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Gedanken zur Woche

Nach jedem Krieg

Jede und jeder ist fähig, schlimmste Verbrechen zu begehen. Vor allem im Krieg. Sich klar zu machen, dass die Gefahr in meinem eigenen Herzen ist, das ist schon schwierig, meint Petra Schulze für die evangelische Kirche.

Ein fröhliches Foto aus dem Krieg
Sie sitzen an einer langen Tafel unter blühenden Apfelbäumen. Essen und trinken, lachen in die Fotokamera. Die Frauen ganz in weiß. Die Männer in grauen Anzügen. Traumhochzeit, denke ich. Doch dann entdecke ich: Die grauen Anzüge sind Uniformen. Die weißen Kleider sind Schwesterntrachten. Die Damen haben Häubchen auf und die Herren tragen Verbände an den Armen oder Beinen oder ein Pflaster über dem Auge. Es sind Kriegsverwundete in einem Lazarett mit ihren Krankenschwestern. Manche sitzen Arm in Arm. Scheinen zu schunkeln. Ein Bild aus dem Krieg.

Bei Geburtstagsbesuchen habe ich es oft erlebt: Männer erzählten plötzlich mit 75 oder 80 Jahren wie es war, im 2. Weltkrieg. Im Lazarett. In der Gefangenschaft. Und einige Male kamen in den Erzählungen dann auch Krankenschwestern vor. Ihr freundliches Lächeln. Eine zärtliche Berührung. Trost in trostloser, finsterer Zeit. Nicht umsonst gibt es Darstellungen von Krankenschwestern mit Flügeln am Bett eines Verwundeten oder Fotos in Postkartengröße von verletzten Soldaten mit ihrer Krankenschwester – im Krieg vermutlich auch zu Propagandazwecken. Fast hätte ich mich von diesen Bildern täuschen lassen. Fast hätte ich gedacht, dass der Krieg auch so sein kann: mit Trost im Schmerz, mit blühenden Bäumen, unter denen Wunden heilen. Fast hätte ich gedacht, dass es auch im Krieg Momente der Menschlichkeit gibt. Und dann kam das endgültige Erwachen.

Plaudereien unter Mördern
Ich las von einem Buch von dem Historiker Sönke Neitzel und dem Sozialpsychologen Harald Welzer. "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (1). Darin finden sich Abhörprotokolle deutscher Wehrmachtssoldaten aus dem 2. Weltkrieg. Erst 2001 stieß der Historiker Sönke Neitzel auf diese Protokolle. Die Alliierten hatten ab 1939 in so gennannten Abhörlagern deutsche Kriegsgefangene bei ihren Zellengesprächen belauscht. Und hier zeigt sich, dass der Krieg alle Menschlichkeit restlos zerstört. Nichts mehr von Anständigkeit der Soldaten zu hören. Hier in der Zelle fühlen sie sich frei, zu erzählen, wie sie den Krieg wirklich empfunden haben. Da erzählt einer:

"Am zweiten Tage des Polenkriegs musste ich auf einen Bahnhof von Posen Bomben werfen. 8 von den 16 Bomben fielen in die Stadt, mitten in die Häuser hinein. Da hatte ich keine Freude daran. Am dritten Tag war es mir gleichgültig, und am vierten Tag hatte ich meine Lust daran. Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehr durch die Felder zu jagen und sie dort mit ein paar Kugeln im Kreuz liegen zu lassen." (2)

Erinnerungen an den Krieg als ein großes Abenteuer. Entfesselte Gewalt – ohne Mitgefühl für die Opfer. Die waren einfach nichts wert. Erinnerungen an Frauen, die man einfach „hacken“, „bürsten“, „umlegen“ konnte. Und dann haben wir sie weggeschmissen – heißt es lakonisch. „Ist eben Pech gewesen, musste mit dran glauben“. (3) So wie der Franzose, dessen Fahrrad ein Soldat begehrte. Er schoss dem Radfahrer in den Rücken – fertig. (4)

