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Europa

Nachbarn trauern vor dem Belle Équipe

Einer der Orte, die Freitag angegriffen wurden, war das Bistro La Belle Équipe. Am Sonntag stehen die Anwohner noch immer fassungslos dort, wo 19 ihrer Nachbarn und Freunde niedergemäht wurden. Barbara Wesel aus Paris.

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Paris trauert - Blutbad im Belle Equipe

Natasha legt einen Blumenstrauß vor den Rollläden des Café La Belle Équipe nieder. Neben ihr Nachbarn, die immer mehr Kerzen und Berge von Blumen in die Rue de Charonne im elften Pariser Arrondissement bringen. Das junge Mädchen weint hemmungslos, wird von Schluchzen geschüttelt: "Das war doch der Ort, an dem wir uns immer getroffen haben. Auch aus den anderen Lokalen hier in der Straße… Hier sind wir immer hingegangen, um zusammen ein Glas zu trinken."

Ihr Freund Yvan, der ganz in der Nähe arbeitet, war mit ein paar anderen ins Belle Équipe gegangen, um seinen Geburtstag zu feiern. "Und jetzt sind sie alle tot, ich weiß nicht, ob überhaupt jemand aus unserer Gruppe überlebt hat."

Natasha kann kaum sprechen vor Trauer: "Ich verstehe es nicht, man kann es doch nicht verstehen, so ein Wahnsinn..." Ein paar von den umstehenden Nachbarn kommen auch die Tränen. Das Belle Équipe war ihr Lokal, sie haben es verloren, als Freitagnacht plötzlich ein paar Vermummte aus einem Auto stiegen und mit Schnellfeuergewehren alle niedermähten, die an dem lauen Abend auf der Terrasse vor dem Lokal saßen.

Paris nach den Anschlägen: Anwohnerin (Foto: DW/L. Scholtyssek)

Fassungslos und verzweifelt: Anwohner des Viertels, in dem das Café La Belle Équipe liegt

"Es war wie im Krieg"

Schräg über dem Belle Équipe wohnt Jean-Luc mit seiner Familie. Er wurde unfreiwillig zum direkten Augenzeugen, als er am Freitagabend um halb zehn plötzlich das Geräusch von Schüssen hörte. Er lief zum Fenster und sah zwei schwarz vermummte Männer, die aus Maschinengewehren auf die Caféterrasse schossen. "Ich hab nur zwei gesehen, aber vielleicht war da noch ein Dritter. Sie hatten einen schwarzen Seat und standen direkt davor und haben einfach auf alle geschossen." Er habe sofort seine Tochter im Inneren der Wohnung versteckt und dann vom Fenster weiter beobachtet: "Sie haben einfach immer weiter geschossen, bis sich nichts mehr bewegte, vielleicht vier Minuten lang. Dann sind sie ins Auto gesprungen und weggerast."

Dieser Seat wurde inzwischen gefunden und von der Polizei identifiziert. Das Auto war in Belgien zugelassen, die Spur führt in die belgische Terrorszene. Im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gab es inzwischen mehrere Verhaftungen. Es besteht der Verdacht, dass diese Terroristengruppe, die auf das Belle Équipe und weitere Restaurants geschossen hat, möglicherweise entkommen ist. Aber die Ermittler halten Informationen zurück.

"Hier überall flogen die Geschosse herum", berichtet Jean-Luc weiter. Auf der anderen Straßenseite, fünfzig Meter entfernt, sind faustgroße Einschläge in der Fassade eines Verwaltungsgebäudes zu sehen. "Es war wie im Krieg, es ist doch unbegreiflich..." Auch Jean-Luc verliert immer wieder die Fassung.

Die Nachbarschaft steht unter Schock, am allermeisten die Augenzeugen, die den Schrecken kaum verarbeiten können. "Ich bin dann runter gelaufen, um zu sehen, ob ich helfen kann." sagt der Krankenpfleger Jean-Luc. "Aber da war nichts, einfach nichts. Wo jetzt die Blumen sind, lagen nur Tote: Man konnte überhaupt keinen Menschen mehr erkennen. Es waren meine Nachbarn, aber sie waren einfach zerrissen. Das Blut lief hier den Bürgersteig runter." Der Dauerbeschuss aus Maschinengewehren ließ den Gästen auf der Terrasse des Belle Équipe kaum eine Überlebenschance. "Vielleicht hat einer überlebt, der unter den anderen Toten lag, aber ich weiß es nicht," Jean-Luc wischt sich immer wieder die Tränen vom Gesicht. Am Sonntag sind 103 von 129 Toten identifiziert - immer noch suchen Freunde und Verwandte nach ihren Nächsten.

Krankenhäuser waren gerüstet

Der Augenzeuge wollte am Freitagabend sofort die Polizei informieren, als die ersten Schüsse fielen. Aber er landete in der telefonischen Warteschleife - inzwischen weiß man, dass überall Anwohner die Polizei zu den Orten der Massaker riefen. Die Sicherheitskräfte in Paris reagierten schnell, aber die Serie von Anschlägen überforderte sie im ersten Moment.

Die Krankenhäuser im Zentrum von Paris wiederum hatten nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Januar Notfallpläne eingeübt, um Verletzte von Anschlagserien zu versorgen. Das Training zahlte sich aus: Noch am Donnerstag hatte es einen Probedurchlauf gegeben. Als der Horror sich am Freitagabend innerhalb von zwei Stunden entfaltete, waren Traumazentren und Spezialisten schnell alarmiert. Es hätte noch mehr Tote gegeben, wenn nicht die Abläufe für einen solchen Ernstfall geübt worden wären, sagte ein Behördensprecher.

Die Anwohner des Viertels mit dem Belle Équipe aber wissen am zweiten Tag nach dem Gemetzel immer noch nicht, ob unter ihren Freunden und Nachbarn an diesem furchtbaren Abend irgendjemand die Mordattacke überlebt hat.

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