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Afrika

Nadine Gordimer: Wunderkind, Patriotin, gute Freundin

Nadine Gordimer bewegte die Menschen. Viele würdigten die verstorbene südafrikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin. Auch Autorenkollegen trauern.

Südafrika trauert um seine berühmteste Schriftstellerin. Viele äußerten sich bestürzt über den

Tod der 90-jährigen Literaturnobelpreisträgerin

Nadine Gordimer. Selbst der von Gordimer in der Vergangenheit scharf kritisierte südafrikanische Präsident Jacob Zuma hob ihre Bedeutung hervor: "Südafrika hat eine große Patriotin und herausragende Schriftstellerin verloren", gab Zuma in einer Mitteilung bekannt. Gordimer habe die Rolle von Kunst, Musik und Literatur im Kampf gegen das rassistische Apartheid-System herausgestellt. Aus seiner Partei, dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC), dem auch Gordimer lange angehörte, hieß es, das Land habe "eine unerreichte literarische Gigantin" verloren. "Ihr Lebenswerk war unser Spiegel und eine endlose Suche nach Menschlichkeit", erklärte ein Sprecher der Partei.

Schriftstellerin Ruth Weiss (Foto: public domain).

Journalistin Ruth Weiss

Als "Stimme für Gleichheit und Demokratie" würdigte die Nelson-Mandela-Stiftung die Autorin. Der 2013 verstorbene Mandela war selbst freundschaftlich mit ihr verbunden. Aus ihren Büchern habe er "viel über die Sensibilität der weißen Liberalen gelernt", schrieb der ehemalige Präsident Südafrikas in seiner Autobiographie. Als weiße Kritikerin der Apartheid habe Gordimer eine wichtige Rolle in Südafrika gespielt, sagte die deutsche

Journalistin und Schriftstellerin Ruth Weiss

. Weiss, die als Kind jüdischer Eltern vor dem Nationalsozialismus in Europa nach Südafrika geflohen war und bis in die 1960er Jahre dort lebte, war eine enge Weggefährtin Gordimers. "Sie musste sich als weiße Südafrikanerin zu ihrer Ablehnung des Apartheid-Regimes durcharbeiten", sagte Weiss im Gespräch mit der DW, "sie musste selber für sich entscheiden: So will ich nicht leben, ich akzeptiere das nicht."

Einsatz für die weniger Privilegierten

Weiss lernte Nadine Gordimer in den 1940er Jahren kennen. Damals war Gordimer Kundin in einem Buchladen, wo Weiss arbeitete. "Es machte Spaß und war immer anregend, mit ihr zusammen zu sein", so Weiss, die Gordimer als "gute Freundin" bezeichnete. "Sie hat mich nie fühlen lassen, dass sie die große, bekannte, ruhmreiche Frau war und ich nicht ihr Talent hatte." Gordimer hatte sich dem ANC angeschlossen, als dieser noch unter dem Apartheid-Regime verboten war. Mit dem Führungswechsel wurde der ANC 1994 zur Regierungspartei des neuen Südafrika. Später kritisierte Gordimer offen die Entwicklung der Partei. "Sie wollte die Welt nicht nur verstehen, sondern auch Machtexzesse benennen", sagte der südafrikanische Medienwissenschaftler Angelo Fick, "sie war nie daran interessiert, populäre Meinungen nachzubeten."

Schild mit der Aufschrift Nur Weiße vor einem Strand in Kapstadt, Südafrika 1989 (Foto: picture-alliance/dpa).

"Nur für Weiße": Gordimer war offene Kritikerin des Apartheid-Systems

Die Journalistin Ruth Weiss sagt: "Sie wusste, dass sie der schwarzen Führerschaft des ANC etwas bedeutete, weil sie ihre Sache in ihren Werken vertreten hatte. Aber sie lehnte es ab, sich vom ANC als Politikerin bezeichnen zu lassen: Sie war Schriftstellerin." Als liberale Weiße sei ihr zwar im freien Südafrika nicht mehr die gleiche Bedeutung zugekommen. Doch mit ihrem letzten Buch "Keine Zeit wie diese" - einer offenen Kritik an der neuen südafrikanischen Elite - habe sie "etwas hinterlassen, das nicht nur aus der weißen Sicht völlig richtig war und ist", betont Weiss. Dass die liberale Weiße sich auch für schwarze Schriftsteller einsetzte, betonte der Anti-Apartheid-Aktivist Morakabe Raks Seakhoa in einem Nachruf: Für ihn war Gordimer "eine Freiheitskämpferin, die immer die weniger Privilegierten im Blick hatte", immer entschlossen in ihrem

Einsatz für Autoren und Journalisten

in Haft.

Brasilien Schriftsteller Paulo Coelho (Foto: Getty Images).

Schriftsteller Paulo Coelho

"Wir werden dich vermissen"

Auch Schriftstellerkollegen würdigten Nadine Gordimer. "Wir werden dich vermissen", twitterte etwa der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho und zitierte: "Man kann ein Regime nicht durch Mitleid verändern, es braucht stärkere Mittel." Andrea Nattrass, die Gordimers letzten Roman herausgab, schrieb auf Twitter, sie fühle sich "privilegiert, mit Nadine Gordimer zusammengearbeitet zu haben." Und Publizist und Landsmann Ben William nannte ihre Kurzgeschichten "übernatürlich schön." Auch unter Literaturwissenschaftlern war Gordimer, die 1991 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde, sehr geschätzt. Als "Wunderkind" bezeichnete sie Craig McKenzie, Englisch-Professor in Johannesburg. Die 1923 geborene Gordimer habe den ganzen Aufbau der Apartheid miterlebt und sich auch in ihren Werken offen gegen das System ausgesprochen.

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