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Kultur

Nachdenken über Moral

Der Autor, Arzt und Jurist Rainer Erlinger behandelt in seinem aktuellen Buch das Thema Moral und versucht, für die kleinen und großen Gewissensfragen des Lebens eine Antwort zu finden.

Illustration: Engel und Teufel versuchen Mann zu beeinflussen (Foto: Fotolia)

Deutsche Welle: Muss man aus moralischer Sicht den Stromanbieter wechseln, wenn man weiß, dass er - wie die meisten – Atomstrom kauft?

Der Ratgeber-Kolumnist, Publizist, Jurist und Mediziner Rainer Erlinger, aufgenommen am 27.05.2009 bei der Aufzeichnung des rbb-Kulturtalks Im Palais zum Thema Wer hört mir zu - wer gibt mir Rat? Die Ratgebergesellschaft im Palais am Festungsgraben in Berlin-Mitte. (Foto: Karlheinz Schindler)

Rainer Erlinger: Meiner Meinung nach ja! Weil wir momentan auch sehen, welche Gefahren die Atomenergie bringt. Und mir geht es auch sehr darum, dass jemand, der sagt "Atomstrom ist schlecht", dann nicht nur demonstriert und eine Partei wählt, die dagegen ist, sondern auch den Stromanbieter wechselt und einen wählt, der Ökostrom anbietet - damit ich nicht nur in die eine Richtung handele oder punktuell, sondern als Einheit der Persönlichkeit. Ich finde es ist wichtig, dass man moralisch handelt und eine Integrität der Persönlichkeit darstellt.

Sich ethisch verhalten beim Konsum geht ja relativ einfach – ich kann im Bioladen einkaufen, ich kann überprüfen, ob die Produkte fair gehandelt werden, ob Kinderarbeit dahinter steckt oder nicht. Obwohl es relativ einfach ist, sagen viele – das ändert doch sowieso nichts, denn die Welt ist schlecht.

Wenn man es global betrachtet, braucht man keine Minderwertigkeitskomplexe um festzustellen, dass bei einer Weltbevölkerung von über sechs Milliarden der eigene Anteil relativ gering ist. Aber andererseits muss man es logisch angehen: dass man sagt, die Umweltprobleme und globalen Probleme, die wir haben, entstehen dadurch, dass sich die Summe der Menschen falsch verhält. Das heißt, jeder trägt zu seinem 6- Milliardstel zu diesen Problemen bei – wir in den Industrienationen wesentlich mehr, weil wir wesentlich stärkere Auswirkungen auf die Umwelt haben als Menschen in Entwicklungsländern. Wenn man sich überlegt, dass man selbst zu den Problemen beigetragen hat, kann man sich nicht darauf berufen, dass man seinen Beitrag für zu gering hält. Und ich halte es für eine logische Konsequenz, wenn man sozusagen auf der Schadensseite mitwirkt mit einem kleinen Beitrag, dass man dann auch auf der Vermeidensseite mit dem gleich großen Beitrag mitwirkt.

Wird bei der Moral nicht auch mit zweierlei Maß gemessen? Ist es weniger verwerflich, eine Doktorarbeit abzuschreiben als Steuern zu hinterziehen?

Ich halte es für schwierig, das zu vergleichen. Eine Möglichkeit wäre, dass die Sozialschädlichkeit, die negativen Auswirkungen, die dieses Verhalten auf die Gesellschaft hat, betrachtet. Da könnte man es versuchen. Wo wir zum Beispiel einen Versuch haben, das darzustellen, ist in unserem Strafrecht, wo man die unterschiedlichen Taten mit unterschiedlichen Strafandrohungen versieht - und die sollen sozusagen das Unrecht widerspiegeln.

Einige Leute halten ja manches für eine Bagatelle. Sie haben in Ihrem Buch eine interessante Untersuchung zitiert – sie ist zwar ein paar Jahre alt, aber da haben 11 Prozent der Deutschen auf die Frage, ob sie das Gebot "Du sollst nicht töten" für zeitgemäß halten, mit "Nein" geantwortet. Stimmt etwas nicht mit dem moralischen Empfinden der Deutschen?

Ich muss sagen, diese Untersuchung hat mich auch ein wenig schockiert, aber ich glaube, wenn man da nachhaken würde, würde man schon darauf kommen, dass dieses Gebot - so wie es ursprünglich gedacht ist ("Du sollst nicht dein Gegenüber töten") – immer noch wesentlich höher angesehen ist. Ich glaube, dass dieses "Du sollst nicht töten" bei uns inflationär benutzt wird - in jeder Debatte um Stammzellen, um die Abtreibung, auch wird es zum Teil ausgeweitet auf die Debatte, ob man Vegetarier sein soll, um keine Tiere zu töten. Wenn man es dann in diese Richtung so ausweitet als Argument, muss man sich nicht wundern, wenn es sich auf der anderen Seite ein wenig abnutzt.

Bedeutet das, dass moralische Gebote auch ständig aktualisiert werden müssen?

Ich glaube, die moralischen Grundsätze bleiben gleich. Ein Punkt, der wirklich bei uns aktualisiert werden muss, ist das Gebot der Sparsamkeit als Tugend. Wenn man sieht, dass sich das heutzutage beim Konsumenten ins Negative kehrt, dass diese Sparsamkeit – mit dem Ziel, den billigsten Einkauf zu machen - dazu führt, dass die sozialen Bedingungen der Verkäufer immer schlechter werden, dass die Strukturen der Landwirtschaft kaputt gehen durch die Massentierhaltung, dass in Dritte-Welt-Ländern die Güter unter menschenunwürdigen Produktionsbedingungen hergestellt werden. In unserer Gesellschaft, die sich gewandelt hat, kommt man mit dem Satz "Bitte spare" nicht mehr zurecht. Man muss überlegen, was dahinter steckt, und sich dann wieder richtig orientieren.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf

Redaktion: Gudrun Stegen

Rainer Erlinger: Moral. Wie man richtig gut lebt, S. Fischer Verlag, 363 Seiten, 19,95 Euro.