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Alltagsdeutsch – Podcast

Nachtdienst

Während sich die meisten Menschen in ihr Bett begeben, werden andere erst richtig wach – nicht unbedingt, weil sie auf Partys oder vorm Fernseher das Sandmännchen hartnäckig ignorieren, sondern weil ihre Arbeit beginnt …

Daniela Heidorn:

"Wir arbeiten viel nachts, also überwiegend nachts, die meisten Kinder kommen nachts, oder die meisten Geburten beginnen zumindest nachts. Also, die häufigste Zeit, in der ich gerufen werde, ist so zwischen drei und vier Uhr morgens. Das ist immer dann, wenn man richtig tief eingeschlafen ist, geht meistens dann auch der Pieper los."

Wolfgang Kornienko:

"Ich fühl' mich wohl dabei. Ich finde es im Sommer schlimm, wenn es gegen Ende der Schicht anfängt, hell zu werden. Ist für mich persönlich schlimm, ich mache dann also unter Umständen noch 'ne halbe Stunde früher Schluss, nur damit ich noch im Dunklen nach Hause komme. Kann man das jetzt analysieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich 'n Dunkelheit liebender Typ, ich fühl' mich einfach wohl. Mir macht das also nichts aus."

Thomas Krämer:

"Das ist alles querbeet, das ist also alles, was man sich vorstellen kann – vom Junkie, vom Penner, vom Stadtstreicher bis zum Rechtsanwalt, der nachts auf die Wache kommt, weil sein Auto aufgebrochen wurde oder weil er irgendwo hier in Ehrenfeld in der Gaststätte war und hat eben eine auf den Mund bekommen. Passiert alles. Körperverletzung, Randalierer, alles."

Sprecher:

Eine Hebamme, ein Taxifahrer und ein Polizist. Alle drei arbeiten sie häufiger nachts – wie sehr viele Bundesbürger. Und alle drei haben ganz unterschiedliche Eindrücke. Daniela Heidorn ist Hebamme. Sie arbeitet am "Kölner Geburtshaus". Hebamme – das Wort zeigt, wie alt dieser Beruf schon ist. Es stammt vom Althochdeutschen ab und bedeutet eigentlich: "Großmutter, die das Neugeborene aufhebt". Großmütterlich wirkt Daniela Heidorn allerdings nicht, sondern dynamisch und zupackend. Ihr Händedruck bricht einem fast die Finger. Die Geburtshelferin liebt ihren Beruf, auch wenn sie so oft nachts arbeiten muss und immer abrufbereit ist – zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Sprecherin:

Wolfgang Kornienko hingegen hat feste Dienste. Er fährt Taxi, die letzten Jahre nur in Nachtschicht – von nachmittags gegen 17 Uhr an bis morgens vier, fünf Uhr. Dass er die Sonne scheut, erscheint ihm selber auch etwas eigenartig. Scherzend fragt er, ob man sein Verhalten analysieren müsse. Analysieren ist ein bildungssprachliches Wort, das vom griechischen "analysis" abstammt, was "Auflösung, Zergliederung" heißt. Nach der analytischen Methode geht man unter anderem in der Psychoanalyse vor. Kornienko meint also, dass er vielleicht wegen seiner Liebe zur Dunkelheit ein Fall für den Psychologen sei. Zwiespältiger der Nacht gegenüber ist Polizeikommissar Thomas Krämer. Seit 1987 fährt er Schichtdienste. Gerade ist er in der Nachtdienstwoche; sieben Nächte lang, neun Stunden von abends halb zehn bis morgens halb sieben.

Thomas Krämer:

"Also, ich mach's gerne, und wenn ich dann keine Lust mehr hab', dann bau' ich auch ab. Aber so hat jeder seinen Hänger."

Sprecher:

Einen Hänger haben meint im Jargon, dass jemand keine Energie mehr für etwas aufbringt. Man kann sich bildlich vorstellen, wie jemand sich gehen lässt und im Sessel hängt. Kein Wunder; schließlich ist jeder menschliche Organismus morgens um drei – dank seiner inneren Uhr – auf Ruhe und Schlaf eingestellt.

