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Asien

Nach Nordkoreas Kriegsgebärden: Seoul bleibt cool

In Südkoreas Hauptstadt zeigt sich die Bevölkerung von der Nordkorea-Krise weitgehend unbeeindruckt. Sie schwankt zwischen Gelassenheit und Fatalismus. Fabian Kretschmer aus Seoul.

Wer sich an diesem verregneten Donnerstagabend im Seouler Stadtzentrum umschaut, sieht Männergruppen in dunklen Anzügen vor Grillrestaurants auf die Straße torkeln. Die Cafés sind gefüllt mit turtelnden Pärchen, die Händchen halten und an eisgekühltem Filterkaffee nippen. In den Straßenschluchten kämpfen Taxifahrer um die Feierabendkundschaft - Alltag eben. Von Massenpanik oder Evakuierungen weit und breit keine Spur.

Dabei spielt sich nur eine Autostunde nördlich der Hauptstadt, in Nordkorea, eine politische Katastrophe sondergleichen ab. Am plakativsten hat diese Woche das Wirtschaftsmagazin Economist mit seinem Titelbild die allgemeine Hysterie illustriert.  Die grimmigen Konterfeis von Donald Trump und Kim Jong Un sind dort zu sehen - geformt aus den Wolken eines Atompilzes. "Es könnte passieren" prangt in schwarzen Buchstaben über diesem dystopischen Szenario. Gemeint ist: ein atomarer Krieg.

Droht ein Atomkrieg?

Dieser scheint derzeit so realistisch wie zuletzt während der Kubakrise 1962. Laut Enthüllungen der Tageszeitung Washington Post ist das nordkoreansiche Nuklearprogramm bereits wesentlich fortgeschrittener als bisher angenommen.

Und mit Kim und Trump stehen sich zwei Spieler gegenüber, die das verbale Drohspiel bis zur Grenze austesten. Trump drohte Nordkorea mit "Feuer, Wut und Macht, wie es die Welt noch nicht gesehen hat".

Am Donnerstag hat die nordkoreansiche Volksarmee mit detallierten Plänen seine Bereitschaft zum Raketenschlag gegen die US-Pazifikinsel Guam angekündigt. Vier Mittelstreckenraketen seien einsatzbereit, berichtete Nordkoreas Staatsfernsehen. Der Plan werde Mitte August stehen. 30 bis 40 Kilometer vor Guams Küste sollten die Raketen im Meer niedergehen.

 Infografik Reichweiten nordkoreanischer Raketen DEU

Trump "unberechenbar"

Die 26-jährige Jeon Hae In aus dem nördlichen Seouler Vorort Euijeongbu zeigt sich dennoch wenig beeindruckt von der politischen Lage: "Nordkorea droht ja immer wieder mit Krieg, aber am Ende ist nie etwas passiert." Am Vorabend habe sie zuletzt mit ihrem Bruder telefoniert, der direkt an der Demarkationslinie seinen zweijährigen Wehrdienst ableistet: "Der wusste noch gar nicht Bescheid, was heute überhaupt passiert ist." Doch auch sie räumt ein: "Diesmal fühlt es sich ein wenig anders an. Trump würde ich alles zutrauen".

Die Englischstudentin Lee Ji Yoon hält den US-Präsidenten ebenfalls für unberechenbar, glaubt allerdings an die Vernunft seiner Regierung: "Wenn er einen Krieg befiehlt, würden seine Sicherheitsberater das nicht mitmachen", sagt die 23-Jährige. Gegen die nordkoreanische Bevölkerung hege sie keinen Groll, nur gegen die politische Führung in Pjöngjang.

Donald Trump (Picture-Alliance/AP Photo/E. Vucci)

Trump: "Feuer, Wut und Macht"

Nordkoreas kalkulierte Provokation

Der überzeugte Pazifist Moon Jae In, seit Mai südkoreanischer Präsident, sieht sich nach seinen von Nordkorea ausgeschlagenen Gesprächsangeboten nun unter Zugzwang. Er rief am Mittwoch zu einer "vollständigen" Militärreform auf und bat in Washington um eine Neuverhandlung des bilateralen Militärbündnisses, um mächtigere Raketensprengköpfe herstellen zu dürfen. Ziel sei jedoch weiterhin, Nordkorea zum Dialog zu bewegen.

Der konservativen Opposition gehen Verteidigungspläne der Regierung nicht weit genug. Die Freiheitspartei Koreas (Liberty Korea Party, FPK) rief bereits am Montag dazu auf, dass das US-Militär atomare Sprengköpfe auf südkoreanischem Boden stationieren solle. "Frieden werden wir nicht erreichen, wenn wir darum betteln, sondern nur durch ausgeglichene Macht", sagte Parteivorsitzender Hong Joon Pyo.

"Seoul ist eine Geisel des Nordens"

Für Lars-André Richter, Leiter der Friedrich Naumann Stiftung in Seoul, ist die derzeitige Krise die schwerwiegendste in seinen bisher fünf Jahren in Südkorea. Dennoch glaubt er, dass Nordkorea vor allem provoziere, um Aufmerksamkeit zu erzeugen: "Kim Jong Un und seine Entourage wollen der Welt zeigen, dass es sie gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Land ins offene Messer stürzen will."

Südkorea hingegen spiele bei der derzeitigen Krise nur eine Nebenrolle: "Seoul ist letztlich eine Geisel des Nordens. Das Regime in Pjöngjang will ohnehin vor allem die Aufmerksamkeit der USA, weniger die des Südens."

Vielleicht hilft in der auswegslosen Situation nur mehr göttliche Hilfe. In einer Messe am Donnerstag hat sich nun auch der römisch-katholische Erzbischof von Seoul zu der Krise geäußert: "Ich bete dafür, dass Nordkorea die nukleare Abrüstung umsetzt und an den Verhandlungstisch zurückkommt", sagte der 72-jährige Yeom Soo Jung. 

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