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Nahost

Nach Osama bin Laden: Das zweite Leben der Al-Kaida

Osama bin Laden: Für die USA war er der Staatsfeind Nummer eins, für die Welt das Gesicht des Terrorismus. Bis er vor fünf Jahren getötet wurde, der IS erstarkte und sich die Terrororganisation neu erfinden musste.

Die Angreifer sollen als Mitarbeiter eines Lieferservice verkleidet gewesen sein. Sie drangen in das Wohnhaus in Dhaka ein, warteten darauf, dass die beiden LGTB-Aktivisten Xulhaz Mannan und Mahbub Tonoy die Wohnung verließen, um sie schließlich auf brutalste Weise mit Macheten und Schusswaffen zu töten. Anschließend hieß es: Die beiden Opfer hätten seit 1998 "Tag und Nacht gearbeitet", um unter den Menschen Homosexualität zu verbreiten, erklärte der Arm der Terrorgruppe Al-Kaida in Bangladesch, Ansar al-Islam, Ende April. Unterstützt worden seien sie dabei von den USA und ihren "indischen Verbündeten".

Es sind tödliche Angriffe wie dieser, die die Welt daran erinnern, dass die Terrororganisation Al-Kaida - einst unter der Führung von Osama Bin Laden - noch immer existiert. Auch wenn sie in den vergangenen Jahren vom sogenannten "Islamischen Staat" (IS) ins Abseits gedrängt wurde. Aber wie stark ist die Terrororganisation heute, die 2001 Amerikas "Kampf gegen den Terrorismus" auslöste? Hat sie sich - fünf Jahre nach dem Tod von Osama bin Laden - verändert?

IS Kämpfer dringen in Raqqa ein, der syrischen Hochburg des IS (Foto: AP)

IS-Kämpfer sind bereits 2014 in Rakka in Syrien eingedrungen

Aufstieg und Fall Al-Kaidas

Osama bin Laden ist von Anfang an der Anführer der Terrororganisation Al-Kaida ("die Basis"). Er ist es, der ihr den Namen gibt und Kämpfer in Afghanistan finanziert. Ende der 1980er erscheint sie das erste Mal auf der Bildfläche - während des Krieges gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan. Damals eilen arabische Kämpfer ihren Glaubensbrüdern in Afghanistan zur Hilfe. Doch was lange ein lockerer Zusammenschluss von Dschihadisten ist, wird durch Osama bin Laden und der Nummer zwei - Aiman al Sawahiri - 1997 zu der Al-Kaida, die die Welt in Angst und Schrecken versetzt. Al-Kaida errichtet Trainingscamps und Bin Ladens Kampf gegen eine westliche Einflussnahme in der islamischen Welt wird zum Kampf aller gewaltbereiten Dschihadisten.

Die Terrorgruppe nimmt Form an, organisiert sich. "Al-Kaida hatte immer einen stark bürokratischen und hierarchischen Charakter", sagt Guido Steinberg, Terrorismus-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP). Attentate erfolgten auf Geheiß von der Zentrale. Und knapp vier Jahre später zeigt Bin Laden der Welt seine Stärke: Am 11. September 2001 kommt es zum schlimmsten Terrorangriffe auf die USA. In einer Videobotschaft nimmt Top-Terrorist Bin Laden Stellung: "Mit der Erlaubnis Gottes wird Amerikas Ende nahen. Und ich bitte Gott, diese Jugendlichen als Märtyrer aufzunehmen. Diese jungen Menschen haben eine sehr große Aktion durchgeführt. Sie haben uns Muslime stolz gemacht und Amerika eine Lektion erteilt, die es nicht vergessen wird."

Guido Steinberg ist Terrorismus-Experte an der SWP in Berlin (Foto: DW/Khaled Salameh)

Guido Steinberg ist Terrorismus-Experte an der SWP in Berlin

Doch die Vergeltung folgt prompt und damit die Lektion für die Terroristen: Die USA intervenieren noch im selben Jahr in Afghanistan und sagen Al-Kaida und den Taliban den Kampf an. Bin Laden und seine Männer ziehen sich in den Norden Pakistans zurück. Die Milizen verlieren ihre Hochburgen in Teilen Afghanistans und Pakistans. "Bin Laden tauchte daraufhin unter und überließ es weitgehend seinem Stellvertreter Sawahiri, ideologische Aufrufe an die zunehmend selbstständig und dezentral agierenden Dschihadisten-Gruppen zu verbreiten", sagt Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt in Mainz. Bin Laden hat zwar noch Einfluss auf die verschiedenen Al-Kaida-nahen Gruppen. Doch Al-Kaida ist in ihrer äußeren Struktur angeschlagen. Auch im Inneren beginnt sie, zu bröckeln - vorerst zumindest.

Die Hierarchie bröckelt

"Al-Kaida im Irak" beginnt nach dem Einmarsch der USA im Jahr 2003 zunehmend eigenmächtig zu agieren. Abu Musab Al Sarkawi, der zuvor viele Jahre in Afghanistan gekämpft hatte, übernimmt mit seinen Anhängern die Rolle der brutalsten Schwesterorganisation im Irak. "Mit ihren Bombenanschlägen ist sie maßgeblich für die Eskalation der Gewalt verantwortlich", sagt Nahost-Experte Meyer. Stimmte Bin Laden anfangs noch der Gründung von "Al-Kaida im Irak" zu, so distanzierte er sich ebenso wie sunnitische Aufständische schon bald von den Gewaltorgien gegen die schiitische Zivilbevölkerung. Denn Al-Kaidas Kampf unter Bin Laden galt dem Westen, den USA.

