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Kunst

Nachruf: Kulturmanager Martin Roth wird fehlen

Er war ein Museumsmann mit Herzblut – und genialen Ideen. Der Erfolg gab Martin Roth recht, auch wenn er manchmal Kritik einstecken musste. Nach schwerer Krankheit ist er im Alter von 62 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Kameras, Mikrofone und Fotoapparate surren, als Martin Roth im Palazzo Lesse eintrifft, nicht weit von der weltberühmten Piazza San Marco, mitten im Herzen von Venedig. Drei Monate ist das her. Großer Eröffnungsempfang im aserbaidschanischen Pavillon auf der Kunstbiennale. Mit der Verpflichtung Roths als Kurator hat das Regime Aserbaidschans einen echten PR-Coup gelandet. Aber Martin Roth lächelt gelassen in das Blitzlichtgewitter. Und beantwortet unbequeme Fragen.

Martin Roths Victoria & Albert Museum wird von der Herzogin von Cambridge Kate als Museum des Jahres ausgezeichnet. (picture-alliance/dpa/M.Dunham)

Martin Roth's Victoria & Albert Museum wird von der Herzogin von Cambridge Kate als Museum des Jahres ausgezeichnet.

Roth war vom Brexit enttäuscht

Die wichtigste Frage aber stellte keiner. Warum nur wurde Martin Roth von Tag zu Tag schmalgesichtiger, warum wirkte er so angeschlagen und war am Ende nur noch ein Schatten seiner selbst? Die Antwort kannte nur er – eine schwere Krankheit ließ ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben. Wohl deshalb hatte Roth im Herbst 2016 die Leitung des Londoner Victoria & Albert Museums aufgegeben, nach fünf sensationell erfolgreichen Jahren. Er wolle sich mehr um seine Familie kümmern und um die Kulturpolitik, sagte er damals in einem Interview mit der Deutschen Welle. Erst jetzt, nach seinem Tod, wirkt Roths Entscheidung als plausibel.

Als er London den Rücken kehrte, da jagte die Brexit-Debatte von einem Höhepunkt zum nächsten. Roth outete sich früh als Brexit-Gegner. Mehr noch: Wortgewaltig zog er gegen den britischen EU-Ausstieg zu Felde und warnte im Gespräch mit der Deutschen Welle davor, "alles, was unsere Elterngeneration erreicht hat - Friedenspolitik, Versöhnung, gemeinsames Denken - einfach über Bord zu werfen." Für Roth war das "eine ziemlich schreckliche Vorstellung!" Das Brexit-Votum der Briten empfand er denn auch als "eine persönliche Niederlage".

Ausstellungsplakat zur Schau You Say You Want a Revolution? im Londoner Victoria and Albert Museum (Victoria and Albert Museum, London)

Ausstellung im V&A zur Ästhetik der Rebellion

Erfolgreiche Blockbuster im Londoner V&A Museum

Roths Karriere folgte einer einzigen Erfolgsspur. Er war, wie ein Zeitungskritiker anerkennend schrieb, "immer zur richtigen Zeit am interessantesten Haus": Am Deutschen Historischen Museum kuratierte er 1990 die vieldiskutierte Bismarck-Ausstellung im Martin Gropius-Bau. Von 1991 bis 2001 leitete er das Deutsche Hygiene-Museum Dresden. Von 2001 bis 2011 war Roth Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Von 2011 bis 2016 schließlich managte er das Londoner Victoria and Albert Museum (V&A), als erster Deutscher an der Spitze eines britischen Top-Museums. Unter seiner Führung erzielte das V&A Besucherrekorde, etwa mit Blockbustern zu David Bowie, Bob Dylan, dem Modedesigner Alexander McQueen und der Ästhetik der Revolte.

Martin Roth gestikuliert. (Foto: DW)

Türöffner und Überzeuger: Martin Roth

Schließlich waren da noch die Nebenjobs des Museumsmannes, der nicht Kunstgeschichte studiert hatte, wie die meisten seiner Kollegen, sondern Kulturwissenschaft: Roth war künstlerischer Leiter der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Er entwarf das Kulturkonzept für die Hamburger Hafen-City und er lehrte Kulturpolitik an der Technischen Universität in Dresden.

Genialer Geldbeschaffer für die Kultur

Martin Roth war ein Genie des Fundraising. Schon nach dem Elbe-Hochwasser von 2002 machte er mit Geldbeschaffungs-Aktionen von sich reden, mit denen Flut-Schäden in Dresden repariert und dringende Restaurierungen bezahlt werden konnten. Roths beeindruckende Erscheinung, seine sonore Stimme, sein Talent, mit einfachen Worten Ausstellungsprojekte zu erklären, öffneten ihm Türen und Brieftaschen der Unterstützer.

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Vermittler zwischen Kunst und Gesellschaft

Solche fand er auch 2008, als er vor den Olympischen Spielen eine Gerhard-Richter-Ausstellung in Peking mitorganisierte, erneut 2011 für die ebenfalls in Chinas Hauptstadt gezeigte Schau "Die Kunst der Aufklärung" und schließlich vor drei Monaten bei der Organisation des aserbaidschanischen Biennale-Pavillon in Venedig. Kritikern hielt er jedes Mal entgegen: Die Zusammenarbeit und das Gespräch mit Kollegen in repressiven Regimen seien nötig, das stärke die Zivilgesellschaft: "Wenn wir uns immer nur auf unsere Werte besinnen, können wir das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen, Anmerk.d.R.) oder das Goethe-Institut zumachen – oder die Deutsche Welle." Klare Worte eines großen Museumsmannes, der viel bewegt hat. Er wird fehlen.

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