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Asien

Nach Spritze zum Selbstmordattentat bereit

In Afghanistan sind die Behörden durch einen neuen Fall eines zum Selbstmordattentäter umfunktionierten Jugendlichen alarmiert. Die Taliban wollten ihn offenbar per Spritze gefügig machen.

"Mein einziges Ziel war es, mich in die Luft zu sprengen", sagt der Junge. Seine dunklen Augen sind auf den Boden gerichtet, er wirkt eingeschüchtert. Mohebullah ist ein Selbstmordattentäter – zumindest sollte er es werden. Er hatte sich die Sprengweste bereits umgeschnallt und stand vor dem Hauptgebäude der Provinzregierung im südafghanischen Kandahar, bereit, sein Leben für den "Heiligen Krieg" zu opfern. Doch afghanische Geheimdienstmitarbeiter hielten den Jungen auf und nahmen ihn in Gewahrsam. Am nächsten Tag (15.08.2014) sitzt der 16jährige in einem Raum vor einem Dutzend Journalisten in Kandahar.

"Mein Vater war ein Kommandeur der Taliban", erzählt Mohebullah. Die Familie lebte in der Nachbarprovinz Urusgan. Dass der Vater Mitglied der militanten Extremisten war, war für die Familie offenbar nichts Ungewöhnliches. Der Vater wird bei einer Anti-Terror-Operation der afghanischen Armee getötet, die Familie sucht Zuflucht bei Verwandten und Freunden in Pakistan, wo der Sohn seinen Vater beerdigt.

"Ausbildung" in Pakistan

Madrassa Pakistan

Unterricht in Religionsschule in Pakistan (Foto: AFP/Getty Images)

"Ein Freund meines Vaters hat mir dann geraten, dass auch ich mich auch den Taliban anschließen soll", berichtet Mohebullah. "Der Lehrer meiner Religionsschule in Pakistan hat mich zu einem Ausbildungszentrum gebracht, wo ich 20 Tage lang eine militärische Ausbildung erhielt." Er lernt auch, wie eine Selbstmordweste funktioniert. "Es gab viele Jungen in meinem Alter. Wir durften aber niemals miteinander reden". Nach einiger Zeit bekommt Mohebullah dann mit, dass einige seiner Mitschüler bereits gestorben sind. "Einer von ihnen, er hieß Amanullah, hat sich in Panjwai in Kandahar in die Luft gesprengt." Mohebullah weiß: Jetzt ist er an der Reihe.

2013 wurden in Afghanistan nach Angaben der dortigen

UN-Mission (UNAMA)

545 Kinder bei Kampfhandlungen getötet und 1149 verletzt. Die weitaus größte Zahl der Verletzten und Getöteten geht, wie generell bei zivilen Opfern, auf das Konto von selbstgebauten Sprengsätzen der Taliban. Im selben Jahr wurden

65 Selbstmordanschläge

gezählt, wie viele davon durch Kinder oder Jugendliche ausgeführt wurden, ist unbekannt.

Perfide Manipulationen

Selbstmordanschlag in Kabul (Foto: Reuters)

Afghanische Experten gehen davon aus, dass nicht selten Minderjährige bei Selbstmordanschlägen eingesetzt werden

Der Krieg sei für Kinder traumatisierend genug, sagt Shamsuddin Tanweer von der Abteilung Kinderrechte bei der afghanischen Menschenrechtskommission in Kandahar. Umso schlimmer sei es, dass Terror-Gruppen immer wieder versuchten, Kinder und Jugendliche durch Gehirnwäsche in Pakistan für ihre Zwecke einzusetzen. (Im September 2011 wurden vier an der Grenze in Nangarhar von den afghanischen Behörden abgefangen, s. Artikelbild)

Sie würden mit Versprechen gelockt, beispielsweise, dass ihre Familien dafür Geld erhielten, oder dass die jungen Attentäter die Explosion überleben würden. So hatte der Fall der zehnjährigen Spozhmai aus Helmand Anfang dieses Jahres internationale Schlagzeilen gemacht. Ihr Bruder, ein Kommandeur der Taliban, hatte ihr befohlen, sich die Sprengweste umzuschnallen und detonieren zu lassen. Dem Mädchen gelang jedoch die Flucht.

Auch Mohebullah weigerte sich zunächst, den Auftrag zum Selbstmordattentat auszuführen, berichtete er vor der Presse in Kandahar. Seine "Lehrer" hätten ihm dann eine Injektion verabreicht, die ihn aggressiv gemacht habe. "Ich wurde wie ein Verrückter und wollte mich umbringen, weil ich so wütend wurde". Das Verabreichen von Drogen sei eine gängige Praxis, um Kinder in den Ausbildungsstätten gefügig zu machen, sagt Sadran Babraksai von der Abteilung Kinderrechte der afghanischen Menschenrechtskommission. Dass die zum Selbstmordattentat Ausersehenen per Spritze todeswillig gemacht werden, sei eine neue, perfide Steigerung dieser barbarischen Praxis. Die Menschenrechtskommission werde den Fall untersuchen, so Babraksai.

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