1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

10 Jahre Krieg in Afghanistan

"Nach uns die Sintflut!"

"Die Afghanen sind heute vom Westen nur noch enttäuscht," sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. Dabei habe der Westen vor zehn Jahren alle Chancen gehabt, die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen.

Thomas Ruttig, Ko-Direktor des Afghan Analyst Network (AAN) in Kabul. (Foto: SWP Berlin)

Thomas Ruttig

DW-WORLD.DE: Herr Ruttig, wo steht Afghanistan zehn Jahre nach Beginn der westlichen Intervention?

Thomas Ruttig: Ich erinnere mich an einen afghanischen Kollegen bei den Vereinten Nationen, der bei uns sauber gemacht hat. Eines Tages hat er mir erzählt, dass er eigentlich Meteorologie studiert hat an der Universität Kabul. Trotzdem machte er bei uns sauber. Er sagte damals zu mir: 'An dem Tag, an dem die Taliban fallen, werde ich mir meinen Handrasierer nehmen und meinen Bart abschneiden. Die Haare meines Bartes werde ich in einen kleinen Beutel packen und mir als Mahnung irgendwo hinhängen'. Dieser Mann hat seinen Bart bis heute.

Im Klartext: Die Erwartungen vieler Afghanen, die meiner Meinung nach auch berechtigt waren, haben sich nicht erfüllt. Die Sicherheitslage hat sich Jahr für Jahr verschlechtert. Die vielen Milliarden an Hilfs- und Wiederaufbaugeldern, die in das Land geflossen sind, haben nicht dazu geführt, dass der Großteil der afghanischen Bevölkerung heute besser lebt als damals. Es gibt ein paar mehr Rechte und Freiheiten, aber die stehen häufig nur auf dem Papier. Die kleine Gruppe von Leuten, die heute in Afghanistan an der Macht ist und herrscht, steht über dem Gesetz oder stellt sich über das Gesetz.

Was sind für Sie die Ursachen der anhaltenden Gewalt?

Der von Präsident George W. Bush proklamierte Krieg gegen den Terror hat die ganze Entwicklung in eine falsche Richtung gedrängt und in eine militärische Logik gepresst. Das US-Militär hat gerade in den letzten fünf, sechs Jahren die Regie über sämtliche Bereiche Afghanistans übernommen. Diplomaten und Zivilisten haben heute eigentlich relativ wenig zu sagen. Das meiste wird vom US-Militär bestimmt. Die haben Leute, die direkt mit den afghanischen Parlamentariern arbeiten. Die sind überall, und das hat alle anderen Bereiche zu Dienstfunktionen der Aufstandsbekämpfung gemacht.

Und die Taliban, die natürlich sehr stolz, nicht sehr gebildet und auch sehr nationalistisch sind, fanden es dann relativ leicht, sehr viele Leute zu rekrutieren, die schlechte Erfahrungen entweder mit den ausländischen Truppen gemacht haben oder mit der Art und Weise, wie westliche Politik umgesetzt worden ist. Natürlich ist immer gesagt worden, dass die Afghanen selber in der Führungsfunktion sind, aber alle wussten, dass die Entscheidungen allein in westlichen Regierungen gefallen sind. Auch das hat dazu beigetragen, ein Gefühl des Besetztseins auszuprägen.

US-Soldaten in einem nächtlichen Feuergefecht (Foto: dpa picture alliance)

Befreier oder Besatzer?

War es falsch, dass man sich nach dem Angriff auf das Taliban-Regime entschieden hat, in Afghanistan demokratische Strukturen zu schaffen?

Es ist erklärbar und verständlich, dass die Amerikaner interveniert haben. Die politischen Gründe, warum sich die wichtigsten Alliierten angeschlossen haben, sind auch bekannt. Es gab damals auch zum ersten Mal in der Geschichte Afghanistans Beifall für eine auswärtige militärische und zivile Intervention, denn die Art und Weise, wie die Taliban ihr Land regiert haben, war nicht im Konsens mit der afghanischen Bevölkerung. Das ist äußerst bemerkenswert, und es ist äußerst bemerkenswert, wie sich die Stimmung bis heute gedreht hat.

Am Anfang hat das Bündnis meines Erachtens zu zaghaft agiert - ohne wirkliches Wissen über Afghanistan, und trotzdem mit einem erstaunlich grenzenlosen Optimismus, die ganze Sache schnell in den Griff zu kriegen. Afghanistan war der gute Krieg, Irak war der schlechte Krieg. Einer der großen Fehler des Westens war, die politischen Führer der afghanischen Bürgerkriegsparteien uneingeschränkt, trotz ihrer vorangegangenen massiven Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen, wieder voll zum Baustein der politischen Struktur zu machen.

Was glauben Sie, worum geht es dem Westen heute noch?

Im Moment schauen alle nur Richtung Ausgangstür: raus aus Afghanistan, schnelle Übergabe der Sicherheits- und sonstigen Verantwortung an die Kabuler Regierung. Im Grunde heißt das nur: schnell nach Hause und nach uns die Sintflut. Das ist der Eindruck, den ich in Kabul gewinne. Und das lässt die Afghanen wieder allein.

Wir vergessen ja immer die afghanische Geschichte, wenn sie länger als zehn Jahre zurückliegt. Aber die Afghanen können sich an die letzten 30 Jahre noch ziemlich genau erinnern - mit all den Runden internationaler oder ausländischer Interventionen. Und an den Bürgerkrieg, in dem verschiedene Länder verschiedene Parteien ergriffen haben. Und das ist das eigentliche Ergebnis dieser Intervention: Die Afghanen sind vom Westen, von der Demokratie, von einem selbst bestimmten System, das sie am Anfang selber wollten, einfach nur enttäuscht.

WWW-Links

Audio und Video zum Thema