Sprecherin:

Ganz anders erlebt die Hebamme Daniela Heidorn die Nacht:

Daniela Heidorn:

"Die Menschen sind nachts sensibler, offener. Also, ich erleb' das oft, dass auch Sätze, die nachts gesprochen werden, viel, viel mehr Intensität haben als Sätze, die tagsüber gesprochen werden. Das kennt man auch, wenn man sich so außerhalb des Berufes unterhält, dass Menschen nachts weicher sind einfach auch."

Sprecher:

Für Daniela Heidorn verändern sich nachts nicht die Körper und die Form der Menschen, wenn sie sagt, sie würden nachts offen und weich. Das Adjektiv offen stammt aus dem Althochdeutschen und bezeichnet eine Beschaffenheit, so dass jemand oder etwas heraus- oder hineingelangen kann. In Bezug auf Gefühle meint offen, dass jemand nichts verbirgt und aufrichtig ist. Auch das Adjektiv weich stammt aus dem Althochdeutschen und heißt eigentlich "nachgebend", also leicht in der Form veränderbar. Hebamme Heidorn meint hier im übertragenen Sinne, dass die Menschen nachts gefühlvoller werden, empfindsam und mild. Die Nacht ist auch ihre Haupteinsatzzeit:

Daniela Heidorn:

"Das ist gar nicht so mysteriös eigentlich. Dieses Hormon, das für die Wehen zuständig ist, ist nachtaktiv. Das ist der Grund, warum die meisten Geburten nachts anfangen. Also, die Kinder kommen nicht immer unbedingt nachts, aber die Geburten fangen nachts an."

Sprecherin:

Nicht mysteriös sei es, dass die Frauen meistens nachts gebären. Mysteriös ist abgeleitet von "Mysterium", das aus dem Lateinischen beziehungsweise Griechischen stammt. Das Adjektiv bedeutet "seltsam" und "unerklärlich", "nicht zu durchschauen oder zu erklären". Doch genau das kann Daniela Heidorn: Das Hormon, das die Wehen auslöse, sei nachts aktiv. Wehe stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt "Leid", "Schmerz". Ausgelöst werden die Wehen durch Hormone. Hormon ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet "in Bewegung setzen", "antreiben". Auch die letzte Geburt, bei der Daniela Heidorn geholfen hat, ging abends los.

Daniela Heidorn:

"Und ich bin dann ein bisschen früher hingefahren, weil ich irgendwie auch so ... manchmal dann auch so vom Gefühl her so 'n bisschen unruhig werde, und das war auch ganz gut. Da war die schon gut am Arbeiten, ja, und die sind gerade am Umziehen gewesen. Die hatten da zwischen Kartons und, ich weiß nicht was, sich da wirklich so ein Nest gebastelt und das trotzdem ganz, ganz schön hergerichtet. Und um kurz nach elf kam das Kind dann auch schon zu Hause auf die Welt."

Sprecher:

Nest bedeutete früher einmal tatsächlich "eine Stelle zum Niedersitzen". Bei Geburten ist es wichtig, der Frau eine angenehme Umgebung zu verschaffen. Viele Frauen wollen ihr Kind lieber zu Hause oder im Geburtshaus zur Welt bringen, weil sie die sterile und unpersönliche Atmosphäre im Krankenhaus abschreckt.

Daniela Heidorn:

"Der Unterschied ist also zum Beispiel zur Klinik, dass man in der Klinik ganz oft so 'ne Situation hat: Es klingelt, Frau Müller steht vor der Tür, Frau Müller hat Wehen, ich hab' Frau Müller noch nie gesehen, vielleicht ist man sich auch nicht so unbedingt grün, und dann gibt's ganz viele Sachen, die ich erst mal so aus dem Mutterpass herauslesen muss. Also, das wievielte Kind kriegt Frau Müller. Und es ist schon was anderes, wenn nachts einer anruft und sagt: 'Hallo, hier ist Petra'. Und die Petra kenne ich seit Monaten, die hab' ich schon ganz lange betreut, ich weiß, wie es bei ihr zu Hause aussieht. Das ist einfach viel, viel persönlicher, das ist ein viel persönlicheres Verhältnis. Und das macht das Arbeiten auch angenehmer, auch wenn das manchmal mühsam ist, nachts aufzustehen, macht das Arbeiten schon viel angenehmer."

Sprecherin:

Ein Besuch in der Klinik ist unpersönlicher, urteilt Daniela Heidorn; man kennt sich nicht und ist sich vielleicht auch nicht grün. "Grün" verbindet sich hier über die ursprüngliche Bedeutung aus dem Althochdeutschen, "wachsend", "sprossend", "blühend", mit der Vorstellung des Angenehmen, Gedeihlichen. Und in der Verneinung heißt es umgangssprachlich, dass man sich nicht leiden kann. Mit den unterschiedlichsten Menschen muss auch Taxifahrer Kornienko auskommen, gerade das findet er so spannend:

Wolfgang Kornienko:

"Natürlich ist nachts 'n spezielles Publikum. Es sind fast – nicht überwiegend, aber es sind sehr oft Leute, die in irgendeiner Weise was zu sich genommen haben, Alkohol, wie auch immer. Das kann man auch positiv sehen. Man muss mit den Leuten umgehen können, man muss auf den Topf das richtige Deckelchen finden, da kann man eigentlich mit allen Leuten gut klarkommen. Also, klar, es ist viel Kneipen, es sind Bars, es sind Diskotheken, was man nachts fährt. Es sind aber auch Leute, die halt nachts arbeiten, die von der Arbeit kommen. Also, eine Studentin, die gejobbt hat in der Kneipe, fährt um zwei nach Hause. Oder jemand, der um drei schon anfängt zu arbeiten. Leute, die mit der ersten Maschine wegfliegen, die zum Flughafen fahren – ist ja auch alles nachts. Ist ja nicht, dass nachts nur die kriminelle Halbwelt da unterwegs ist."

Sprecher:

Auf den Topf lässt sich das richtige Deckelchen finden, sagt Taxifahrer Kornienko und das heißt nicht, dass er immer eine Ladung Kochutensilien im Taxi bereithält. Das Wort "Topf" stammt aus dem Ostmitteldeutschen, die Herkunft ist ungeklärt. Die Redewendung jeder Topf findet seinen Deckel bedeutet, dass alles und jeder das zu ihm passende Gegenstück findet. Mit seiner Menschenkenntnis kommt Kornienko also mit den meisten Menschen klar. Auch mit nächtlichen Vergnügungssüchtigen. Denn er nimmt nicht tatsächlich ganze Häuser mit, wenn er sagt, er fahre Bars, Kneipen und Diskotheken. Diese Gebäude sind personifiziert und stehen für die Menschen, die in ihnen waren und dann zur nächsten Bar oder nach Hause wollen. Und es sind auch ganz normale Bürger unterwegs in der Nacht, so Kornienko, nicht nur die kriminelle Halbwelt. Halbwelt ist eine Lehnübersetzung aus dem Französischen. Die "demi monde" beschreibt leicht abwertend eine elegant auftretende, aber zwielichtige, anrüchige Gesellschaftsschicht. Welcher Schicht auch immer sie angehören – nachts reagieren die meisten Menschen anders:

Wolfgang Kornienko:

"Ja, klar. Obwohl, den Horror, den man sich so manchmal ausmalt – fragt mich denn so 'ne ältere Dame: 'Haben Sie eigentlich keine Angst?' Dann sage ich: 'Vor Ihnen oder vor wem?' Ich hab' auch, als ich am Tag gefahren bin, hab' ich auch Sturzbetrunkene, die also nicht mehr auf den Beinen stehen konnten, vormittags um 11 befördert. Da habe ich auch mit Leuten Krach gekriegt, die schlecht gelaunt waren."

Sprecherin:

Es gibt immer wieder Überfälle auf Taxifahrer, gerade nachts. Eher Horrorgeschichten, meint Kornienko. Horror stammt wie viele Ausdrücke im Deutschen aus dem Lateinischen und bezeichnet den schreckerfüllten Schauder. Taxifahrer Kornienko hält diesen Schauder für ausgemalt, also in der Phantasie entstanden. Problemfälle hat er auch tagsüber gehabt, Sturzbetrunkene etwa. "Sturz" bedeutet im Althochdeutschen eigentlich "Emporragendes". Der Begriff hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ein Sturzbetrunkener ist wegen seines Alkoholkonsums nicht mehr in der Lage, aufrecht zu gehen. Manchmal hat der Taxifahrer auch Krach bekommen. Krach heißt, dass man laute Auseinandersetzungen führt. Polizeikommissar Krämer verbindet mit seinen Dienstnächten eher Negatives. Den Tag sieht er freundlicher:

Thomas Krämer:

"Man kann mit vielen Leuten besser sprechen. Da ist auch ein ganz anderes Potential auf der Straße. Leute, die arbeiten gehen, Leute, die klüngeln, durch die Straßen klüngeln, einfach nur shoppen. Alte Leute, kranke Leute, Hilfsbedürftige. Und nachts ist mehr die Jugend. Gerade hier in Ehrenfeld, im Umfeld der Wache sind so viele Diskotheken und Schuppen, wo abgefeiert wird. Dann sind die, ja, ich sag' mal, die 17- bis 30-Jährigen unterwegs. Natürlich kann man da auch schöne Erlebnisse haben. Aber die sind selten."

Sprecher:

Klüngel - da denkt man in Köln an den Kölschen Klüngel, an die Neigung, sich gegenseitig Vorteile zu verschaffen. Klüngel heißt "Knäuel" im Sinne von "Zusammengeballtes". Der Polizeikommissar meint mit klüngeln jedoch einen Ausdruck aus der Landwirtschaft, der dort "trödeln", "herumbummeln" meint. Die Leute genießen ihre Freizeit und gehen einkaufen.

Sprecherin:

Der Kölner Stadtteil Ehrenfeld war vor langer Zeit zwar Ackergebiet, heute stehen hier aber keine Holzschuppen mehr, um die herum die Jugend tanzt. Krämer meint, wenn er Schuppen erwähnt, wo abgefeiert wird, Kneipen und Tanzhallen, in denen man sich ausgiebig amüsieren, eben: abfeiern kann. Und da muss immer mal wieder die Polizei einschreiten.

Sprecher:

Vor einiger Zeit aber hat Thomas Krämer einen nächtlichen verrückt-schönen Einsatz erlebt, den er so schnell nicht mehr vergessen wird. Da wurde der Spruch wahr: die Polizei, dein Freund und Helfer.

Thomas Krämer:

"Da rief 'ne Frau an und sagte, es strahlt bei mir in den Wänden. Dann sind wir dahin gefahren mit zwei Wagen. Und letztendlich war es 'ne alte Frau, allein stehend, verwitwet. Die hat jemanden gesucht, mit dem sie reden kann. Und dann haben wir die Wohnung "entstrahlt", um sie zufrieden zu machen, damit sie wieder schlafen geht. Wir haben unser Ziel erreicht, indem wir dann zwei Funkgeräte genommen haben, und wenn man die so gegeneinander hält, dann gibt's 'ne Rückkopplung, und das quietscht dermaßen, da gehen Sie echt laufen. Und da haben, glaube ich, 16 Parteien oder so gewohnt. Da ist keiner von wach geworden, wir haben die Frau zufrieden gemacht, die alte Oma, und dann sind wir wieder gefahren."

Fragen zum Text:

Wer einen Hänger hat, der …

1. wird weich und offen.
2. baut ab.
3. sollte zum Psychologen gehen.

Mögen Personen einander nicht, dann …
1. sind sie sich nicht grün.
2. haben sie Wehen.
3. malen sie sich eine Horrorgeschichte aus.

Welcher Begriff wird (gerne) ganz speziell mit der Stadt Köln in Verbindung gebracht?
1. kriminelle Halbwelt
2. Klüngel
3. Schuppen


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