1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Nachricht vom Tod

Traueranzeigen üben auf viele Leser eine Faszination aus. Dabei sind die meisten standardisiert. Seit jeher wird auf Musterbücher zurückgegriffen. Es gibt aber auch kreative Ausnahmen.

default

Ruhe in Frieden

"Wir haben den Mittelpunkt unseres Lebens verloren: Mein allerliebster Didi, unser geliebter, immer fürsorglicher Papa, mein großer Schach-Kumpel, unser Opa Dickbauch hat uns für immer verlassen. Sein aufrechter Gang ist uns Verpflichtung für ein Leben ohne ihn."

So lautet der Text einer Todesanzeige aus dem Jahre 2003. Über dem Text, in der linken oberen Ecke, sieht man ein Ahornblatt, rechts daneben ein achtzeiliges Gedicht über den Herbst des Lebens. Es stammt aus der Feder des Verstorbenen selbst, wie die Unterschrift verrät. Die abschließende Mitteilung der Angehörigen: "Wir möchten in aller Stille von ihm Abschied nehmen." Zwischen dieser und der ersten Todesanzeige, die in einer deutschen Zeitung veröffentlicht wurde, liegen 250 Jahre.

250 Jahre Todesanzeige

Die erste Todesanzeige, die in einer deutschen Zeitung veröffentlicht wurde, erschien im April 1753. Im "Ulmer Intelligenzblatt" tauchte unter der Rubrik "Vermischte Nachrichten" folgende Meldung auf: "In der Nacht, unterm 14. ist Herr Johann Albrecht Cramer, weiland des Raths, Zeugherr und Handelsmann allhier, in einem Alter von 70 Jahren an einem Schlagfluss gestorben."

Die Entstehung von Todesanzeigen ist eng mit der Verbreitung von Tageszeitungen verknüpft. Im 18. Jahrhundert hatte die Alphabetisierung der Bevölkerung einen so hohen Stand erreicht, dass sich die ersten regelmäßig erscheinenden Zeitungen etablieren konnten und Platz für Anzeigen boten. Zuvor war es üblich gewesen, dass ein so genannter Leichenbitter den Tod eines Menschen verkündete. Im Auftrag der Familie des Verstorbenen ging er durchs Dorf, gab den Nachbarn, Verwandten und Bekannten den Sterbefall bekannt und lud sie gleichzeitig zur Leichenfeier ein.

Sanktionierte Form

Die ersten Todesanzeigen waren noch sehr sachlich gehalten. Persönliche Ausführungen und Schilderungen eigener Gefühle kamen erst im Laufe der Zeit hinzu. Üble Nachreden und Verläumdungen, die in frühen Anzeigen nicht selten waren, werden heute mit Hilfe von Regelwerken unterbunden. Es gilt der Satz: "De mortuis nihil nisi bene" - über die Toten nur Gutes.

Bestatter und Zeitungsverlage greifen seit jeher auf Musterbücher und Formulierungsanleitungen zurück, so dass Todesanzeigen als hoch standardisiert gelten. Einer Studie zufolge ist die Spannweite an Inhalten von 1820 bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nahezu gleich geblieben. Die üblichen Basisinformationen sind nach wie vor: Verkündung des Todesfalls, Todesursache, Darstellung des Verstorbenen sowie der Hinterbliebenen und Mitteilungen zur Trauerorganisation. Es gibt aber auch Leute, die den Mut haben, eine Traueranzeige anders zu gestalten:

"Thommy. Ich bin zwar traurig, aber ich freue mich, dass es Dir jetzt besser geht. Hoffentlich denkst Du viel an uns und nimmst uns bald die Trauer. Ich hab Dich so lieb, wir werden uns wiedersehen. Dein Bruder Christian."

Beliebt wie der Sportteil

Todesanzeigen genießen bei der Leserschaft einen extrem hohen Aufmerksamkeitswert. Neben Sport und Lokalnachrichten sind sie die meistgelesene Rubrik einer Tageszeitung. Besonders in den großen überregionalen Zeitungen kann man sich an den endlosen, altertümlichen Titeln des europäischen Adels ergötzen, oder an Anzahl und Größe der nicht ganz billigen Todesanzeigen den wirtschaftlichen Rang und Einfluss eines Verstorbenen ablesen.

Anders in Italien. Hier wird gleich plakatiert. Todesanzeigen in der Größe von Veranstaltungsplakaten werden an die Kirchenwand oder auch ganz gewöhnliche Hauswände geklebt. In Wien, der Stadt, die für ihre Lust an aufwändigen Leichenbegängnissen berüchtigt ist, gibt es ebenfalls keine Zeitungsanzeigen. Dafür bekommt aber jeder Teilnehmer eines Begräbnisses einen Andenkenzettel mit Bild und Daten des Verstorbenem und einem Gebet für diesen. "Partezettel" (vom lateinischen Wort für "von uns gegangen") nennt man diese manchmal auch zur Doppelseite gefalteten Kärtchen.