewiss haben sie auch IS-Ziele getroffen. Russland ist ja nicht der einzige Akteur, der den IS derzeit angreift. Im Norden Syriens attackieren ihn bereits seit langer Zeit die kurdischen Milizen. Auch die westliche Allianz, das irakische Militär, sunnitische Stammeskämpfer und schiitische Milizen bedrängen ihn.

So ist der IS in den letzten Monaten immer stärker unter Druck geraten und hat bereits mehrere Städte, Territorien, Einnahmequellen und wichtige Versorgungswege verloren. Das hat dazu geführt, dass er seine Gewaltstrategie verändert. Er ist dazu übergegangen, sich mit anderen dschihadistischen Milizen zusammenzuschließen und Anschläge auch in anderen Ländern zu verüben. Dadurch versucht er den eigenen Kämpfern den Eindruck zu vermitteln, dass er nach wie vor erfolgreich ist und expandieren kann. Letztendlich führt er derzeit aber ein Rückzugsgefecht und verliert an Territorium.

Das bleibt vermutlich nicht ohne Auswirkungen auf die Stimmung der Dschihadisten?

So ist es. Es wirkt sich vor allem auf das Selbstverständnis des IS aus. Denn dessen so genannter Kalif, Abu Bakr al-Bagdadi, bezieht ja seine religiöse und politische Autorität daraus, ein islamisches Weltreich zu errichten. Wenn dieses nun aber immer mehr zerfällt, ist das ein ganz massiver Legitimitätsverlust. Für die auf seinem Gebiet lebende Bevölkerung ist das allerdings nur bedingt eine gute Nachricht: Denn je schwächer der IS wird, desto mehr presst er nun Abgaben aus der Bevölkerung heraus.

Er hat in den letzten Monaten viele Einnahmequellen verloren: Einige Ölquellen wurden ihm abgenommen, Transportwege wurden gekappt, die "Zentralbank" des IS in Mossul ist getroffen worden. Dabei allein hat er vermutlich eine halbe Milliarde US-Dollar verloren. Zum Ausgleich verlangt er nun immer höhere Abgaben von der Bevölkerung. Leistungen wie Öl, Strom, Wasser, die er bis vor einiger Zeit noch preisgünstig zur Verfügung stellte, sind nun massiv teurer geworden.

Der IS weicht zunehmend nach Nordafrika aus, insbesondere nach Libyen, wo der Staat kaum mehr existiert. Was bedeutet das für Europa? Die Dschihadisten stehen ja fast vor der Haustür.

Seine Präsenz in Nordafrika ist Konsequenz seiner Niederlagen in Syrien und im Irak. Seitdem versucht er, andere dschihadistische Gruppen und Organisationen für seine Zwecke zu mobilisieren. Das ist ihm auch gelungen: Mehr als drei Dutzend dschihadistische Verbände haben sich ihm bereits weltweit angeschlossen.

Nach Libyen hatte der IS immer schon gute Beziehungen - viele Libyer haben beim Aufbau des IS mitgeholfen. In Libyen, aber auch im Jemen, wiederholt sich, was schon im Irak und in Syrien passiert ist: Staatsfreie Räume bieten dem IS ideale Voraussetzungen, um sich auszubreiten.

Das Tragische ist, dass im Fall des Jemen auch westliche Alliierte - sprich Saudi-Arabien - dieses Machtvakuum mit erzeugen. In beiden Ländern breiten sich mit dem IS assoziierte Milizen aus. Ich würde dies aber nicht als Stärkung seines eigentlichen Territoriums sehen. Denn die Kämpfer dort werden den Zerfall und die Niederlage des IS als Territorialstaat in Syrien und im Irak nicht aufhalten können. Ich rechne damit, dass der IS dort absehbar zerfällt.

Was bedeutet das für Europa, wenn man etwa an sogenannte "Schläfer" und unerkannte Dschihadisten denkt?

Derzeit versucht der IS, eine fiktive Expansion zu inszenieren. Einerseits durch den Zusammenschluss mit anderen dschihadistischen Organisationen. Andererseits durch eine Ausweitung seines Aktionsradius. Dazu gehören Terroranschläge in anderen nahöstlichen Ländern, aber auch in Europa. Das ist gewissermaßen eine Flucht nach vorn. Sie soll den Eindruck erwecken, dass der IS noch Schlagkraft besitzt und überall zuschlagen kann.

Er will damit seinen Anhängern weismachen, dass er nach wie vor an seiner apokalyptischen Vision festhält, die ganze Welt zu islamisieren, und dass es noch Sinn macht, sich ihm anzuschließen. Ein weiteres Motiv dieser Strategie könnte es auch sein, den Hass auf die Muslime in Europa zu schüren und die Muslime so dazu zu animieren, wieder zum "Islamischen Staat" zurückzukehren. Der IS hatte Flüchtlinge, die vor seiner Herrschaft nach Europa geflohen waren, als Abtrünnige und Ungläubige beschimpft. Inzwischen versucht er aber, sie wieder zurück zu locken.

Terroranschläge in Europa haben insofern diesen doppelten Sinn für den IS. Die Aufdeckung der 22.000 Kämpfer dürfte diese Gefahr nun etwas eindämmen, weil sie den Sicherheitsdiensten in der Prävention von Anschlägen helfen wird. Aber die Gefahr von Anschlägen ist nach wie vor relativ groß.

Stephan Rosiny ist Nahost-Experte am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg.

Das Interview führte Kersten Knipp.

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