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Alltagsdeutsch – Podcast

Nachbarschaft

Nahezu jeder Mensch hat Nachbarn, mit denen er auf mehr oder weniger engem Raum zusammenleben muss. Diese Nähe kann durchaus angenehm und hilfreich sein, führt aber nur allzu oft zu Streit und Auseinandersetzungen.

Sprecherin:
Wenn man in eine neue Umgebung zieht, vielleicht sogar in eine andere Stadt oder in ein anderes Land, dann kann es sehr schwer und mühsam sein, neue Beziehungen aufzubauen und Freundschaften zu schließen. Meistens sind es dann Nachbarn, die man zuerst kennen lernt. Die 56-jährige Christel Gerdes knüpfte sehr schnell Kontakt, als sie vor 26 Jahren mit Ehemann und kleiner Tochter in eine Reihenhaussiedlung am Rande von Wuppertal, einer Stadt mit ungefähr 400.000 Einwohnern, einzog.

Christel Gerdes:
"Ich hatte am Tag zuvor einen großen Topf Linsensuppe gekocht und habe am Tag des Einzugs unseren Helfern und auch unseren Nachbarn, die zogen auch am gleichen Tag ein, davon angeboten. Die Nachbarn haben dann gesehen, dass wir aßen und haben gesagt, och, wir haben auch Kohldampf, aber wir haben ja leider nichts zu essen. Ja, und dann haben die mit uns Linsensuppe gegessen. Und seitdem haben wir mit diesen direkten Nachbarn einen sehr guten Kontakt."

Sprecher:
Die neuen Nachbarn von Christel Gerdes hatten am damaligen Umzugstag Kohldampf, wie sie sagt. Kohldampf ist ein umgangssprachliches Wort für großen Hunger. Der Ausdruck Kohldampf stammt ursprünglich aus der Sprache der kleinen Diebe und Gauner, bei denen sowohl das Wort "Kohl" als auch das Wort "Dampf" ein Synonym für Hunger waren. Durch die Koppelung dieser beiden Begriffe sollte dann dem besonders großen Appetit Ausdruck verliehen werden. Über den Umweg durch die Kasernen fand der Kohldampf vor rund einhundert Jahren Einlass in das Alltagsdeutsch.

Sprecherin:
Im Übrigen ist das gemeinsame Essen und Trinken von alters her eine willkommene Möglichkeit, Freundschaft zu schließen. Und so verwundert es nicht, wenn in einer guten Nachbarschaft so manches Fest gefeiert wird.

Christel Gerdes:
"Wir haben das erste Straßenfest organisiert, als wir 20 Jahre hier wohnten. Wir haben einen Garagenplatz hergerichtet mit riesengroßen Sonnenschirmen, die haben wir uns vom Bürgerverein geliehen. Wir haben gebeten, Kuchen zu spenden, und es kam an diesem Samstagmittag Kuchen auf Kuchen, dass wir gedacht haben, wir werden erschlagen von dieser Menge Kuchen. Aber wir haben alles verkauft, das Fest hat wieder so einen großen Anklang gefunden, und es war 'ne Stimmung da, das hat bis in die Nacht gedauert."

Sprecher:
Das Fest hatte einen großen Anklang gefunden. In diesem Fall kann man das Wort "Anklang" durch die Begriffe "Applaus" oder "Beifall" ersetzen. Das zufriedene Publikum eines Konzerts spendet den Künstlern Beifall, um damit zu zeigen, dass ihnen die Aufführung gefallen hat. Die Besucher des Straßenfestes applaudierten zwar nicht, doch an der Atmosphäre und der Stimmung konnte man merken, dass ihnen die Veranstaltung gefallen hat. Das Lachen und die Freude der Nachbarn war wie Applaus für die Organisatoren. Das Fest hatte Anklang gefunden.

