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Wissen & Umwelt

Nachricht vom toten Nachbarn

Es ist vollbracht! Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig präsentierten das Erbgut des Neandertalers. Jetzt fordert Michael Lange eine zweite Chance für den Eiszeit-Menschen.

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So könnte der Neandertaler ausgesehen haben.

Für unsere Vorfahren waren sie wie Nachbarn aus der Höhle nebenan. Wenn man nicht gerade großen Streit hatte, grüßte man sich verstohlen, oder - wenn es möglich war - ging man sich weiträumig aus dem Weg. Sie sahen schon etwas grobschlächtig aus mit der breiten Nase und der fliehenden Stirn. Aber im Grunde genommen waren es Menschen wie unsere Ahnen auch. Wir nennen sie heute Neandertaler nach einem Knochenfund in der Nähe von Düsseldorf. Uns selbst bezeichnen wir hochnäsig als denkende Menschen: Homo sapiens.

Wenn wir von unseren ehemaligen Nachbarn reden, stellen wir uns bis heute keulenschwingende Grobiane vor. Dabei haben Ausgrabungen längst gezeigt, dass sie es in handwerklichem Geschick und Kunstfertigkeit locker mit unseren Vorfahren aufnehmen konnten. Nur - genutzt hat ihnen das nichts. Denn vor etwa 30.000 Jahren waren sie verschwunden. Ob unsere Vorfahren die Schuld tragen, weiß niemand. Haben sie die Neandertaler vertrieben oder vielleicht sogar umgebracht? Homo sapiens ist verdächtig. Es gibt Vermutungen, Indizien, aber keine Beweise. Jedenfalls ist das alles längst verjährt.

Michael Lange

Michael Lange, Wissenschaftsjournalist und Biologe

Neandertaler reloaded?

Aber nun kommt diese alte Geschichte wieder an die Öffentlichkeit. Aus einem halben Gramm Knochen haben Forscher aus Leipzig das Erbgut der Neandertaler Buchstabe für Buchstabe entziffert und im Computer rekonstruiert. Die ersten Ergebnisse haben bereits einige Fragen beantwortet. So weiß man nun mit Sicherheit, dass die Neandertaler definitiv nicht unsere Vorfahren waren, und sie haben sich auch nicht in großem Stil mit unseren Vorfahren vermischt. Sie waren Fremde, aber dennoch um ein paar Ecken mit uns verwandt. Ein Homo Sapiens-Neandertaler-Kind wäre möglich gewesen. Wahrscheinlich. Aber das lässt sich heute nicht mehr prüfen. Oder doch?

Schließlich ist es denkbar, das Erbgut nicht nur im Computer zu rekonstruieren. Biologen arbeiten seit kurzem daran, Erbmoleküle auch in großer Länge synthetisch herzustellen. Nach dem nun ermittelten genetischen Bauplan könnte man in einigen Jahrzehnten einen Neandertaler im Labor neu erstehen lassen. Viele Wissenschaftler halten das für denkbar. Und irgendwann stünde er dann neben uns oder unseren Nachfahren mit breiter Nase und fliehender Stirn am Raumdock. Und vielleicht schaffen wir es im zweiten Versuch, ihm freundlich zu begegnen und ihm nicht gleich mit Keule oder Strahlenpistole den Schädel zu zertrümmern.