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Wirtschaft

Nadia Qani: "Ich wollte keine Sozialhilfe"

Vor 35 Jahren floh Nadia Qani aus Afghanistan nach Deutschland. Heute ist sie erfolgreiche Unternehmerin. Manuela Kasper-Claridge sprach mit ihr über ihre Erfahrungen als Migrantin und über Chancen für Flüchtlinge.

DW: Sie sind deutsche Staatsbürgerin mit afghanischen Wurzeln. Können Sie uns Ihre persönliche Geschichte erzählen?

Qani: Als Flüchtling bin ich 1980 in Frankfurt angekommen, barfuß mit einem einzigen Kleid. Ich war 19 Jahre alt. Die erste Frage war: Wo kann ich schlafen? Dann fasste ich den Entschluss: Ich will keine Sozialhilfe. Es ist gut, dass Deutschland ein Sozialstaat ist, der hilft, wenn jemand krank oder behindert ist, aber ich wollte arbeiten. Mein großes Glück war, dass mein Asylantrag schon nach drei Monaten anerkannt wurde und ich dann arbeiten durfte. Ich habe die Chance genutzt und alles gemacht: putzen, Regale einräumen, babysitten...

Was war das größte Hindernis, um arbeiten zu können und später auch ein Unternehmen zu gründen?

Es war teilweise sehr steinig, aber es ist möglich. Meine erste Firma habe ich 1991 gegründet, eine Gebäudereinigung. 27mal bin ich gelaufen, um einen Gewerbeschein zu bekommen. Ich hatte noch keine Staatsangehörigkeit, die haben wir erst 1998 bekommen, nachdem die Taliban die Buddha-Statuen zerschlagen haben. Da wussten wir, dass wir nicht mehr zurück gehen. Anfangs war es schwierig - man musste einen Fremdenpass beantragen und jedes Jahr die Arbeitserlaubnis verlängern lassen. Ich war eine junge Frau, sprach wenig Deutsch, keine Versicherung wollte mich haben. Aber ich habe es geschafft, mit Hilfe von vielen Menschen. Durch die Kontakte konnte ich später auch die zweite Firma gründen, einen kultursensiblen Pflegedienst. Seit 35 Jahren habe ich noch nie länger als zwei Wochen Urlaub gemacht. Aber ich freue mich so sehr, dass ich diesen Erfolg habe.

Sie beschäftigen viele Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in Ihrem Unternehmen. Was ist der Vorteil?

Frankfurt, wo ich arbeite, ist eine internationale Stadt, in der über 78 Nationen leben und über 200 Sprachen gesprochen werden. Das mag ich. Aber für alte Menschen könnte es zu einem Problem werden, wenn die Kommunikation dann auf die Muttersprache reduziert wird. Ich habe darin ein Potential gesehen. Es ist besser, wenn wir als Pflegekräfte Menschen einsetzen, die selber aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Denn Pflege ist sehr sensibel, ist auch Esskultur, Waschkultur und vieles andere.

Sind aus Ihrer Sicht Unternehmensgründungen eine Möglichkeit für Flüchtlinge, sich erfolgreich in eine neue Gesellschaft zu integrieren?

Ich glaube schon. Wenn Menschen selber ihr Geld verdienen, macht sie das stolz, sie lachen wieder. Das ist für die Gesellschaft ein ganz großer Gewinn. Es ist allerdings nicht leicht.

Wie sieht es aus mit Unternehmen, die verstärkt Migranten oder Flüchtlinge einstellen?

Wenn ich jemanden einstelle, muss er einen festen Wohnsitz und eine Arbeitserlaubnis haben. Das sind alles Dinge, für die der Arbeitgeber sorgen muss. Aber wenn man das macht, dann sind die Menschen sehr dankbar. Ich habe von 2013 bis Ende 2014 eine junge Frau mit zwei Kindern bei mir aufgenommen. Sie hat einen festen Job bei mir bekommen. Heute hat sie eine Dreizimmerwohnung und die Kinder gehen zur Schule. Was ich getan habe, war doch etwas für unsere Gesellschaft!

Kann der deutsche Staat auch mehr tun, um den Flüchtlingen zu helfen, die Unternehmer werden wollen?

Wenn Unternehmen, die Flüchtlinge als Auszubildende nehmen, berufsbegleitende Weiterbildung für sie durchführen oder Flüchtlinge einstellen, finanziell etwas geholfen werden würde, dann würden noch mehr Arbeitsplätze entstehen.

Das Interview führte Manuela Kasper-Claridge in Luxemberg während der europäischen Woche für mittelständische Unternehmen.

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