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Alltagsdeutsch – Podcast

Nachtzug

Wagenwände aus edlem Teakholz mit blinkenden Messingbeschlägen, Leder, Plüsch und Mahagoni – das gehört in eine Zeit, als der legendäre Orientexpress noch verkehrte. Doch die Idee des Hotelzugs ist noch immer lebendig.

Bahnhofsdurchsage:

"Auf Gleis 1 fährt jetzt ein: der Nachtzug 1549 aus Bonn zur Weiterfahrt nach Berlin ..."

Sprecherin:

Es ist kurz vor halb elf auf dem Kölner Hauptbahnhof: Mit zehnminütiger Verspätung rumpelt der Nachtzug nach Berlin in das stählerne Bahnhofsgebäude zu Füßen des Kölner Doms. Doch zumindest in dieser Nacht herrscht auf dem Bahnsteig weder Hektik noch Menschengetümmel: Nur einige Dutzend Fahrgäste warten auf die rot-weiß lackierten Schlaf- und Liegewagen des Nachtzuges von Bonn nach Berlin. An der Tür des modernen doppelstöckigen Schlafwagens werden die Gäste persönlich vom dezent in schwarz gekleideten Schlafwagenbetreuer begrüßt. Durch den mit silbergrauen Kunststoffpaneelen verkleideten Waggonflur begleitet Michael Stenzel, einer von insgesamt knapp 2000 Nachtstewards in den Zügen der Deutschen Bahn, die Kunden in ihre Kabinen.

Michael Stenzel:

"So, Ihr Abteil. Hier in der Ecke haben Sie Ihren Lichtschalter für die Beleuchtung, hier auf der Seite befindet sich die Temperatur. Wenn es Ihnen zu warm wird oder zu kalt wird, können Sie sich das selber einstellen, ja? Sie fahren bis zum Bahnhof Zoo?"

Sprecher:

Im Abteil wie im ganzen Wagen kühle Eleganz: silber melierte Kunststoffwände, ein Teppich aus lila-grauem Velours, vor den Fenstern silberne Rollos, ein kleiner Tisch mit zwei grau-blauen Drehstühlen. In den rund sechs Quadratmeter großen De-Luxe-Abteilen des Obergeschosses ist Platz für ein bis zwei Personen. Auf Wunsch kann eines der zwei bequemen Betten eingeklappt werden. Hinter einer Klapptür verbergen sich Dusche, WC und Waschgelegenheit.

Sprecherin:

Ob nach Brüssel, Baden-Baden oder Berlin, ob mit nationalen oder internationalen Destinationen: Allnächtlich sind allein in der Bundesrepublik mehr als 100 Züge mit Schlaf- und Liegewagen unterwegs. Doch deren Auslastung ist gering: Auf den rund 40 von der Deutschen Bahn betriebenen Verbindungen ist im Schnitt nur die Hälfte der Plätze besetzt. Auf der Strecke Bonn-Berlin wird sogar nur jeder dritte Platz verkauft. Mit Hilfe neuer Waggons und intensiverer Werbung soll das anders werden. Denn auch nach Ansicht der Fahrgäste gibt es durchaus gute Gründe für eine nächtliche Zugreise:

O-Töne:

"Weil ich gerne morgen früh ankommen möchte und es sehr zeitsparend so ist. Ich kann gut schlafen, komm' frisch an und hab' wenig Zeit verloren." / "Man spart sich halt die Tagesfahrt und kommt halt doch ausgeruhter da an, wo man hin möchte, und wenn man beruflich stark engagiert ist, dann ist das wichtig." / "Weil wir frisch aufstehen wollen, ausgeschlafen und keine Zeit verlieren wollen durch langes Rumsitzen."

Sprecherin:

Es ist kurz nach Mitternacht. NZ 1549 hat das Ruhrgebiet passiert und nähert sich Bielefeld. Die meisten Fahrgäste haben sich in ihre Abteile zurückgezogen; nur im Speisewagen nippen noch einige Schlaflose an einem Schlummertrunk. Anstatt kühler Moderne herrscht unter der dunkelblauen Kunststoffdecke des Speisewagens der heimelige Charme der Siebziger. Ein rundes Dutzend Tische mit rot karierten Drehsesseln bietet Platz für knapp 40 Personen. In einer gläsernen Vitrine neben der Bar warten ein halbes Dutzend Schokoriegel und ein eingeschweißtes Stück Marmorkuchen auf Käufer. Doch die Speisekarte ist erstaunlich reichhaltig.

