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Wirtschaft

Nach Opel mutiert Bochum zu "UniverCity"

Zwei Jahre nach der Schließung des Opel-Werks haben über 1.000 Mitarbeiter noch keine neue Anstellung. Nach negativen Schlagzeilen bemüht sich die Stadt um ein neues Image. Doch die Arbeitslosenquote dürfte steigen.

Bochum poliert intensiv sein städtisches Image und setzt dabei werbend auf die Wirkung als "UniverCity". Immerhin ist die Ruhr-Universität mit über 6.000 Beschäftigten inzwischen der größte Arbeitgeber in der Stadt. An den insgesamt acht Hochschulen in der Revierstadt studieren rund 58.000 Studenten: Wissenschaft als Wirtschaftsfaktor.

Bis vor zwei Jahren war Bochum allerdings noch untrennbar mit dem Namen Opel verbunden. Anfang Dezember 2014 rollte der letzte "Zafira" vom Band. Zuvor hatte die Muttergesellschaft General Motors die Stilllegung des Bochumer Werks beschlossen. Damit endete auch ein Kapitel Industriegeschichte im Ruhrgebiet. Auf einen Schlag fielen fast 3.000 Arbeitsplätze weg. Und bis heute haben über 1.000 Ex-Opelaner noch immer keinen neuen Arbeitgeber gefunden.

Opel Werk Bochum Schließung 02.12.2014 (Reuters/I. Fassbender)

Sympathiebekundungen der Opelaner bei der Schließung des Werks im Jahr 2014

Eva Kerkemeier, die Bevollmächtigte der IG Metall, hegt auch keine großen Hoffnungen mehr, dass die ehemaligen Opel-Arbeiter in der Region noch einen Job finden werden. Denn das Ruhrgebiet, sagt Kerkemeier, "ist sehr gebeutelt, was den Abbau von Arbeitsplätzen angeht." Allein in den zurückliegenden sechs Jahren sind nach ihren Worten an die 11.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Vor allem mangele es an Industriearbeitsplätzen.

Mit einer Arbeitslosenquote von 9,9 Prozent liegt Bochum noch knapp unter der Quote des Ruhrgebietes mit 10,4 Prozent. Aber deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 5,7 Prozent. Von den 18.635 Arbeitslosen in Bochum werden über 8.000 in der Rubrik Langzeitarbeitslos geführt. Darunter befinden sich nach wie vor ehemalige Mitarbeiter des Bochumer Nokia-Werks, das 2008 geschlossen wurde. Noch werden die Opel-Mitarbeiter von einer Transfergesellschaft betreut, deren Programm aber in wenigen Monaten ausläuft. Dann dürften die Arbeitslosenzahlen absehbar steigen.

Bochum Abriss Opel Werk (Imago/biky)

Abriss der Opel-Hallen Anfang Oktober 2016

 

"Nur wenige haben neuen Job gefunden"

Nach Angaben der Transfergesellschaft ist man von der angestrebten Vermittlungsquote von 80 Prozent weit entfernt. Aber selbst hinter die offiziell vermeldete Quote von 41 Prozent darf man ein dickes Fragezeichen setzen. Herausgerechnet hat man nämlich ca. 700 Ex-Opelaner im herannahenden Rentenalter, für die die Transfergesellschaft als Brücke zum Vorruhestand dient. Und von den bisher in andere Unternehmen vermittelten, haben gerade einmal 126 nach Umschulungen einen festen Arbeitsplatz gefunden. Als Lokführer, Busfahrer oder bei Werksfeuerwehren. Der Großteil jedoch absolviert sogenannte Einarbeitungsqualifizierungen, ohne Garantie auf eine feste Übernahme. Ganz abgesehen davon, dass das Gehalt bei kleineren Unternehmen meist deutlich geringer ausfällt als bei Opel. Vor allem ehemalige Opel-Mitarbeiter jenseits der 50 haben auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen. Ihnen wird es auch kaum nutzen, beispielsweise einen Kurs als Gabelstapelfahrer abgeschlossen zu haben.

Der jahrelange Kampf um den Erhalt des Opel-Werks hat Bochum oft in die Schlagzeilen gebracht. Allerdings meist mit dem Tenor: Stadt auf dem absteigenden Ast. Zumal nach der vorher schon erfolgten Schließung des Nokia-Werks und dem damit verbundenen Verlust von 5.000 Arbeitsplätzen und Einbußen von ca. 25 Millionen an Gewerbesteuereinnahmen. Insofern verwundert es nicht, dass die Verantwortlichen in Bochum jetzt angestrengt und energisch in die Zukunft blicken.

Nicht nur mit der Werbeformel "UniverCity". Also kommt Prof. Rolf Heyer, dem Geschäftsführer der "Bochum Perspektive 2022 GmbH", immer wieder die Einsicht über die Lippen, "dass in jedem Verlust natürlich auch eine neue Chance liege." Und die wolle man nutzen.

"Schlussstrich unter das Kapitel Opel"

Der Name Opel fällt dementsprechend kaum noch. Auch nicht bei der Umgestaltung des ehemaligen Werksgeländes, auf dem die Abrissbagger inzwischen ganze Arbeit geleistet haben. Vermarktet wird das rund 70 Hektar große Gelände für interessierte Unternehmen nicht als Opel-Fläche, sondern als "Mark 51°7". Mark, so die Vermarkter, steht im deutsch- und englischsprachigen Raum sowohl für Markierung als auch für Kraft und Stärke. Mark 51°7" beschreibt nichts anderes als die geographischen Koordinaten des Geländes.

Universität Bochum (picture-alliance/dpa/M. Kusch)

Neues Aushängeschild: die Ruhr-Universität Bochum

Auf diesem Areal startet Bochum in die Industrialisierungsepoche 4.0. Das Logistik-Unternehmen DHL, eine Tochter der Deutschen Post, errichtet hier auf 140.000 Quadratmetern ein Mega-Paketverteilzentrum. 50.000 Sendungen pro Stunde sollen hier bearbeitet werden. Die Stadt Bochum freut sich im Gegenzug über die Entstehung von etwa 600 neuen Arbeitsplätzen. Auch wenn die Logistikbranche ihre Mitarbeiter nicht so entlohnt wie ehemals Opel die Autobauer am Band.

Bislang, sagt Rolf Heyer, habe man weit über 300 Anfragen von potenziell interessierten Unternehmen registriert, die man prüfen werde. Schließlich gelte es, Auflagen einzuhalten und zugleich auf einen Mix mit gewerblichen Unternehmen zu achten. Mit einem Interessenten wurde man übrigens schnell handelseinig, stammt er doch aus "UniverCity", der Stadt des wissenschaftlich-unternehmerischen Aufbruchs. Also: aus Bochum. Die Ruhr-Universität will dort einen Forschungsbau errichten. Opel-Mitarbeiter haben dort wohl keine Aussichten auf einen neuen Arbeitsplatz.

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