Nachruf: Simbabwes langjähriger Oppositionsführer Morgan Tsvangirai ist tot | Afrika | DW | 15.02.2018
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Simbabwe

Nachruf: Simbabwes langjähriger Oppositionsführer Morgan Tsvangirai ist tot

Der simbabwische Politiker Morgan Tsvangirai ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Er war einer der schärften Kritiker des 2017 abgesetzten Dauerpräsidenten Robert Mugabe - und wäre selbst fast Präsident geworden.

Es ist nicht einfach, einen Robert Mugabe in seinem eigenen Metier zu besiegen. Im Kampf um die Köpfe und Herzen der Simbabwer war Mugabe, der das Land 37 Jahre lang beherrschte, ein Meister. Dennoch gelang es Morgan Tsvangirai mehrmals, ihn zu schlagen.

2008 gewann Tsvangirai den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl. Er verpasste jedoch die absolute Mehrheit. Nach massiver Einschüchterung und Gewalt gegenüber seinen Anhängern trat er bei der anschließenden Stichwahl nicht mehr an, Mugabe blieb im Amt. Später stoppte Tsvangirai gemeinsam mit anderen Oppositionspolitikern Reformen, die Mugabe mehr Macht verliehen hätten.

"Keine Demokratie ohne Tsvangirai"

Im Gegensatz zu Mugabe und dem Großteil der politischen Elite Simbabwes hatte Tsvangirai nicht am Befreiungskampf teilgenommen, der 1980 zur Unabhängigkeit führte. Und doch wurde er zur Gallionsfigur der Opposition und forderte den 30 Jahre älteren Mugabe immer wieder heraus. "Ohne Morgan hätten wir nicht von Demokratie reden können", sagt Ostalos Gift Siziba, Anführer der Nationalen Studentenunion Simbabwes. "Er bekämpfte das autoritäre Regime schon in den 90er Jahren, als Robert Mugabe noch eine rücksichtslose Gewaltmaschinerie beherrschte."

Tsvangirai wurde 1952 als ältestes von neun Kindern geboren. Sein Vater arbeitete als Maurer, Landwirt und Bergarbeiter. Tsvangirai ging früh von der Schule ab und arbeitete fast zehn Jahre in einer Nickelmine. In der Bergarbeitergewerkschaft fand er seine Berufung. Als Gewerkschafter trat er 1980 der ZANU-PF bei, der neuen Regierungspartei des gerade unabhängig gewordenen Simbabwe. Wie viele seiner Zeitgenossen bewunderte er Mugabe zunächst.

Von der Regierungspartei in die Opposition

Erst Mitte der 90er Jahre begann Tsvangirai das Mugabe-Regime öffentlich zu kritisieren. "Das erste, was ich von Morgan Tsvangirai mitbekommen habe, war eine Kampagne, die er mit dem Gewerkschaftsbund gemacht hat", erinnert sich Farai Gwenhure von der Bewegung Tajamuka/Sesjikile, die vor allem jungen Menschen mehr Gewicht im Land verleihen will. "Ich sah Flugzeuge, die Flugblätter abwarfen, die vor einem Anstieg des Brotpreises auf 50 Simbabwe-Dollar warnten. Zu dem Zeitpunkt kostete Brot nicht mal fünf Dollar", erinnert sich.

Kurze Zeit nach Tsvangirais Kampagne schossen die Preise noch weiter in die Höhe als befürchtet. Vor den Lebensmittelgeschäften bildeten sich lange Schlangen, selbst dicke Bündel von Simbabwe-Dollar-Noten waren bald wertlos. Später ersetzten US-Dollar und der Südafrikanische Rand die nationale Währung Simbabwes.

Tsvangirai organisierte Massendemonstrationen und Streiks, die Ende der 90er Jahre fast das ganze Land lahmlegten und Präsident Mugabe unter anderem dazu brachten, Steuererhöhungen zurückzunehmen. 1999 gründete Tsvangirai die Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC), die Simbabwes größte Oppositionspartei wurde.

2002 trat Tsvangirai erstmals als Präsidentschaftskandidat an und unterlag Mugabe. In den folgenden Jahren wurde Tsvangirai mehrfach bedroht, gefoltert und inhaftiert. Die Vorwürfe: Staatsverrat und ein Mordkomplott gegen Präsident Mugabe.

Simbabwe Präsident Emmerson Mnangagwa besucht kranken Oppositionsführer Morgan Tsvangirai (DW/P. Msvanhiri)

Anfang des Jahres besuchte Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa (r.) den kranken Oppositionsführer

Premierminister der Einheitsregierung Simbabwes

Bei den Wahlen im Jahr 2008 galt Tsvangirai als Hoffnungsträger, der die schwere politische und wirtschaftliche Krise des Landes überwinden könnte. Stattdessen stürzten Gewalt, Unterdrückung der Opposition und Wahlbetrugs-Vorwürfe das Land in eine tiefe Krise. Es folgten monatelange Verhandlungen. Unter Vermittlung Südafrikas wurde eine Teilung der Macht vereinbart: eine Einheitsregierung aus ZANU-PF und Oppositionsparteien. Tsvangirai hatte den Präsidenten Mugabe zwar nicht besiegt, aber als Premierminister einen Fuß in die Tür bekommen. Ein entscheidender Schritt, sagt Gwenhure von der Bewegung Tajamuka/Sesjikile: "Alle dachten bis dahin, Regierung sei gleichbedeutend mit ZANU-PF. Doch als die Vereinbarung unterzeichnet wurde, erfuhr jeder, dass es noch andere Simbabwer gibt, die anders an die Sachen herangehen. "

Die Einheitsregierung hielt eine Amtszeit lang.Viele Simbabwer spürten in ihrem Leben kaum eine Veränderung. Im Gespräch mit der Deutschen Welle gestand Tsvangirai damals ein, dass die Opposition an Unterstützung einbüßte. "Es war keine perfekte Vereinbarung, aber ich denke, es ist uns gelungen, das Land zu retten."

Vorbild für Simbabwes Oppositionelle

Privat erlebte Tsvangirai mehrere Schicksalsschläge: Seine Frau starb bei einem Autounfall, den er selbst überlebte, kurze Zeit darauf ertrank sein Enkel in einem Schwimmbecken. Er selbst erkrankte mit Anfang 60 an Darmkrebs. Den Niedergang seines Rivalen Robert Mugabe 2017 erlebte er noch - wenngleich nicht durch einen Wahlsieg der Opposition, sondern einen Umsturz aus Mugabes eigenen Reihen.

Für die simbabwische Opposition und seine eigene Partei, die sich im Laufe der Jahre mehrmals spaltete, bleibt Morgan Tsvangirai ein Vorbild. "Hier und da gab es zwar interne Probleme, aber er blieb der Bewegung immer verbunden", sagt Morgan Komichi, stellvertretender Vorsitzender von Tsvangirais Partei MDC-T. "Tsvangirai ist der Fackelträger, er ist der Visionär."

Ende 2017 sprach Tsvangirai von einem Generationswechsel: "Es steht uns unmittelbar bevor, dass wir, die ältere Generation, von den Hebeln der Herrschaft ablassen, damit die jüngere Generation diese große Aufgabe, die wir gemeinsam begonnen haben, weiterführen kann."

Mitarbeit: Privilege Musvanhiri