An Gewalt gewöhnt man sich schnell
Man kann sagen, es ist und bleibt unerklärlich, wie mitfühlende Familienväter und Geliebte zu diesen Verbrechen fähig waren. Menschenleben auslöschten durch Schrot, Granaten, Aufhängen, zu Tode vergewaltigen, erschlagen. Unerklärlich, ja, einerseits. Doch ich möchte keiner weiteren Täuschung erliegen. Der Krieg hat eine Fratze, die heißt Mensch. In jedem Krieg, in jeder blutigen Auseinandersetzung. Und dazu braucht es nicht erst den Blick auf den Islamischen Staat, auf grausame Diktaturen, auf Völkermorde. Das Töten um des Tötens willen – es braucht nur wenige Tage oder Stunden, um im Menschen entfesselt zu werden.
Gerade, wenn wir gegen Krieg und Gewalt, gegen radikale Parolen auf die Straße gehen - das Wichtigste ist, zu wissen: Ich selbst bin gefährdet, Gewalt auszuüben. Jederzeit.

Im Gras liegen und…
Und deshalb darf ich nicht vergessen, was im 2. Weltkrieg geschehen ist. Die polnische Dichterin Wislawa Szymborska schreibt:

Nach jedem Krieg
muss jemand aufräumen
Leidliche Ordnung
kommt doch nicht von allein..
(…)

Diejenigen, die wussten,
worum es hier ging,
machen denen Platz,
die wenig wissen.
Weniger noch als wenig.
Und schließlich so gut wie nichts.

Im Gras, das über Ursachen
und Folgen wächst,
muss jemand ausgestreckt liegen,
einen Halm zwischen den Zähnen,
und in die Wolken starrn. (5)

Ich möchte mir in der Passionszeit Zeit dafür nehmen, in die Wolken zu starren. Und wieder zu empfinden. Zu erinnern, lebendig zu vergegenwärtigen, was nicht verloren gehen darf. Damit ich sagen kann, wenn es darauf ankommt: Das KANN ich nicht tun! Da mache ich nicht mit!
Und was ist mit Ihnen?

(1) Sönke Neitzel/Harald Welzer: "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben". S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2011.
(2) Zitiert nach: http://www.taz.de/!69403/ Abhörprotokolle von Wehrmachtssoldaten -
Ganz normale Männerkriegsgespräche; von Klaus Bittermann.
(3) Zitiert nach: http://www.n-tv.de/leute/buecher/Die-Plaudereien-der-Wehrmachtssoldaten-article3624951.html "Eingeladen zum Judenschießen"; Die Plaudereien der Wehrmachtssoldaten;
von Gudula Hörr
(4) Ebd..
(5) Wislawa Szymborska, Auf Wiedersehn. Bis morgen, Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1998, S. 12f.

Evangelische Pfarrerin Petra Schulze

Evangelische Pfarrerin Petra Schulze

Zur Autorin: Petra Schulze, Jahrgang 1965, studierte Evangelische Theologie, Publizistik und Sozialpsychologie in Bochum.Sie absolvierte eine Jahreshospitanz beim WDR-Hörfunk sowie ein mehrwöchiges Praktikum beim WDR Fernsehen in Köln und ist seitdem für den WDR und andere Sender als freie Journalistin tätig sowie u.a. für die Wochenzeitung »Unsere Kirche«. Sie war im Ennepe-Ruhrkreis als Pfarrerin für Öffentlichkeitsarbeit und als theologische Referentin in Dortmund tätig. Von 2006-2011 war Schulze die Evangelische Senderbeauftragte für das Deutschlandradio und die Deutsche Welle in Berlin. Ab November 2011 ist sie die Evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR in Düsseldorf. Evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR und Leiterin des Rundfunkreferates West.

Verantwortlicher Redakteur:Pfarrer Christian Engels

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