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Kultur

Nackte Angst am Theater

Was wird aus der noch immer reichen deutschen Theaterlandschaft? Die Bühnen fürchten für das nächste Jahr das Schlimmste. Bundespräsident Rau ließ sich von einer Kommission die Notwendigkeit von Reformen bestätigen.

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Den Theatern in Deutschland droht nicht nur der Tod auf der Bühne

Kein Land der Welt leistet sich so viele staatlich subventionierte Theater, so viele Opern, so viele große klassische Orchester wie Deutschland. Jährlich besuchen mehr als 20 Millionen Zuschauer die über 150 öffentlichen Theater und Opernhäuser in Deutschland. Nimmt man noch die klassischen Konzerte hinzu, kommt man auf die eindrucksvolle Zahl von 35 Millionen Zuschauer in rund 120.000 Theateraufführungen und Konzerten jährlich. Der Deutsche Bühnenverein führt darüber genau Buch. Diese Vielfalt kostet die öffentliche Hand zwei Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht ganzen 0,2 Prozent der Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden.

Nachwuchs aus aller Welt

Immer noch zieht Deutschland den künstlerischen Nachwuchs der Welt an. Die meisten großen amerikanischen Opern-Sänger haben ihre Karriere an deutschen Stadt- und Staatstheatern begonnen und aufgebaut. Doch die finanzielle Krise der deutschen Bühnen spitzt sich in diesem Winter dramatisch zu. Die Hauptstadt Berlin zum Beispiel hat gar nicht so viele Opernhäuser, wie sie schließen müsste, um überhaupt die monatlichen Zinsen der Kredite zu tilgen. Bundespräsident Johannes Rau rief deshalb im Jahr 2001eine Kommission zur "Zukunft von Oper und Theater in Deutschland".

Immer rundere Tische

"Ich hätte mir viel mehr erwartet", so Jürgen Schitthelm, Geschäftsführer der legendären Schaubühne in Berlin, enttäuscht über den Bericht der bundespräsidialen Kommission im Gespräch mit DW-WORLD. " Bei uns läuft das wie überall: Immer rundere Tische. Immer wird nur von Konsens geredet. Konkrete Maßnahmen wurden wieder nicht vorgeschlagen." Viel müsse geändert werden, so der Tenor der Kommission: Stellenwert und Budgets der Kulturförderung, ein zeitgemäßes Theaterverständnis und die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Betrieb der Bühnen.

Absurde Situation

Eine absurde Situation: Die Theater dürfen nicht über ihren eigenen Haushalt verfügen. Die Theater sind nur für künstlerische Tarifverträge zuständig, nicht aber für das nichtkünstlerische Personal, so Schitthelm. Tatsächlich werden die Tarifverträge der Bediensteten eines staatlichen Theaters, also der Bühnenarbeiter und Hausangestellten, von den Ländern ausgehandelt. Und zwar als Flächentarifverträge mit den Gewerkschaften. Da wird dann im Paket für die Bediensteten der städtischen Müllabfuhr dasselbe beschlossen, wie für die Opernhäuser. "Schon vor über zehn Jahren hat der Deutsche Bühnenverein gefordert, die Theater selber die sie betreffenden Tarifverträge aushandeln zu lassen. Aber da stellen sich die Gewerkschaften quer."

Und die Situation wird immer absurder. Jedes Jahr müssen die Theater ihren Mitarbeitern die zentral von der Innenministerkonferenz ausgehandelten Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes auszahlen. Diese Mehrbelastung wird allerdings nicht aufgefangen. Die Zuschüsse stagnieren oder werden drastisch gekürzt, aber die Tarifsteigerung muss trotzdem bezahlt werden. Irgendwann ist dann für die Kunst kein Geld mehr da.

Der Betrieb frisst die Kunst

Für Heinz-Dieter Sense, Geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper Berlin, liegt das Problem viel tiefer: "Hemmend ist die Gesetzeslage, das deutsche Arbeitsrecht. Solange wir gesellschaftspolitisch an diesen Grundsätzen nichts ändern, tut sich nichts", so Sense im Gespräch mit DW-WORLD. Gewiss könne man in Zeiten der Krise auch nicht mehr jedes Theater wie in den guten Zeiten am wünschenswerten Maximum messen. Doch bei 80 bis 85 Prozent fixen Personalkosten in einem Theater ist es mit der planerischen und gestalterischen Flexibilität nicht mehr weit her.

Wie viele Theater der gegenwärtigen Finanzkrise zum Opfer fallen werden, wagt Herr Sense nicht zu beurteilen. "Die Situation an den Theatern ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir werden diesen Staat nur reformieren können, wenn wir alle Verträge und Regelungen von Grund auf neu durchdenken."

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