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Deutschland

Nah dran - Arabische Bundestags-Stipendiaten

Junge Stipendiaten aus der arabischen Demokratiebewegung sind zu Gast im Deutschen Bundestag. Sie hoffen auf Anregungen, die sie für den Demokratieprozess mit nach Hause nehmen können.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte empfängt der Deutsche Bundestag eine Gruppe von engagierten jungen Leuten aus der Arabischen Welt, um ihnen in einem umfassenden vierwöchigen Stipendienprogramm einen Einblick in das parlamentarische System der Bundesrepublik Deutschland zu geben. Die politisch interessierten und engagierten jungen Frauen und Männer arbeiten in ihrer Heimat als Journalisten, Ärzte, Bibliothekare oder als Lehrer an Schulen, Hochschulen und Stiftungen.

Die Idee für das Stipendium geht auf den Abgeordneten Wolfgang Börnsen (CDU) zurück. Er ist der geistige Vater des bereits seit mehr als 25 Jahren erfolgreichen Internationalen Parlaments-Stipendiums (IPS) und Vorsitzender der zuständigen Berichterstattergruppe im Deutschen Bundestag. Das Stipendium wird vom Deutschen Bundestag finanziert und steht unter dessen Schirmherrschaft. So begrüßte Bundestagspräsident Norbert Lammert die jungen Politik-Interessierten zu Beginn ihres Aufenthalts, der ein Beitrag zur demokratischen Entwicklung in den jeweiligen arabischen Ländern sein soll.

Vielfältiges Programm

Abgeordnete stimmen in Berlin im Bundestag über ein Gesetz ab (Foto: dapd)

Einblicke in den Deutschen Bundestag - Stipendiaten hoffen auf zahlreiche Anregungen

Das vierwöchige Stipendienprogramm umfasst Vorträge zur Geschichte und Funktion des deutschen parlamentarischen Systems, den Besuch von Plenardebatten und Ausschüssen sowie ein Praktikum bei Bundestagsabgeordneten, um deren Arbeit kennenzulernen. Daneben haben die Stipendiaten auch Gelegenheit, sich mit dem Umgang mit diktatorischer Vergangenheit in Deutschland auseinanderzusetzen. Ein Besuch der Stasi-Gedenkstätte in Berlin und des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald gehört ebenso zum Programm wie ein Seminar zum Thema "Religiöse und ethnische Minderheiten".

Demokratische Prozesse praktisch erleben

Menna Ged aus Ägypten, die nach einem Germanistikstudium zur Zeit beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Kairo tätig ist, schildert begeistert, was sie in den ersten Tagen in Berlin bereits erlebt hat. "Wir haben das Parlament besucht, einmal haben wir Frau Merkel live bei einer Sitzung erlebt. Es ist gut, den demokratischen Prozess praktisch zu erleben. Bei uns gibt es solche Gelegenheit leider nicht. Hier ist alles offen und man kann alles sehen und alles erfahren."

Abdallah Hamad aus Jordanien war schon mehrmals in Deutschland. Bei der DW Akademie in Bonn hat er eine Ausbildung zum Master in "International Media Studies" absolviert und arbeitet derzeit bei einer Nichtregierungsorganisation im Bereich politische Bildung. Auch er betrachtet es als einzigartige Gelegenheit, in Berlin den Bundestag besuchen und sich auch mit Kollegen aus anderen arabischen Ländern austauschen zu können.

Einblicke in deutsche Kultur und Geschichte

Zu den 24 arabischen Stipendiaten gehört auch der aus dem Libanon stammende André Sleiman. Er arbeitet in Beirut beim United Nations Development Programme (UNDP) als Berater und schreibt parallel dazu in Paris seine Doktorarbeit in Soziologie. Nicht nur den Bundestag habe er bisher kennengelernt und einen Einblick in den deutschen Parlamentarismus gewonnen, sagt André Sleiman, "sondern auch einen Einblick in die verschiedenen deutschen Stiftungen, auch die deutsche Kultur, die deutsche Geschichte."

Der ägyptische Dozent Mohamed Shehata arbeitet im Bereich Germanistik und Islamwisssenschaften an der Al-Azhar-Universität in Kairo. Viele Erfahrungen habe man in den letzten Tagen ausgetauscht, sagt er. Dabei habe er gelernt, "dass es in der Demokratie viel Zeit brauche, bis es zu Entscheidungen kommt", so Shehata.

Mona Hegazy, Bibliothekarin in der berühmten Bibliothek von Alexandria, organisiert neben ihrer Tätigkeit von Zeit zu Zeit auch Programme für politisch interessierte junge Leute. Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland will sie jungen Ägyptern Informationen über das parlamentarische System in Deutschland vermitteln. "Das wäre sehr nützlich in meinem Land", sagt die junge Frau.

Besuch von Stasi-Gedenkstätte und Archiv

Außenansicht eines Teils des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik, der heutigen 'Birthler-Behörde' (Foto: dpa)

Für die Stipendiaten leistet die Stasi-Unterlagenbehörde eine beeindruckende Vergangenheitsbewältigung

Die arabischen Stipendiaten haben auch die Gedenkstätte der ehemaligen Staatssicherheit der DDR und das dazugehörige Stasi-Archiv besichtigt und anschließend den Film "Das Leben der Anderen" zu dieser Thematik gesehen. Den Marokkaner Abderrahim Essadi - er ist Mitglied der engagierten marokkanischen Jugend an der Friedrich-Ebert-Stiftung in Marokko - hat der international viel beachtete Film tief beeindruckt. Es sei bemerkenswert, “wie sich Deutschland während nur 50 oder 60 Jahren von einer Diktatur zu einem demokratischen Land gewandelt hat."

Arwa Abassi aus Tunesien, die in der Deutsch-Tunesischen Handelskammer arbeitet, ist überzeugt, dass Vieles von dem, was sie in Deutschland kennengelernt hat, ihr weiterhelfen wird, "mich in meinem Land für eine Partei zu entscheiden, in der ich mich engagieren werde." Nach der Besichtigung der Stasi-Gedenkstätte und des dazugehörigen Archivs betont die 26-Jährige, warum die Auswertung von Unterlagen der Staatssicherheit auch eine Vorbildfunktion für ihr Land hat: "Weil unsere Regierung auch sehr fleißig bei der Berichterstattung gegen die eigene Bevölkerung war und wir sehen wollen, was in den Akten über uns berichtet wurde."

Sehen und Verstehen

Für den Palästinenser Kamal Mukarker aus Bethlehem, der bereits vor fünf Jahren in Deutschland ein Masterstudium "Internationales Projekt-Management" absolviert hat, war der Besuch der ehemaligen Staatssicherheits-Zentrale vor allem aus einem Grund wichtig: "Die Menschen sollen sehen und verstehen, wie solche Organisationen wirken. Wenn sie ein demokratisches Land aufbauen wollen, soll so etwas mit ihren Bürgern nicht passieren. Jeder soll sein Recht bekommen."