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Bildung

Nachhaltige Entwicklung kann man lernen

Um nachhaltige Entwicklung in den Köpfen zu verankern, reicht eine Dekade nicht aus. Das meint Gerhard de Haan, Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung".

Symbolbild Sonnenenergie: Eine Hand fängt Sonnenstrahlen ein (Foto: Reicher / Fotolia)

Sonnenenergie

"Nachhaltige Entwicklung", dieser Begriff ist zum Schlagwort des Jahrhunderts geworden. Langzeitprogramme zu Umweltschutz, Klimawandel, zu fairem Handel und bewusstem Konsumverhalten sollen die Menschen für die fortschreitende Zerstörung ihres eigenen Lebensraumes sensibilisieren. Doch nachhaltige Entwicklung will gelernt sein. Deshalb haben die Vereinten Nationen im Jahr 2002 die Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005 bis 2014) ausgerufen. Mit dieser Initiative wollen sie erreichen, dass die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung weltweit in den Bildungssystemen verankert werden. Vorsitzender des Deutschen Nationalkommitees zur UN- Dekade ist der Zukunftsprofessor Gerhard de Haan. Im Interview mit der Deutschen Welle spricht er über Sinn und Fortschritt der UN-Dekade.

DW: Warum brauchen wir eine Dekade, wenn es um das Thema 'Bildung für nachhaltige Entwicklung' geht?

Prof. Gerhard de Haan, Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung (Foto: Deutsche UNESCO-Kommssion)

Prof. Gerhard de Haan

Gerhard de Haan: Eine Dekade brauchen wir unbedingt, weil das Thema nachhaltige Entwicklung ganz stark von unseren Mentalitäten und mentalen Strukturen abhängt. Das heißt, wir müssen versuchen, anders zu denken über Innovationen, wobei wir die Nachhaltigkeit dann immer mit berücksichtigen sollten. Auch die Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt muss gestellt werden. Und vor diesem Hintergrund kann man nicht sagen, das sind nur Fragen der Politik oder der Technik oder der Wirtschaft, sondern sie sind ganz entscheidend davon abhängig, wie wir denken und mit der Welt und mit anderen umgehen. Dafür braucht man eine Dekade.

Und das alles kann man lernen?

Natürlich kann man so etwas lernen. Wir werden ja auch nicht als Demokraten geboren. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltige Entwicklung kann man nur über Bildungsprozesse initiieren. Das war ja auch der Anlass dafür, dass die Vereinten Nationen gesagt haben, dass wir eine Dekade brauchen. Man war mit dem Thema von Rio 1992 bis Johannesburg 2002 - als die zweite Weltkonferenz in dieser Hinsicht stattfand - nicht so recht voran gekommen. Jetzt sagt man, da brauchen wir Impulse, Sichtbarkeit der Zeugen, und dafür ist die Dekade gut.

Eine Dekade ist ja auch immer ein zeitlicher Rahmen. Ist die Dekade denn ausreichend, wenn das ganze Thema so komplex ist?

Ich glaube, auch international haben wir da einen Konsens, dass die Dekade nicht ausreicht. Das war ja auch jetzt eine Einsicht bei Rio+20, und auf der Basis dieser Einsicht sagt man, wir brauchen eine Form von Fortsetzung. Es ist noch nicht klar, ob es eine zweite Dekade geben wird oder ein Weltaktionsprogramm, aber irgendeine Form, wo wir auch in der internationalen Kooperation weiter voran schreiten müssen, ist zwingend notwendig.

Wir haben eine Umfrage gemacht in Deutschland, wie weit man bis 2014 die Ziele erreicht, die man sich gesteckt hat. Die meisten sagen: 'Wir werden ein Drittel des Weges gegangen sein, aber weiter werden wir nicht kommen.' Da wird noch einiges zu tun sein.

Um die Bildung für nachhaltige Entwicklung zu stärken, zeichnen Sie Projekte aus von Bildungsinstitutionen, von Kindergärten, Schulen, Universitäten oder Weiterbildungseinrichtungen. Was sind das genau für Projekte? Was für Kriterien müssen die erfüllen, um von Ihnen ausgezeichnet zu werden?