Sarkawi hingegen war ein ausgewiesener Schiiten-Hasser. "Dagegen haben Bin Laden und Sawahiri immer wieder protestiert", sagt Guido Steinberg von der SWP. Sawahiri schrieb 2005 einen Brief an Sarkawi, in dem er versucht hat, ihn zu einer Strategieänderung zu bewegen. "Der Brief hatte keinerlei Auswirkungen. Daran zeigt sich, dass die irakische Al-Kaida fortan fast vollkommen unabhängig war", fügt Steinberg hinzu. Al-Kaida im Irak überholte die Al-Kaida-Zentrale. 2006 wird Abu Musab al Sarkawi durch einen US-Angriff getötet. Die Gruppe wird zwar geschwächt, verschwindet aber nicht - aus ihr geht später der sogenannte "Islamische Staat" hervor, der sich von Al-Kaida lossagt und sich bis aufs Blut mit ihr verfeindet.

Barack Obama verkündete in einer TV-Ansprache den Tod des Top-Terroristen (Foto: AP)

Barack Obama verkündete in einer TV-Ansprache den Tod des Top-Terroristen

Osama bin Laden wird getötet

Auch Al-Kaida muss eine erneute Niederlage hinnehmen: Am 2. Mai 2011 töten die USA Osama bin Laden in seinem Versteck in Pakistan. US-Präsident Barack Obama verkündet die frohe Botschaft im Fernsehen. Bin Laden habe sich zwar schon in den vergangenen Jahren nicht immer durchsetzen können, wenn er beispielsweise Anweisungen in den Jemen an die "Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel" gab, sagt Terrorismus-Experte Steinberg. "Aber er hatte Einfluss. Dieses zentrale Führungselement ist somit verloren gegangen. Dazu kommt, dass Osama bin Laden ein höchst charismatischer Anführer war, der bei seinen Anhängern eine fast religiöse Stellung hatte, obwohl er nie religiöse Autorität für sich selbst reklamiert hat." Sein Nachfolger Sawahiri schaffte es in den Jahren danach nicht mehr, die jungen Dschihad-Anhänger für sich zu begeistern. "Das ist einer der Gründe, warum Al-Kaida in den letzten Jahren die jungen ausländischen Kämpfer aus allen Teilen der Welt und aus Europa und anderen westlichen Ländern an den 'Islamischen Staat' verloren hat", erklärt Steinberg. Als dann der IS 2014 ein Kalifat ausruft, gerät Al-Kaida erneut in arge Bedrängnis.

Lokale Terrorgruppen stärken

Doch die Terrorgruppe passt sich der Situation an und setzt auf eine langfristige Strategie. Sawahiri macht seinen Leuten aus der Ferne klar, dass sie - anstatt wahllos Zivilisten zu töten, so wie das der IS tut - den Kampf kämpfen sollten, den das Volk selber kämpfen will. "Und Sawahiri erklärt in einem Schreiben ebenfalls, dass er nicht mehr geben kann als strategische Vorgaben, und dass für alle detaillierten Anweisungen jemand vor Ort sein muss." Er weiß, dass er Osama bin Ladens Rolle nicht ausfüllen kann und verstärkt den Fokus auf die lokalen Gruppen.

Aiman al-Sawahiri wurde der Nachfolger von Bin Laden (Foto: DPA)

Aiman al-Sawahiri wurde der Nachfolger von Bin Laden

Und so geschieht es auch - die Al-Kaida-nahen Gruppen bleiben der bestehenden Ideologie zwar treu, doch die Vorgehensweise ist eine andere: In Syrien zum Beispiel, ist die Al-Kaida-nahe Nusra-Front zwar keine sehr starke Organisation. "Aber sie kooperiert mit anderen und kümmert sich intensiv um die Versorgung der Bevölkerung", sagt Guido Steinberg von der SWP.

Die jeweiligen Al-Kaida-Gruppen folgen zwar der Ideologie der Al-Kaida-Zentrale, unterstehen aber ihren lokalen Anführern, die durch Sawahiris Ansage gestärkt wurden. "Da wird eine ganz pragmatische Vorgehensweise gewählt, um politische Ziele zu erreichen. Das ist Islamismus im Gegensatz zu Salafismus." Denn es sei sicher nicht zielführend, die ganze Welt zu bekämpfen und alle Gegner möglichst öffentlichkeitswirksam grausam zu ermorden. "Das führt dazu, dass der IS gegen eine Welt von Gegnern kämpfen muss", sagt Guido Steinberg weiter. Denn alle sind sich einig, inklusive Al-Kaida, dass der IS verschwinden muss.

Es ist diese - auf lange Sicht angelegte Strategie - der Al-Kaida, die die Organisation so gefährlich macht, sie überleben lässt. Denn dort, wo sie ist, ist sie "gut im Volk verankert". Zwar gibt es keine starre Hierarchie mehr, aber die lokalen Anführer sind nicht weniger gefährlich als die Al-Kaida-Zentrale. In Syrien, im Jemen, in der Sahelzone und auch in Bangladesch kämpfen die verschiedenen Al-Kaida-Gruppierungen immer noch gegen westliche Einflussnahme. Mit dem Unterschied, dass sie die Bevölkerungen nicht kontrollieren - im Gegenteil, sie suchen ihren Rückhalt. Und diese Art von Terror zu bekämpfen, ist wesentlich schwerer.

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