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Politik

Nah dran und doch kein Durchblick

'Embedded journalism', die hautnahe Berichterstattung von einer Fronteinheit, stößt auf ein geteiltes Echo. Was für den einen mehr Authentizität bedeutet, ist für den anderen ein Missbrauch der Medien.

Ein Journalist fotografiert im Irak-Krieg 2003 ein brennendes Ölfeld

Fronteinsatz: Ein Journalist fotografiert im Irak-Krieg 2003 ein brennendes Ölfeld

Der Begriff der "eingebetteten Journalisten" gehört für die einen mit zum Sieg, nicht nur der Truppen, sondern auch der Medien, die immer schneller immer authentischere Bilder direkt von der Front liefern. Journalisten und Kameraleute als Action-Men: mitten im Geschehen, eingebunden in ihre Truppe, als Teil der Militärstrategie.

"Wenn das Briefing der Offiziere live übertragen wird, dann können Sie davon ausgehen, dass die Briefings so gemacht werden, dass die Gegenpartei zu einem bestimmten Verhalten bewogen wird", erklärt Ulrich Tilgner, einer der bekanntesten Fernsehreporter in Deutschland. "Das heißt: All das, was wir während des Golfkrieges gesehen haben oder das, was Journalisten damals übertragen hatten, war Teil der Kriegsführung der USA, ohne dass das von uns damals so genau begriffen wurde."

Kritik und Lob für die "Eingebetteten"

Der deutsche Auslandsreporter Ulrich Tilgner - AP

Kritisch: Der deutsche Reporter Ulrich Tilgner

Tilgner berichtet seit Jahrzehnten aus Kriegs- und Krisengebieten. Er ist einer der Journalisten, der den "eingebetteten" Kollegen sehr kritisch gegenüber steht - wie auch Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV): In einigen Fällen hätten eingebettete Journalisten, die sich nicht auf das "Propagandaspiel des Pentagon" einließen, kritisch berichtet und authentische Szenen geliefert, "die mit zum Gesamtbild des Irakkrieges gehörten", sagt Zörner. "Allerdings darf sich kein Zuschauer ausschließlich auf Medienberichte verlassen, die von eingebetteten Journalisten kommen." Sie würden dann einen viel zu geringen Ausschnitt des Krieges sehen.

Zu Beginn des Irak-Krieges waren 775 Journalisten, Fotografen und Kameraleute bei den Truppen dabei. Sie waren unter Vertrag, denn sie mussten zuvor unterschreiben, dass sie nicht alles senden und veröffentlichen durften, was sie sahen, hörten oder erlebten. Damals sagte ein amerikanischer Offizier bei den Marines: "Unser Job ist es, den Krieg zu gewinnen. Ein Teil vom Krieg ist die Informationsfront, also versuchen wir die Informationen zu dominieren." Im Nachhinein ein kluger Schachzug.

Scheren im Kopf

Auch psychologisch entstehen Scheren im Kopf, wenn es um die Berichterstattung über die weniger erfreuliche Seite der Truppen geht. Wer einmal gemeinsam einen Angriff oder ein Attentat überlebt hat, empfindet auch auf der menschlichen Ebene ein Solidaritäts- und Zugehörigkeitsgefühl, das eine objektiv-kritische Haltung fast unmöglich macht.

Robert Nickelsberg, Reporter des Time Magazine, bei der Arbeit an der Front - AP

März 2003: Ein Reporter des Time Magazine bei der Arbeit an der Front

Für den DJV stellte sich jedoch, wie auch für die deutschen Medien, kaum die Frage, ob man überhaupt Journalisten als Vertragspartner der Armee an die Fronten des Irak-Kriegs schicken sollte. Aus zwei Gründen, wie Hendrik Zörner betont: "Einerseits deshalb, weil die deutschen Journalisten nur in sehr geringer Anzahl überhaupt die Möglichkeit gehabt hätten, an diesem Kontingent der eingebetteten Journalisten teilhaben zu dürfen." Andererseits habe es in Deutschland eine außerordentlich kritische Haltung gegenüber dem "Embedded journalism" gegeben. "Eine sehr viel kritischere Haltung als etwa in Großbritannien oder in den USA", fügt Zörner hinzu.

Misslungener Perspektivenwechsel

Aus "sie" wurden in den Berichten und vor allem Bildern oft "wir". Die Perspektive zum Beispiel der Zivilbevölkerung wurde mit den Augen der Truppen gesehen. "Embedded", also einbezogen, wurde schnell zu "inbedded" oder "inbeds" - Bettpartner. Nach jedem halbwegs objektiven Maßstab entstand ein viel zu enges Verhältnis zwischen Journalisten und Militär, wobei es nicht einmal so sehr um Inhalte ging, sondern um die Bilder, wie Hendrik Zörner bestätigt: Bilder seien das Wichtigste, aber auch das Gefährlichste am "Embedded journalism". "Deshalb glaube ich auch, dass wir bei einem ähnlichen Krieg in Zukunft mit Ähnlichem oder gar Schlimmerem als im Irak zu rechnen haben."

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