Sprecherin:
Und damit so ein Fest Anklang finden kann, müssen viele Menschen zum Gelingen beitragen. So brachten die Nachbarn an jenem Tag selbstgebackenen Kuchen mit, Kuchen auf Kuchen seien am Festtag mitgebracht worden, so dass die Organisatoren dachten, sie würden von den Backwaren erschlagen. Doch natürlich bestand keine wirkliche Lebensgefahr für die Festteilnehmer.

Sprecher:
Das Wort erschlagen wird in der Umgangssprache häufig als Übertreibung benutzt, um die Unübersichtlichkeit einer Situation zu verdeutlichen. Am Tag des Straßenfestes hatten die Nachbarn so viel Kuchen gebacken, dass die Organisatoren nicht mehr wussten, wo sie ihn zum Verkauf hinstellen sollten. Sie hatten das Gefühl, von den gespendeten selbstgebackenen Kuchen erschlagen zu werden. Die Unterstützung des Festes durch die Nachbarn war also besonders gut. Das ist aber nicht immer so.

Sprecherin:
Viele, die sich schon einmal für das Allgemeinwohl eingesetzt und beispielsweise so ein Fest organisiert haben, werden vielleicht auch eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie Christel Gerdes in ihrer Nachbarschaft.

Christel Gerdes:
"Ich weiß zum Beispiel, dass es beim Schützenverein und auch bei der Feuerwehr Reibereien oder viel Knas untereinander gibt, weil immer dieselben kommen, die arbeiten. Und es sind immer dieselben, die nicht kommen, wenn's ums Arbeiten geht, aber die beim Feiern denn dabei sind und dann auch noch Sprüche klopfen und reklamieren wollen oder was zu bemängeln haben, wenn was nicht richtig läuft. Die nörgeln, die nörgeln einfach, aber sind nie da, wenn es darum geht, etwas zu tun oder die Ärmel hochzukrempeln und mitzuhelfen."

Sprecherin:
So ein Nachbarschaftsfest zu veranstalten, bedeutet für die Organisatoren eine Menge Arbeit, und im Laufe der Zeit wird klar, dass es in einer Gemeinschaft immer Menschen gibt, die nur zum Feiern kommen, zum Gelingen des Festes aber nicht das Geringste beitragen wollen.

Sprecher:
Christel Gerdes kennt solche Leute auch, die man, wenn es darum geht, die Ärmel hochzukrempeln, nie trifft. In der deutschen Umgangssprache steht die Redewendung sich die Ärmel hochkrempeln als Sinnbild für jemanden, der bei anstehenden Arbeiten ohne zu zögern mit anpackt. Hier ist die Tatsache, dass sich körperliche Arbeiten besser mit hochgekrempelten Hemdsärmeln erledigen lassen, sprichwörtlich geworden.

Sprecherin:
Nicht selten ist unter diesen Faulenzern jemand, der dann auch noch meint, die Arbeit der anderen kritisieren zu müssen, obwohl er zur Bewältigung einer Aufgabe überhaupt nichts beigetragen hat. Diese Menschen nörgeln an den Ideen der anderen herum und klopfen Sprüche, was alles hätte besser gemacht werden können.

Sprecher:
Klopft jemand Sprüche
, so meint diese Redewendung jemanden, der prahlt oder angibt, aber auch über etwas redet, von dem er gar nichts versteht.

Sprecherin:
Und wenn es immer dieselben sind, die nur Sprüche klopfen, ohne sich an der Gemeinschaftsarbeit in der Nachbarschaft zu beteiligen, dann kommt es auch schon mal zum Streit. In der kleinen Gemeinde, in der Christel Gerdes lebt, gibt es wegen der ungleich verteilten Arbeiten beispielsweise im Schützenverein oder der Freiwilligen Feuerwehr von Zeit zu Zeit Knas untereinander.

Sprecher:
Das Wort Knas ist ein regional in Deutschland unterschiedlich verbreiteter Ausdruck. Knas oder auch Knies hat dabei zwei Bedeutungen. Zum einen ist es eine andere Bezeichnung für "Dreck". Zum anderen – und das ist im eben gehörten Beispiel der Fall – meint es "Streit". Die Mitglieder der Vereine haben untereinander Streit. In der Nachbarschaft gibt es also Knas um die Aufgabenverteilung.