Udo Blei:

"Da gibt es Kartoffelrahmsuppe mit geräucherter Forelle. Käptens Lieblingsfisch: der Stockfisch auf Senfsoße mit Kräuterkartoffeln, verschiedene frische Blattsalate, ja, das ist dann mit Mais, Tomate, Gurke ..."

Sprecher:

Bistro-Steward Udo Blei und seine Kollegen stehen im Dienst der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen AG, kurz: Mitropa. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn kümmert sich um Verköstigung und Betreuung der Fahrgäste. Bereits 1916 gegründet war die Mitropa in den goldenen Zwanzigern Synonym für rollenden Luxus auf Schienen. Damals zelebrierten die Köche der Mitropa in ihren vom Jugendstil geprägten Speisewagen die hohe Kunst der Grande Cuisine. Von Anbeginn an gehörten hohe Gefühle und große Politik zur Eisenbahn. Doch das neue Verkehrsmittel verband nicht nur Länder und Kontinente, es inspirierte auch Sprache und Musik:

Musik: Friedrich Hollaender, Höchste Eisenbahn

"Höchste, höchste, allerhöchste Eisenbahn!

Für alles, was du nicht getan, für alles, was du nicht getan!

Gibt's eine Frau, die du noch nicht geküsst?

Gibt's noch ein Land, wo du noch nicht gewesen bist?

Höchste Eisenbahn, höchste Eisenbahn!!"

Sprecher:

Bereits im 19. Jahrhundert entstand die auch heute noch weit verbreitete Redensart Es ist höchste Eisenbahn. Höchste Eisenbahn heißt so viel wie "höchste Zeit" oder "sehr dringend". Wer aber trotz größter Eile oder aufgrund von Gedankenlosigkeit seinen Zug verpasst, der bleibt auf der Strecke. Im übertragenen Sinne steht der verpasste Zug für eine verpasste Chance. Wer auf der Strecke bleibt, der kann einer aktuellen Entwicklung nicht folgen und wird zum Verlierer.

Musik: Friedrich Hollaender, Höchste Eisenbahn

"Der Zug, den du jetzt verpasst, du träge Menschenschnecke

Fährt dir vor der Nase weg, und du bleibst auf der Strecke.

Höchste Eisenbahn!

Unbarmherzig rückt der Zeiger. Hast du deine Pflicht getan?

Höchste, allerhöchste Eisenbahn!!"

Sprecher:

Doch wer in allergrößter Eile noch schnell auf einen fahrenden Zug aufspringt, der mag mutig sein, gilt aber im übertragenen Sinne der Redensart als Opportunist, der sich mit Verspätung an einer bereits laufenden Sache beteiligen will. Durch Hektik und Eile kann man aber auch zu spät bemerken, dass man im falschen Zug sitzt, sich also geirrt hat oder im übertragenen Sinne in etwas hineingeraten ist, was nicht den persönlichen Überzeugungen entspricht. Und wer bei so vielen Redensarten nur noch Bahnhof versteht, der will damit ausdrücken, dass er nichts mehr versteht.

Sprecherin:

Die meisten der in der Anfangszeit der Eisenbahn entstandenen Redewendungen sind noch heute weit verbreitet. Doch der Luxus der goldenen Zwanziger ist wohl unwiderruflich vergangen. Auch Bistro-Steward Udo Blei glaubt nicht an eine Rückkehr von Rheingold, Orientexpress und Co:

Udo Blei:

"Die Zeiten sind vorbei, wo wir da noch Orientexpress gefahren sind. Und das Flair wird nie wieder kommen, wat der Orientexpress mal hatte, weil erst mal die Leute nicht da sind, die auch das nötige Kleingeld haben, und an die Ausstattung kommt man nie wieder ran."

