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Nahost

Nach Mursi das Nichts

Die ägyptische Stadt Fajum ist eine Hochburg der Islamisten. Vier von fünf Wählern stimmten hier vor zwei Jahren für Mohammed Mursi. Doch bei der jetzigen Präsidentschaftswahl bleibt seinen Anhängern nur der Boykott.

Im Wahllokal am zentralen Marktplatz der Oasenstadt Fajum sind Journalisten und Sicherheitskräfte am Dienstagmorgen unter sich. Vor dem Gebäude rattern mit Gurken, Zwiebeln oder Stroh beladene Pickups vorbei. Eine Gruppe schwarz verhüllter Frauen mit kleinen Kindern an der Hand hält an einem Eiscremestand und verschwindet dann in einem Kleidergeschäft. Ins Wahllokal biegt niemand ab.

Auf der anderen Strassenseite sitzt der Handwerker Hussein in einem Strassencafé und erklärt, warum er wie so viele andere in Fajum die Abstimmung boykottiert: "Ich nehme nicht an dieser Abstimmung teil, weil ich glaube, dass es keine saubere Wahl ist. Ich denke, das Ergebnis wird gefälscht." Als Beweis für seine Aussage spielt er ein Video auf seinem Handy ab, das derzeit die Runde in ägyptischen Online-Medien macht: Zu sehen ist eine Person, die einen Wahlzettel nach dem anderen zugunsten des ehemaligen Armeechefs Abdel Fattah al-Sisi ankreuzt, während eine andere Person in Militäruniform zuschaut. Die Echtheit des Videos lässt sich zwar nicht überprüfen, doch Hussein sieht sich in seiner Sicht der Dinge bestätigt.

Chaos hält an

In keiner anderen ägyptischen Provinz war die Zustimmung zum gestürzten islamistischen Staatsoberhaupt Mohammed Mursi bei der Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren so groß wie in Fajum. Nirgendwo sonst schlägt seinem voraussichtlichen Nachfolger Abdel Fattah al-Sisi mehr Misstrauen entgegen. Noch immer weiß die Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, viele Anhänger in der zwei Stunden südlich von Kairo gelegenen Millionenstadt hinter sich.

Auch radikale Gruppierungen wie al-Gamaa al-Islamija, die in den 80er und 90er Jahren zahlreiche Anschläge verübte, haben hier noch immer großen Zulauf. Seit dem Armeeputsch im vergangenen Juli gehen Woche für Woche islamistische Demonstranten auf die Straßen Fajums. Immer wieder kommt es dabei zu blutigen Zusammenstößen, zuletzt erschoss die Polizei am Freitag vor der Wahl zwei Personen. "Mursi wird zurückkehren" steht auf einer Häuserfassade neben dem Wahllokal.

Wahlen in Ägypten: Stimmzettel (Foto: MOHAMED EL-SHAHED/AFP/Getty Images)

Ein Kandidat der Muslimbrüderschaft steht nicht zur Wahl

Hussein sagt, er selbst sei kein Mitglied der Muslimbruderschaft und beteilige sich auch nicht an den Protesten. Doch die Regierung habe das Chaos mit dem Putsch gegen die Mursi-Regierung selbst heraufbeschworen: "Mursi ist auf viel Widerstand gestossen, weil er nicht korrekt gehandelt hat. Es ist aber wichtig zu betonen, dass er durch freie Wahlen an die Macht gelangte, auf legalem Weg."

Wahl um einen Tag verlängert

Die Regierung in Kairo ließ nichts unversucht, um eine niedrige Wahlbeteiligung zu verhindern. Zunächst erklärte sie den Dienstag zum arbeitsfreien Feiertag und verschob die Schließung der Wahllokale auf 10 Uhr abends. Später ließ sie verkünden, dass Nichtwählern eine Strafe von 500 ägyptischen Pfund (51 Euro) drohe. Am Abend teilte die Wahlkommission dann überraschend mit, die Abstimmung trotz des geringen Andrangs um einen Tag zu verlängern. Während ein überlegener Sieg Sisis als ausgemacht gilt, könnte eine geringe Beteiligung die von den Staatsmedien propagierte Sichtweise in Fragen stellen, wonach das Volk geschlossen hinter dem General stehe. Die Muslimbruderschaft hatte im Vorfeld ihrerseits zum Boykott aufgerufen, ihre Anhänger jubelten im Internet über die Bilder von menschenleeren Wahllokalen in zahlreichen Städten. Einige unabhängige Beobachter schätzten die Beteiligung am Montag auf unter 20 Prozent, offizielle Angaben lagen nicht vor.

Werbesäule für al-Sisi (Foto: Ahmed Wael/DW)

Dem ägyptischen Machthaber missfällt die geringe Wahlbeteiligung

Die lokale Journalistin Mariam Sobh hingegen glaubt, dass die Islamisten nur begrenzt Einfluss auf das Wählerverhalten in Fajum haben: "Gestern haben hier viele ihre Stimme abgegeben, um zu zeigen, dass nicht ganz Fajum islamistisch ist, dass es auch andere politische Strömungen hier gibt. Wegen ihrer Gewalt und Brutalität haben die Islamisten zuletzt viel Zuspruch verloren." Dass am zweiten Wahltag kaum noch Wähler auftauchen, sei weniger als Erfolg für die Islamisten zu werten, sondern als Zeichen, dass auch Sisi zuletzt massiv an Popularität eingebüsst habe.

Ratlosigkeit regiert

Insbesondere unter den jüngeren Wählern scheint Sisis Stern bereits im Sinken zu sein. Viele von ihnen sehen in dem Präsidentschaftskandidaten nicht viel mehr als eine Reinkarnation des gestürzten Diktators Husni Mubarak. Das Vertrauen in den linken Politiker Hamdin Sabbahi, der als einzige Alternative zu Sisi bei der Wahl antritt und gezielt um die Stimmen der jüngeren Generation warb, ist offenbar ebenfalls gering. Die wenigen Wähler, die am späteren Vormittag in Fajum doch noch auftauchen, identifizieren sich nicht so sehr als Anhänger eines Kandidaten, sondern als Gegner der Islamisten. Eine Frau sagt, dass sie Angst vor einer möglichen Rückkehr der Muslimbrüder an die Macht habe. Diese hätten in Fajum gegen Andersdenkende gehetzt und seien auf Rache aus. Das einzige effektive Mittel im Kampf gegen die Islamisten sieht sie in einem wirtschaftlicher Aufschwung des Landes: "Wir sorgen uns um unsere Kinder, die keine Arbeit finden können, denn die Arbeitslosigkeit verführt zu Gewalt und Kriminalität." Auf die Frage, ob Sisi die geeignete Person sei, um diesen Aufschwung herbeizuführen, zuckt sie ratlos mit den Schultern.

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