Ein hartes Kriterium ist natürlich, dass man an der Nachhaltigkeit orientiert ist in der ganzen Komplexität der Thematik. Es geht nicht nur darum zu sagen, wir kümmern uns um ökologische Fragen, sondern auch der soziale Aspekt, auch ein ökonomischer Aspekt sollte dazu gehören. Außerdem muss die Idee oder das Projekt einen innovativen Charakter haben, also auch mit Neuem daherkommen. Und ein weiteres Kriterium ist, dass man sagt, es müssen andere auch machen können. Das sind also nicht die ganz großen Leuchttürme, sondern das sind Projekte, von denen man sagen kann: 'Tolle Initiative, schau ich mir an, das könnte bei uns auch gehen.' Das ist das Motto, sodass man über diesen Pfad eine Verbreitung des Gedankens bekommt.

Können Sie auch eine Nachhaltigkeit im Verlauf der Projekte erreichen? Oder ist das etwas, wo Organisationen denken: 'Eine Auszeichnung von der UNESCO, das haben wir gut gemacht, und das war es.'

Das ist ganz entscheidend. Wir zeichnen ja immer nur für einen Zweijahreszeitraum aus. Und wenn man sich dann wieder bewirbt - was etliche ja machen - dann muss man nachgelegt haben. Das Projekt muss dann komplexer geworden sein oder neue Themen aufgreifen, sodass es da auch eine Entwicklung innerhalb der Projekte gibt, auch in Bezug auf Kooperationen etwa mit anderen Ländern. Wenn eine Schülerfirma zum Beispiel Fahrräder repariert und auch einen kleinen Laden hat, dann schauen wir, was sie mit ihren Einnahmen machen: Geben sie das Geld für sich aus oder tun sie damit etwas anderes? So kann sich ganz allmählich herausbilden, dass sie sagen: 'Ja, da haben wir Einnahmen, die könnten wir doch wieder anderen in der sogenannten Dritten Welt zur Verfügung stellen - etwa für Solarkocher -, oder wir unterstützen eine Schule, die sich auch für Umweltfragen engagiert.' Das sind Fortschritte, die wir dann honorieren. Also wenn sich eine Sicht auf die ganze Welt entwickelt, auch wenn man sich zunächst nur mit Fahrrädern beschäftigt hat. Das finde ich eine interessante Entwicklung.

Wie stehen wir denn im Vergleich zu anderen Ländern da, die sich auch an dieser Dekade für Bildung für nachhaltige Entwicklung beteiligen? Ist das etwas Besonderes, was wir da machen mit diesen ganzen Projekten?

Deutschland gilt in gewisser Weise auch international als Vorzeigeland, zumindest sagen das andere von uns. Wir werden für die Entwicklung, die wir gemacht haben, durchaus gelobt, von Seiten der UNESCO in Paris und von vielen Ländern. Die kommen auch gerne zu uns und schauen sich das an. Auf der anderen Seite muss man sagen, es gibt auch viele Länder, die machen ebenfalls deutliche Fortschritte in dem Bereich und sind auch ganz klug aufgestellt, Länder wie Japan zum Beispiel oder Südkorea. Deutliche Schritte versucht man jetzt auch in China zu gehen, wo man diskutiert, Bildung für nachhaltige Entwicklung als Schulfach zu etablieren. Da tut sich schon einiges. Und dann gibt es natürlich die üblichen skandinavischen Vorzeigeländer wie Schweden.

Und warum denken Sie trotzdem, dass die Dekade nicht reichen wird, dass Sie nicht zum Ziel kommen werden?

Das ist eigentlich ganz gut an den Projekten zu beschreiben. Wir haben ungeheuer viele Projekte. Wir haben ja in Deutschland inzwischen 1500 ausgezeichnet. Das hätte ich nie gedacht, dass es so viele gibt. Aber was wir nicht geschafft haben - das muss man auch ganz deutlich sagen - ist, von diesen Projekten aus in feste Strukturen hineinzukommen. Dass man etwa Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule in allen Rahmenplänen verankert oder als ein durchgängiges Prinzip von Universitäten etabliert. Auch im Bereich Vorschule oder Kindergarten könnte das eine Grundorientierung sein. Die Bildungspläne in den Grundschulen im Elementarbereich bieten viele Anknüpfungspunkte, aber das Thema Nachhaltigkeit ist - außer im Bundesland Schleswig-Holstein - bisher gar nicht verankert. Und da arbeiten wir dran. Da gehört auch die berufliche Bildung dazu, da ist auch noch sehr, sehr viel zu tun.

Das Gespräch führte Gaby Reucher.