Sprecher:

Das legendäre Flair des Orientexpress – das bestand aus luxuriösen Materialien, Leder, Plüsch und Mahagoni und einem exklusiven Publikum. Das Wort Flair wurde aus der französischen Sprache übernommen. Dort bezeichnet es den Spür- oder Geruchssinn. Im Deutschen ist das Flair die besondere Ausstrahlung oder Atmosphäre eines Ortes.

Sprecherin:

Das Wohlbefinden der Reisenden an Bord des 1549 ist Aufgabe des dreiköpfigen Mitropa-Serviceteams. Die Mitarbeiter kontrollieren die Kabinen, überprüfen die Reservierungen, empfangen und begleiten die Fahrgäste zu ihren Abteilen, kochen und bedienen im Zugrestaurant und übernehmen den Weckservice kurz vor der Ankunft. Ihre Arbeit häuft sich vor allem während der abendlichen und morgendlichen Stoßzeiten, dann arbeiten sie bei voller Zugbelegung am Limit.

Sprecher:

Doch für Teamchef Dieter Knispel ist all das mittlerweile Routine. Seit neunzehn Jahren ist er für die Mitropa im Nachtverkehr unterwegs. Schon zu DDR-Zeiten entschied sich der gebürtige Ostberliner für den Beruf des Schlafwagenschaffners:

Dieter Knispel:

"Dat war früher eigentlich mehr durch Mundpropaganda. Ich hatte 'nen Kollegen, der fing bei der Mitropa an zu fahren und sagte, ist eigentlich 'ne interessante Tätigkeit, und wat reizvoll war an diesem Job, war das Reisen. Man kommt viel rum, immer wieder mit anderen Leuten, hat sehr viel Kontakt, man sieht sehr viel, dat war 'ne interessante Aufgabe, die mich einfach gereizt hatte."

Sprecher:

Durch Mundpropaganda erfuhr Knispel von den Vorteilen des Berufes. Wenn eine politische, kulturelle oder wirtschaftliche Information nur inoffiziell von Mensch zu Mensch und Mund zu Mund weitergegeben wird, dann spricht man von Mundpropaganda.

Sprecherin:

Inzwischen ist es drei Uhr morgens irgendwo zwischen Hannover und Magdeburg. NZ 1549 rast durch die mondlose Nacht, über Bahnübergänge, vorbei an Feldern und dunklen Gehöften. Auch im Zug ist alles ruhig. Die Türen der Abteile sind geschlossen, die Vorhänge vorgezogen, das Licht abgeschaltet. Doch das ist nicht immer so:

Dieter Knispel:

"Auf 'm Schlafwagen vergessen manche, dass die anderen Gäste vielleicht schlafen wollen, und denn gehen die 'n paar Mal auf Toilette oder raus, weil sie sich die Füße vertreten wollen und schmeißen die Türen, oder dass denn was getrunken wird, 'n bisschen laut erzählt wird, denn muss man auch schon mal hin und Einhalt gebieten, dass sie 'n bisschen ruhiger sind mit Rücksicht auf die anderen Gäste."

Sprecherin:

Im seltenen Notfall machen die Stewards auch von ihrem Hausrecht Gebrauch. Dann werden randalierende Fahrgäste am nächsten Bahnhof von der über Funk verständigten Polizei aus dem Zug geholt. Vor allem zur Sicherheit der Reisenden vor Diebstählen werden die neuen Schlafwagen inzwischen auch per Videokamera überwacht. Doch zumindest Dieter Knispel hat noch keinen Diebstahl erlebt:

Dieter Knispel:

"So lange, wie ich jetzt fahre, muss ich sagen, Holz mal 'n bisschen klopfen, bei mir wurde noch nie 'n Reisender bestohlen im Schlaf- oder Liegewagen. Det kann immer mal passieren, man kann noch so wachsam sein, wenn einer partout, sag' ich mal, stehlen will, kann man den Schaffner vielleicht mal ablenken, oder auf dem Weg zum Speisewagen zieht Ihnen einer dat Portemonnaie, dat kann Ihnen auf der Straße genauso passieren."