Sprecherin:
Aber es muss ja auch nicht immer das ganz große Fest sein. Es gibt genügend Anlässe, sich mal mit seinen Nachbarn zu treffen.

Christel Gerdes:
"Einer sagt denn aus irgendeinem Anlass: 'Ach, komm, ich geb' mal 'n Bier aus bei mir auf der Terrasse, wir machen 'nen Dämmerschoppen.' Oder wenn der Sommer schön ist, dann haben wir ein so genanntes Laufstegfest veranstaltet, und das hat oft hier gut funktioniert."

Sprecher:
Christel Gerdes und ihre vier Nachbarn treffen sich also schon mal spontan zu einem kleinen improvisierten Fest vor ihren Reihenhäusern und veranstalten beispielsweise einen Dämmerschoppen. Eigentlich ist Schoppen die Bezeichnung für ein altes Flüssigkeitsmaß. Vielleicht noch weiter verbreitet ist der sogenannte Frühschoppen. Hier ändert sich lediglich die Tageszeit, wann man alkoholische Getränke in geselliger Runde einnimmt.

Sprecherin:
Wechseln wir nun die Umgebung und begeben uns in eine andere Nachbarschaft. Vom eher dörflichen Umfeld kommen wir nun in die Stadt. Schauplatz ist das Wuppertaler Viertel "Ostersbaum", ein Stadtteil mit rund 14.000 Einwohnern. Die Straßen rund um den "Platz der Republik" werden zumeist von ärmeren Menschen bewohnt. Arbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger aber auch viele ausländische Familien und Rentner mit wenig Einkommen leben in den alten, mehrstöckigen Mietshäusern. Direkt auf dem Platz im Zentrum des Viertels befindet sich das sogenannte "Nachbarschaftsheim", eine Einrichtung, die sich seit über 40 Jahren für die Belange der Menschen in diesem Viertel einsetzt.

Sprecher:
Eine der Aufgaben des Nachbarschaftsheims ist das Angebot von Freizeitaktivitäten für die vielen Jugendlichen, die rund um den Platz wohnen. Vor allem junge Türken, deren Eltern auf der Suche nach Arbeit vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen waren, prägen das Bild in der sogenannten "Offenen Tür" des Nachbarschaftsheims. "Offene Tür", das heißt, dass jeder willkommen ist und kommen kann, wann er möchte.

Sprecherin:
Die Jugendlichen haben es nicht leicht. Vor allem Arbeitslosigkeit bedroht die 16- bis 25-Jährigen. Sprachprobleme und eine eher schlechtere Schulbildung tun ihr Übriges, wie Horst Willems, Diplom-Pädagoge und Gesamtleiter des Nachbarschaftsheims, zu berichten weiß.

Horst Willems:
"Das ist ein großes Problem, was sogar sich dahingehend zuspitzt, dass viele Jugendliche für sich sagen, ich will und suche auch gar keine Lehrstelle mehr, weil erstens kriege ich keine, aber wenn ich dann eine kriege, dann fliege ich hinterher raus. Was ich haben möchte, ist einfach partiell immer mal Arbeit, damit ich mir wenigstens mein Minimum an Dingen, die mich interessieren, leisten kann."

Sprecher:
Nach erfolgloser Suche, einen Arbeitsplatz zu finden, sind viele Jugendliche mutlos geworden. Sie resignieren und glauben, dass, selbst wenn sie eine Lehrstelle finden könnten, sie nach kurzer Zeit sowieso wieder rausfliegen. Das Wort rausfliegen meint in der Alltagssprache soviel wie "entlassen" oder "gekündigt" werden.

