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Kultur

Nackt in Deutschland: FKK gestern und heute

Die Freikörperkultur (FKK) geht zurück auf die Lebensreformbewegung um 1900, als Protest gegen Industrialisierung. Zehntausende schlossen sich zusammen und betrieben gemeinsam FKK. Heute herrscht Nachwuchsmangel.

Nackte auf dem Bauch, Egon Schiele (1890-1918), (Foto: Albertina Wien)

"Zurück" zur Natur" hieß der Slogan der Lebensreformer, die sich auch für vegetarische Ernährung, Naturheilverfahren und Reformkleidung aussprachen. Angesichts der Lebensbedingungen damals - viele Menschen hausten in engen, licht- und luftlosen Wohnungen, die Frauen eingeschnürt in Korsetts - bedeutete die Freikörperkultur eine Revolution.

"Nackende Menschen. Jauchzen der Zukunft"

Alle kennen sie, die FKK-Strände am Meer, an denen sich Nackte tummeln. Es gibt sie nicht nur in Deutschland, auf Sylt, Rügen und Usedom, es gibt sie in vielen europäischen Ländern. Niemand regt sich mehr darüber auf. Nudisten nennen sie sich oder auch Anhänger der Freikörperkultur, ein Begriff, der um 1900 entstand. Ein kleiner Rückblick auf die Geschichte der FKK-Bewegung. Copyright: Helmut Schultze

Natur pur

Unter diesem Titel veröffentlichte der Schriftsteller Heinrich Pudor 1906 eine pathetisch-schwülstige Schrift, in der er seine Gedanken zur Freikörperkultur zusammenfasste. Auf Pudor geht der Begriff Freikörperkultur zurück. Das Volk ist "verweichlicht und vom Kleidergift angesteckt und angefressen", schrieb er. "Mit dieser verlogenen und verschmutzten Kleidersitte sind Alkohol, Nikotin und Aas eng verbunden. Unsere ganze Kultur ist einseitige Kopfkultur". Das klingt verquast und war es auch. Pudor war eine schillernde Figur: Antisemit, Rassist und Nationalist, aber auch ein Gesundheitsapostel und zum Teil sogar Feminist. Die Nudisten, wie sie auch heißen, störten sich daran nicht. Unter ihnen waren viele schillernde Figuren, dazu gehörten zahlreiche Künstler und Bohemiens.

Berühmte Enthüllungen

Bekannt und berüchtigt war die Künstlerkolonie auf dem Monte Veritá oberhalb von Ascona am Lago Maggiore, in der sich unter anderem die Schriftsteller Stefan George, Hermann Hesse, Franziska zu Reventlow und Else Lasker-Schüler einige Zeit aufhielten und teilweise der Nacktkultur frönten.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewannen die Anhänger der Freikörperkultur an Boden, unabhängig von Heinrich Pudor. Die ersten Vereine entstanden, sogenannte Luftbäder öffneten ihre Pforten und die Avantgarde der Frauen trug Reformkleider. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Bewegung nicht mehr aufzuhalten. Am Ende der Weimarer Republik gab es bereits 100.000 organisierte FKK-Anhänger.

Scham und Schande

Im Dritten Reich konnten die Vereine nur überleben, wenn sie die nationalsozialistischen Rassengesetze anerkannten. Die Nudisten mussten sich zu allen Zeiten irgendwie arrangieren. In der Bundesrepublik nannten sie sich Familiensportbund oder Familiensportgemeinschaft, um bloß nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, etwas Unanständiges zu treiben.

Nudisten sonnen sich am Müggelsee in Ostberlin (Archivfoto vom Mai 1986). (Foto: Thomas Uhlemann/ dpa)

Nackt in Ostberlin

Bis weit in die 1960er Jahre hinein blieb die Öffentlichkeit in Westdeutschland argwöhnisch. In der DDR war die Akzeptanz größer und als "Nische für Aussteiger" beliebt, weg von der "Uniformiertheit des Lebens", sagt ein FKK-Anhänger, der damals dabei war.

Alles ist möglich

Ein Passant mit Regenschirm geht bei regnerischer Witterung in Schönebeck an einem überdimensionalen Plakat eines Sonnenstudios mit drei gebräunten Frauen vorbei (Foto:Jens Wolf/lah/dpa)

Ohne Wirkung

Angesichts der Allgegenwart von nacktem Fleisch in den Medien, regt sich heute niemand mehr über die Nudisten auf. Auch nicht über deren Aktivitäten. Manche verbringen ganze Ferien hüllenlos: besuchen Bars und Restaurants, gehen einkaufen und zum Sport, töpfern und malen. Die Reisebranche wartet mit immer neuen Angeboten auf. Mit Nacktwanderwegen, Feriendörfern, Kreuzfahrten, Reit- und Golftouren und neuerdings auch mit Safaris - alles nur für Nackedeis. Ein österreichischer Freizeitforscher will darin gar einen Trend erkennen.

Aber es seien überwiegend ältere Menschen, die FKK-Urlaubsparadiese ansteuerten, räumen Betroffene ein. Die Jungen bleiben weg. Das bestätigen auch die Vereine, sie klagen über Nachwuchsmangel. Hatten sie deutschlandweit Anfang der 1970er Jahre noch 150.000 eingetragene Mitglieder, sind es heute nur noch knapp 50.000. Die Jugend badet und sonnt sich zwar gelegentlich gern nackt, hält sich ansonsten jedoch eher bedeckt.

Autorin: Heide Soltau

Redaktion: Conny Paul