1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Nach Mordserie Verfassungsschützer im Visier

Bei den Ermittlungen zur Mordserie des Neonazi-Trios aus Thüringen gerät der deutsche Verfassungsschutz ins Visier der Kontrolleure. War ein Behörden-Mitarbeiter bei mehreren Morden am Tatort? Gab es weitere Mitwisser?

Polizeifahrzeug mit verhafteter Beate Zschäpe (Foto: dpa)

Im Wagen der Behörden: die verhaftete Beate Zschäpe

Die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" hat sich bei ihrer Mordserie womöglich auf weit mehr Helfer stützen können als bisher bekannt. Wegen möglicher Verstrickungen stellen Koalition und Opposition V-Leute des Verfassungsschutzes in der rechtsextremen Szene immer stärker infrage. Der Ruf nach grundlegenden Reformen des Verfassungsschutzes wird lauter. Zugleich steigt die Wahrscheinlichkeit eines neuen Anlaufs für ein NPD-Verbotsverfahren.

Das Täter-Trio aus Thüringen (Foto: dpa)

Das Neonazi-Trio aus Thüringen

Nach einem ARD-Bericht hatte das Trio aus Thüringen, das für zehn Morde verantwortlich sein soll, einen Unterstützer in Sachsen. Der in Johanngeorgenstadt lebende Neonazi Matthias D. habe die Wohnung in Zwickau angemietet, in der die verhaftete Beate Zschäpe von 2001 bis 2008 unter falschem Namen lebte. Zudem sei der 34-Jährige Mieter der Wohnung gewesen, in der Zschäpe mit ihren Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zuletzt Unterschlupf fanden, berichtete das Magazin "Fakt" am Dienstag. Böhnhardt und Mundlos haben sich das Leben genommen. Zschäpe erwägt nach einem Pressebericht, eine umfassende Aussage zu machen.

Helfer oder Mitwisser?

"Es gibt Hinweise auf weitere Helfer", sagte der Vorsitzende des parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, nach einer Sitzung des Gremiums in Berlin. Hans-Peter Uhl (CSU) sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Weitere Mitwisser gibt es auf jeden Fall." Es bestehe die Gefahr, dass Mittäter noch unentdeckt seien. Dringend müssten Computer-Festplatten, Handys und Verbindungsdaten der Täter und bereits bekannter Helfer untersucht werden. "Nur durch die Festplatten können wir feststellen, wie groß dieser braune Sumpf ist."

Hessischer Verfassungsschutzbericht (Foto: ap)

Im hessischen Verfassungsschutzbericht sucht man Informationen über die Vorgänge vergeblich

Unionsfraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier sagte auf dem CDU-Parteitag in Leipzig, rasch müsse aufgeklärt werden, welche konkrete Gefährdung noch drohe und wie groß der Helferkreis sei. Auf das Konto der Zwickauer Zelle sollen Morde an neun Geschäftsleuten türkischer und griechischer Abstammung sowie an einer Polizistin in Heilbronn gehen. Im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen prüft eine zweistellige Zahl von Ermittlern, ob weitere ungeklärte Verbrechen auf das Konto der Gruppe gehen.

Für wen oder was arbeiten die V-Leute?

Politiker warfen den Verfassungsschutzbehörden Versagen vor. Der Einsatz von Verbindungsleuten in der rechtsextremen Szene wird immer lauter infrage gestellt. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte in Leipzig, wenn ihr Einsatz kaum Erfolg habe und ein neues NPD-Verbotsverfahren daran scheitern könne, müsse dieses Instrument auf den Prüfstand. "Ein Instrument, das uns nichts bringt, das brauchen wir auch nicht." Kauder fragte: "Warum hat es dann so lange gedauert, bis wir etwas erfahren haben?" Ähnlich äußerten sich auch Politiker von SPD, Grünen und FDP.

Opfer der Mordserie (Foto: picture alliance/dpa)

Die Opfer der Mordserie. Waren V-Leute am Tatort anwesend?

Verwirrung gab es um einen hessischen Verfassungsschützer, der 2006 am Tatort eines Mordes in Kassel war. Nach unbestätigten Medienberichten soll er noch während des Mordes 2006 in dem Café anwesend gewesen sein. Einem Bewegungsprofil zufolge könnte er sogar bei sechs der neun Morde aus der Serie in der Nähe des Tatortes gewesen sein. Entsprechende Hinweise wurden im Kontrollgremium des Bundestags aber nicht bestätigt. SPD-Politiker Oppermann teilte mit: "Dieser Mann hat eine offenkundig stark rechte Gesinnung." Die hessischen Behörden gaben dazu noch keine Informationen.

In Thüringen soll nun der ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof, Gerhard Schäfer, herausfinden, was schiefgegangen ist bei der Jagd nach dem Neonazi-Trio. Innenminister Jörg Geibert (CDU) stellte den 74-Jährigen als Vorsitzenden einer Untersuchungskommission vor. Die drei Rechtsextremen aus Jena konnten 1998 trotz Haftbefehls und der Beobachtung durch den Landesverfassungsschutz untertauchen. Das Untersuchungsgremium soll in den nächsten drei Monaten die Umstände prüfen.

Kundgebung der NPD in Zwickau (Foto: ap)

Kann man die NPD verbieten?

Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags, der Innenausschuss und wohl auch der Rechtsausschuss wollen sich in den kommenden Tagen weiter mit den Taten und ihren Hintergründen befassen. Die Mordserie und die Rolle des hessischen Verfassungsschützers wird auch die Kontrollkommission des hessischen Landtags beschäftigen. Hans-Christian Ströbele (Grüne) forderte einen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Die FDP-Bundestagsfraktion zeigte sich offen für den Vorschlag.

Innenminister Friedrich (CSU) widersprach dem Vorwurf, Deutschlands Sicherheitsbehörden seien auf dem rechten Auge blind. "Wir haben die rechtsextremistische Szene sehr genau im Blick", sagte er dem Bonner "General-Anzeiger" (Mittwoch). Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) warf den Ermittlern eklatante Fehler vor. Die Dachorganisation sprach von "Fehlbeurteilungen", durch die Extremisten zu neuer Gewalt ermutigt werden könnten. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) versicherte bei einem Besuch der Türkischen Gemeinde Deutschlands in Berlin, Ausländerfeindlichkeit und Extremismus hätten hierzulande keinen Platz.

Kann man die NPD verbieten?

Unterdessen zeichnet sich ein neuer Anlauf für ein Verbot der NPD ab. Für die Prüfung eines neuen Verfahrens sprach sich einstimmig der CDU-Parteitag aus. Die Delegierten folgten damit Kanzlerin Angela Merkel. In der ARD sagte Merkel: "Wir müssen uns sehr sicher sein, dass das vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hat. Dazu müssten wir auf die sogenannten V-Leute verzichten." SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte: "Das Verbot der NPD muss kommen - völlig unabhängig von der Mordserie" Das Bundesverfassungsgericht hatte ein erstes Verbotsverfahren 2003 angesichts der Vielzahl staatlich gesteuerter V-Leute in der Szene gestoppt.

Autor: Marko Langer (mit dpa, rtr)
Redaktion: Gerd Winkelmann

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema