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Politik

Nacht der Gerüchte in Bangkok

Der Putsch in Thailand macht Weltschlagzeilen. Wie Bangkok die vergangenen zwölf Stunden erlebt hat und wie es weitergehen könnte, berichtet DW-Reporter Patrick Tippelt aus der Thai-Hauptstadt.

Ein Soldat bewacht das Regierungsgebäude in Bangkok

Ein Soldat bewacht das Regierungsgebäude in Bangkok

Kurz nach 21 Uhr setzte am Dienstag (19.9.2006) ein Platzregen in Bangkoks Zentrum ein und endete kurz vor Sonnenaufgang. Der Morgenhimmel war stark bewölkt, doch die Sonne stieß immer wieder durch. Wie ein himmelsgesandtes Zeichen mutete das Wetter in Thailands Hauptstadt für viele Bangkoker an. Es begleitete den Umsturz der kontroversen Regierung Thaksin Shinawatras durch Teile des Militärs.

Panzer in Bangkok!

Kurz nach 21 Uhr war Schluss mit den Musikkanälen in vielen Lokalen Bangkoks. Die Musik wurde ab-, CNN aufgedreht. Handys klingelten überall, ständig. Ein Dutzend Panzer waren gesichtet worden, in den Vorstädten, sie seien unterwegs Richtung Innenstadt. Minuten später schalteten die thailändischen Fernsehstationen um auf Schleifen von Marsch und Volksmusik, auf Bilder vom König. Das Militär hatte TV- und Radiostationen unter seiner Kontrolle.

Panzer in der Nacht in Bangkok

Panzer in der Nacht in Bangkok

Kurz vor Mitternacht wurde das Kabelfernsehen gekappt. Das Internet funktionierte nur holprig. Die Panzer rollten an der Khao San Road vorbei, dem Mekka für Rucksackreisende. Junge Touristen konnten nicht glauben, was sie sahen. Bangkoks Hauptstraßen wurden geräumt, das Militär schloss die Bürgersteig-Bars der Stadt. Bangkok saß im Dunkeln. Es begann die Nacht der Gerüchte.

Kurz nach Mitternacht kam die erste Erklärung der Putschisten. Auf allen Kanälen erklärte ein älterer Herr im Anzug – ein Sprecher der putschenden Armeefraktion – mit ruhiger Stimme die Lage. Der Regierungsbezirk sei gesichert. Die Verfassung sei außer Kraft gesetzt worden, die Regierung gestürzt. Es wurde um Ruhe gebeten.

Thaksins Rede vor der UN-Vollversammlung in New York wurde zunächst vorgezogen, dann abgesagt. Der entmachtete Premier verkroch sich in seinem Hotel, während Thais vor der UN gegen ihn demonstrierten. Thaksin konnte seine Meinung wegen der gekappten Nachrichtensender nicht unters Volk bringen.

Ausnahmezustand, dann Kriegsrecht

Kurz nach 2 Uhr wurde der Ausnahmezustand, den Thaksin von New York aus für Bangkok verhängt hatte, von den Putschisten aufgehoben. Landesweites Kriegsrecht wurde erklärt. Besorgte Anrufe aus der ganzen Welt ließen das Mobilfunknetz kurzfristig zusammenbrechen.

Kurz vor 3 Uhr morgens schwirrten auf lokalen Internet-Diskussionsforen Meldungen, Gerüchte und Vermutungen herum. Von Schüssen wurde berichtet im Norden Bangkoks, von einer Konfrontation zwischen den Putschisten und den Teilen des Militärs, die Thaksin die Stange halten. Glücklicherweise wurde dies jetzt nicht bestätigt. Denn das würde eine Eskalation für den augenblicklichen Staatsstreich bedeuten – und ein Blutbad.

Kurz nach 7 Uhr raste die Nachricht durchs Land, Thaskins Ehefrau sei seit Montag außer Landes - wahrscheinlich auch die Kinder. Die Mehrheit der Thais glaubt, dass Thaksin für einen Staatsstreich vorgesorgt hat. Vor kurzem hat er ein Haus in London gekauft, eine Woche zuvor soll er ein paar Millionen Pfund Sterling nach Großbritannien transportiert haben, im Gepäck. 30 Koffer habe er mitgehabt.

Leere Straßen

Kurz nach 9 Uhr morgens sind die Straßen Bangkoks leer. An Hauptkreuzungen stehen Soldaten. Schulen, Banken und Ämter bleiben geschlossen. Die Einkaufsstraßen stehen leer, Geschäfte warten vergeblich auf Kundschaft. In der U-Bahn sieht man westliche und asiatische Touristen, entweder besorgt dreinblickend oder ahnungslos – letztere fragen sich, wo denn der Stoßverkehr bleibt, bis auch sie per Handy den Urlaub verpuffen sehen. Die Thais sitzen zu Hause – und freuen sich, feiern ganz, ganz leise. Die Thaksin-Ära scheint nun tatsächlich beendet.

Gegen 11 Uhr bricht die Sonne durch. Die in der Stadt postierten Soldaten tragen gelbe Tücher als Zeichen der Verbundenheit mit dem König an der Uniform und ernste Mienen im Gesicht. Das hält einige Thais nicht davon ab, vor den Panzern zu posieren, während ihre Freunde sie mit dem Handy fotografieren. Es liegt Spannung in der schwülen Luft. Keinem Reporter gelingt es, an den Sperren im Regierungsgebiet vorbeizukommen. Reporter von BBC, CNN, CBC und der Deutschen Welle werden nicht durchgelassen.

Erstarrt

Bangkok liegt brach, ist erstarrt. Die bange Frage nun: Was macht Thaskin? Setzt er sich ab, auf die Philippinen oder nach Großbritannien? Oder wird er es wagen zurückzukehren, wo ihm eine Verhaftung oder viel Schlimmeres droht? Wird es noch zu Auseinandersetzungen innerhalb des Militärs kommen? Der König hat den Putsch quasi abgesegnet. Die Panzer stehen in der prallen Sonne. Und Thailand hofft.

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