Sprecher:

Wenn Knispel sagt, dass er auf Holz klopft, dann beschwört er sein Glück, auf dass auch in Zukunft niemand in seinem Zug beraubt wird. Das Holz steht im Mittelpunkt vieler Redensarten: Wer zum Beispiel aus demselben Holz geschnitzt ist, ist von derselben Art, er hat denselben Charakter. In dieser und in vielen anderen Redensarten beschreibt das Holz den Menschen und seine Qualitäten.

Sprecherin:

Eine der wichtigsten Qualitäten eines Nachtstewards ist Geduld. Denn auch wenn es bei unberechtigten Beschwerden durch wütende oder ausfallend werdende Fahrgäste schwer fällt, heißt die erste Regel: immer freundlich bleiben. Dieter Knispel:

Dieter Knispel:

"'Nen Disput mit dem Gast zu suchen, dat bringt nichts. Innerlich wurmt mich dat schon, aber zeigen tut man's dann nicht so. Und da sollte man denn nicht die Beherrschung verlieren. Das ist mit dat Schwierigste an dem Job, immer nett und freundlich zu sein, obwohl: in einem brodelt's manchmal auch."

Sprecher:

Knispel versucht also vor allem, nicht die Beherrschung zu verlieren. Und das ist nicht ganz so einfach, denn innerlich wurmen, also quälen, ärgern oder beunruhigen auch ihn verbale Angriffe von Seiten der Gäste. Manchmal brodelt der Ärger in dem Nachtsteward wie das kochende Wasser in einem geschlossenen Topf oder Lava in einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Dann kann es auch mal zu einer eruptiven Überreaktion kommen.

Sprecherin:

Inzwischen ist es kurz nach vier. In etwa zwei Stunden wird der NZ 1549 Berlin erreichen. Während der Zug durch die Magdeburger Börde rollt, beginnt Nachtsteward Matthias Stenzel mit der Vorbereitung des Frühstücks:

Matthias Stenzel:

"Ja, wir werden jetzt die Brötchen aufbacken, die sind schon 'n bisschen vorgebacken. Also, damit die morgen früh richtig schön knackig sind, werden die jetzt noch mal in die so genannten Steamer reingenommen, das ist 'n Heizofen. Zehn Minuten, und dann sind sie okay, mit Croissants zusammen. Wichtig ist, dass sie immer schön duften, und dat lockt die Gäste an. Das zieht durch den ganzen Gang hier durch, alles knusprig und schön warm."

Sprecherin:

Eine dreiviertel Stunde später weckt Stenzel die ersten Gäste des Schlafwagens mit frischem Kaffee und einem reichhaltigen Frühstück. Während draußen langsam die Sonne aufgeht, passiert der Zug Potsdam, die Havel und den Grunewald. Als der NZ 1549 gegen 6.30 Uhr die Stadtgrenze von Berlin erreicht, hat auch der letzte mehr oder weniger verschlafene Gast sein Bett verlassen. Zumindest im Schlafwagen war es für die meisten eine angenehme Nacht:

O-Töne:

"Es war gut, es war leise, und es war auch angenehm, und es war weich." / "Ganz gut, bin noch etwas müde, aber gut geschlafen." / "Gut, prima sogar, war ausgezeichnet."

Bahnhofsdurchsage:

"Willkommen in Berlin Hauptbahnhof, Gleis 1 ist eingefahren: Nachtzug 1549 aus Bonn ..."

Fragen zum Text:

Wer nichts versteht, der versteht nur …
1. Bahnhof.
2. Eisenbahn.
3. Zug.

Redensartlich beschwört man sein Glück, indem man …
1. Mundpropaganda betreibt.
2. auf Holz klopft.
3. auf einen fahrenden Zug aufspringt.

Welche dieser Städte passiert ein Zug, der zwischen Bonn und Berlin verkehrt, nicht?
1. Magdeburg
2. Baden-Baden
3. Bielefeld


Arbeitsauftrag:
Informieren Sie sich über das Schienennetz in Deutschland. Schreiben Sie jeweils drei Städte als Abfahrts- und drei Städte als Zielorte (mit Datum und Uhrzeit) auf ein Blatt Papier und lassen Sie diese Zettel einsammeln und neu verteilen. Ermitteln Sie nun mittels Fahrplänen, Telefonauskunft oder Internet passende Verbindungen zwischen den jeweiligen Orten auf Ihrem Zettel.

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