Sprecherin:
Doch egal, ob jemand eine Ausbildung macht, noch zur Schule geht oder arbeitslos ist, die Jugendlichen rund um den "Platz der Republik" haben alle wenig Geld. Und so sind auch die Möglichkeiten, etwas in der Freizeit zu unternehmen, gering. Denn will man ins Kino oder in eine Kneipe, kostet das alles eine Menge Geld. Da kommt das Angebot des Nachbarschaftsheims gerade recht. Hier können die Jugendlichen umsonst Billard oder Basketball spielen oder sich einfach nur unterhalten. Der 19-jährige Ibo und die 16-jährige Ailem beschreiben stellvertretend für viele Besucher der "Offenen Tür", was sie an dem Jugendtreff in ihrer Nachbarschaft schätzen.

Ibo:
"Manchmal haben wir auch so Turniere, Fußballturniere, Basketballturniere, ist schon in Ordnung hier. Hier sind alle Kumpels."

Ailem:
"Ich meine, wenn's das Jugendtreff jetzt nicht geben würde, dann würden wir auf der Straße rumhängen, dann würde es mit der Zeit uns langweilig werden, dann würden wir vielleicht mit Alkohol oder mit Drogen anfangen. Und darum finde ich das gut, dass es hier so 'n Jugendtreff gibt."

Sprecher:
Wie gehört, treffen die Besucher des Jugendtreffs dort ihre Kumpels. Das umgangs-sprachliche Wort Kumpel ist eine Abwandlung des Wortes "Kumpan", was soviel wie "Mitstreiter" oder "Kamerad" bedeutet. Als Kumpels bezeichneten sich zunächst die Bergarbeiter in den Zechen des Ruhrgebiets wegen ihres starken Zusammengehörigkeitsgefühls. Aus der Bergmannssprache fand das Wort schließlich Eingang in das Alltagsdeutsch. Mit Kumpel bezeichnet man also einen Freund oder jemanden, den man kennt und gut leiden kann.

Sprecherin:
Und wenn es das Nachbarschaftsheim nicht gäbe, müssten die Jugendlichen auf der Straße rumhängen. Das Wort rumhängen entstammt ursprünglich der Jugendsprache. Jemand, der rum- oder auch abhängt, hat nichts zu tun und langweilt sich. Wenn es keinen Raum gibt, wo man sich dann mit seinen Kumpels aufhalten kann, bleibt als einziger Ausweg die Straße, um sich zu treffen. Und hier besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen aus Langeweile anfangen, kriminell zu werden oder Drogen zu nehmen.

Sprecher:
Allerdings beschränken sich die Aktivitäten des Nachbarschaftsheims bei weitem nicht nur auf die Jugendarbeit. 26 Angestellte, 30 Honorarkräfte sowie über 40 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um das Gemeinwohl im Stadtteil. Dazu gehört unter anderem auch eine Altentagesstätte, eine Erziehungsberatungsstelle und ein Kindergarten.

Sprecherin:
Die Menschen im Viertel "Ostersbaum" identifizieren sich mit ihrem Nachbarschaftsheim. Und egal, ob im Dorf oder in der Großstadt, egal, ob Reihenhaussiedlung oder Arbeiterviertel, die Nachbarschaft kann eine Solidargemeinschaft sein, ohne die das Leben für den Einzelnen nur schwer zu bewältigen wäre.


Fragen zum Text:

Wenn etwas allgemeinen Anklang gefunden hat, ...

1. gibt es Knies.
2. hat es allen gefallen.
3. herrschte schlechte Stimmung.

Jemand, der bei anstehenden Arbeiten mit anpackt, ...
1. klopft Sprüche.
2. hängt rum.
3. krempelt die Ärmel hoch.

Die Bezeichnung Kumpel stammt ursprünglich aus der ...
1. Fußballsprache.
2. Bergarbeitersprache.
3. Jugendsprache.


Arbeitsauftrag:
Verfassen Sie eine kurze Szene, in der eine Auseinandersetzung zwischen Nachbarn ausgetragen wird.

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