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Nachholbedarf: Die Balkanländer und die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges

12. Mai 2005

Die Aufarbeitung des Weltkrieges ist in den Balkanländern bis heute nicht vollendet. Erst seit der politischen Wende Anfang der 90-er Jahre kommt es allmählich zu einer Neubewertung der Kriegereignisse.

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Müssen Geschichtsbücher neu geschrieben werden?Bild: BilderBox

Der 60. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges stellt auch die Länder des Balkans vor die Herausforderung, sich mit der eigenen Rolle während des Krieges auseinanderzusetzen. Dabei waren die Entwicklungen in diesen Ländern recht komplex gewesen, denn sie waren nicht nur Schauplatz antifaschistischen Widerstandes, sondern auch von Bürgerkriegen. So etwa Jugoslawien und Albanien. In Griechenland brach der Bürgerkrieg nach Ende des Weltkrieges aus. In Rumänien und Bulgarien hatten die Regierungen das Nazi-Regime in Deutschland unterstützt.

Erinnerung an den Krieg als "Siegererinnern"

Eine angemessene und objektive Beurteilung dieses Erbes hätte jede Nachkriegsregierung, egal welcher Couleur, auf eine schwere Probe gestellt. Für die Länder des Balkans wurde jedoch die Zurechnung zum Block der Siegermächte des Krieges ausschlaggebend für die Art der Erinnerung des Krieges. Wolfgang Höpken, renommierter Historiker und Kenner der Geschichte der Länder Südosteuropas, bestätigt dies: "Ich glaube, das war die entscheidende Weichenstellung für die Art, wie man erinnert wurde, denn dies bedeutete im Grunde genommen, dass das Erinnern an den Krieg nur ein Siegererinnern war. In Jugoslawien und Albanien war der Partisanensieg im Krieg die wichtigste Legitimation der Herrschaft. In all diesen Ländern hat man sich in der offiziellen Erinnerung bis 1989 wenig offen dafür gezeigt, die Ambivalenzen, Widersprüchlichkeit und Komplexität dieses Krieges angemessen zu bewerten".

Selektives Bild der Ereignisse

Die Länder des Balkans haben den Krieg ganz unterschiedlich erlebt. In den Jahren danach wurde von staatlicher Seite bewusst nur ein bestimmtes selektives Bild der Kriegsereignisse vermittelt und toleriert. Eine öffentliche Diskussion der Ereignisse fand nicht statt. Hier zeige sich auch ein klarer Unterschied zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges in Westeuropa, meint Höpken: "Sicherlich besteht ein grundsätzliches Unterschied darin, dass in den meisten westeuropäischen Ländern die Aufarbeitung in einem offenen Diskurs stattgefunden hat durch die verschiedenen Akteure und sie sich dadurch auch verändert hat, während in den kommunistischen Ländern, ein solcher unreglementierter Diskurs über den Krieg sicherlich nicht stattgefunden hat."

Das offizielle Bild vom Krieg wandelte sich in den Nachkriegsjahren in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen, die die Machthabenden hatten, um die Macht im eigenen Lande zu sichern. Zum Beispiel wurde in Jugoslawien und Albanien die Rolle der Roten Armee für die Befreiung vom Faschismus nur bis in die 50-er Jahre hinein glorifiziert; später erinnerte man sich hauptsächlich an die eigenen Partisanenleistungen im Krieg; auch für das Rumänien von Ceausescu gewann der eigene Partisanenkrieg in den 70-er- und 80-er Jahre immer mehr an Bedeutung, während der Beitrag der Roten Armee deutlich verdrängt wurde. In Griechenland beeinflusste der Bürgerkrieg in den 50-er Jahren auch die Bewertung des Zweiten Weltkrieges: erst ab Ende der 70-er Jahre begann man dort die Rolle der Kommunisten entspannter zu sehen.

Geschichtsbücher wurden neu geschrieben

Die politische Wende Anfang der 90-Jahre bot für die Balkanländer Gelegenheit, die Geschichtsbücher neu zu schreiben. Dabei wandte man sich auch dem Zweiten Weltkrieg zu, um die eigene Rolle in diesem Krieg klarzustellen oder wiederum Legitimität für die neue Ära zu gewinnen. In Jugoslawien haben die nationalistischen Kräfte beim Ausbruch der Kriege der 90-Jahre die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges als Beginn des "Unrechts" interpretiert. Dazu Höpken: "Wir hatten in Teilen des ehemaligen Jugoslawien ein starkes Abwerten des Partisanen-Anteils an der Befreiung des Landes und zum Teil wurden ihre inneren politischen Gegner auf den Sockel gehoben. Denken Sie zum Beispiel an die Tendenz in Teilen der Öffentlichkeit in Serbien, dass man die Cetniki sehr stark in den Vordergrund stellte, dass man sie zum Teil rehabilitierte. Das war einerseits ein Ergebnis der Verteufelung des Cetniki in der Tito-Zeit, aber andererseits führte das zu neuen, unkritischen Haltungen".

Auch 60 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges ist die Diskussion um die Bewertung der Ereignisse auf dem Balkan noch nicht zu Ende.

Auron Dodi
DW-RADIO/Albanisch, 4.5.2005, Fokus Ost-Südost