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Amerika

Nachhall des Irak-Krieges

Der Irak-Krieg ist offiziell zu Ende. Mehr als 100.000 Menschen hat er das Leben gekostete. Der US-Radiologe Les Folio war als Militärarzt zweimal im Kriegsgebiet. Seine Erfahrungen sollen künftig Menschenleben retten.

Ehemaliger US-Militärarzt Les Folio. Das Foto zeigt ihn während seines Einsatzes im Irak (Copyright Les Folio)

Les Folio bei einem Einsatz im Irak

Zum Operieren hörte Les Folio arabische Musik. Der US-amerikanische Militärarzt besorgte sie sich von den Einheimischen, als er zum ersten Mal nach Balad kam, einem der größten Militärstützpunkte der US-Streitkräfte im Irak. "Ich hörte die Musik der Einheimischen. Ich mochte die Melodie - den Text verstand ich nicht", sagt Folio.
Für den Radiologen gehörte sie zum Alltag im Irak. Sie halfen ihm durch schwere Stunden, wenn Folio mit anderen Ärzten in Hunderten Fällen über Leben oder Tod entschied - unter Bedingungen, die er sich vorher nicht hatte träumen lassen: Arbeiten in voller Schutzmontur und Helm bei über 50 Grad Celsius, über weite Strecken tägliche Angriffe und schließlich die Sandstürme. "Als Radiologe musste ich Bilder vom Computer ablesen, aber zwischen mir und dem Bildschirm lag eine Sandschicht. Es war, als ob man eine Zeitung in einem Flugzeug mit offenem Cockpit lesen wollte", erinnert sich Folio.

Unvorstellbar und weit weg

Ehemaliger US-Militärarzt Les Folio. Das Foto zeigt ihn während seines Einsatzes im Irak (Copyright Les Folio)

Operieren im Sandsturm - der Radiologe Les Folio

Irak - das war das erste Wort, das sein kleiner Sohn 2005 buchstabieren konnte. Irak, das war ein ferner Punkt, den Folio und seine Frau auf dem Globus betrachtet hatten. Keine andere Landkarte, meint der Mediziner, kann so extrem verdeutlichen, wo jemand hingeht oder gerade ist. Folio weiß es, denn er ging gleich zweimal dorthin."Wenn du in dieser Umgebung bist, denkst du, du würdest da nie wieder wegkommen", sagt er. " Du denkst, dass du dort sterben und dass du deine Familie niemals wiedersehen wirst."

Der Militärarzt war einer einer von Hunderttausenden US-Militärs im Irak-Krieg. 4.418 sind darin in den vergangenen sieben Jahren umgekommen. Etwa 32.000 wurden verwundet. Les Folio half vielen, zu überleben. Mit modernster Computertomografie machte er sichtbar, was oftmals nötig war, um die Patienten zu retten, die die Hubschrauber massenweise vor der kargen Zeltklinik abluden. Folio war stets auf der Suche nach Gewehrkugeln oder Bombenfragmenten, die durch die Körper ihrer oft völlig entstellten Opfer wanderten, um dort noch mehr Schaden anzurichten. Durch die CT-Aufnahmen waren die Mediziner in der Lage, den Grad der Verletzung zu ermessen und zu entscheiden, welcher Patient im OP Vorrang hatte.

Falls man in einem Karton zurückkehrt…

Mit Erfolg: Auf dem Stützpunkt in der Steinwüste, rund 100 Kilometer nördlich von Bagdad überlebten nach Armeeangaben 96 Prozent aller Notfälle. Die Mehrzahl von ihnen Iraker. Soldaten, Sicherheitskräfte, Zivilisten. Folio sah viele von ihnen zu Krüppeln mutieren und musste auch fürchten, eines Tages selbst einer zu werden.

A U.S. Army soldier from A Co. 1st Battalion, 14th Infantry Regiment, 2nd Brigade, 25th Infantry Division, passes a bullet-riddled wall during a patrol Tuesday, Aug. 31, 2010 in Hawija, north of Baghdad, Iraq, on the last day of U.S. combat operations in the country.(AP Photo/Maya Alleruzzo)

Zwischen Leben und Tod - US-Soldat in Bagdad

"Wenn wir mit dem Hubschrauber rausfliegen mussten, war es unter uns bekannt, dass jeder sein Zimmer aufgeräumt hatte", erzählt er nachdenklich. "Du hast sichergestellt, dass ein anderer deine Sachen leicht zusammenpacken könnte - für den Fall, dass du nur noch in einem Karton zurückkehren würdest."

Kampf an neuer Front

Der Radiologe kam zurück - besessen von einer Idee: All die Verwundeten, die er in Balad durchleuchtet hatte, sollten nicht umsonst gelitten haben. Folio quittierte nach 20 Jahren seinen Dienst im Pentagon und leitet seit einem Jahr die Computertomografie am Nationalen Gesundheitsinstitut , NIH, in Washington. In der größten Forschungsklinik der Welt überträgt er seine Kriegserfahrung auf Krebspatienten. Der Feind hat lediglich ein neues Gesicht. "Das sind nur zwei unterschiedliche Fronten", erklärt der Spezialist. Die Technologie könne aus dem Krieg übertragen werden.
"Erstmal denkt keiner, dass ein Patient, der durch eine Bombe versehrt wurde, der Diagnose und Therapie von Krebs nützlich sein kann. Aber wenn wir wissen, wie wir Bombensplitter finden, können wir auf der Basis dieser Technologie auch Tumore entdecken. Wie könnten wir diesen Tumoren besser auf die Spur kommen als mit dem, was ich ein Karthesisches Positions-System nenne."

Les Folio in seiner heutigen Funktion als Leiter der Computertomografie-Abteilung im National Institute of Health (NIH) in Bethesda bei Washington, D.C. (Copyright Antje Passenheim).

Les Folio, heute Leiter der Computertomografie-Abteilung im National Institute of Health (NIH), Washington, D.C.

GPS für menschlichen Körper

Am NIH arbeitet Folio an dieser Art GPS für den menschlichen Körper. Regelmäßig gibt es dabei auch einen Austausch mit der Münchner Ludwig Maximilian-Universität. Das Koordinatensystem soll es künftig leichter machen, Fremdkörper jeglicher Art im Menschen zu finden und nachzuvollziehen, was sie auf ihrem Weg dorthin zerstört haben könnten. Den "Lichtblick in der dunklen Wolke des Krieges", nennt Folio diese Erkenntnis. Er hat seine Erlebnisse in einem Fachbuch verarbeitet

Und in seiner Arbeit. Gelegentlich hört der Arzt dabei die Musik, die er sich aus dem Irak mitgebracht hat. Kollegen, die dorther stammen, haben ihm inzwischen geholfen, nicht nur die Klänge, sondern auch den Text zu verstehen. Interessant, meint Les Folio, wenn man ein Lied erst mag, bevor man es versteht. Das Lied des Irak-Kriegs jedenfalls, hat ihm einige Erkenntnisse gebracht - es hallt noch lange nach.

Les Folio, Combat Radiology, Diagnostic Imaging of Blast and Ballistic Injuries, Springer Verlag

Autorin: Antje Passenheim

Redaktion: Anne Herrberg

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