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Fußball

Nach Enkes Tod hat sich wenig geändert

Der Selbstmord von Nationaltorwart Enke am 10. November 2009 löste eine Welle der Betroffenheit aus. Vereine versprachen, psychisch kranke Spieler nicht alleine zu lassen. Die Bilanz ein Jahr danach fällt mager aus.

Fans im Stadion halten schwarzes Banner mit dem Konterfei von Robert Enke hoch (Foto: AP)

Unvergessen: Robert Enke

Im bezahlten Fußball lastet ein enormer Erfolgsdruck auf den Spielern. In der Bundesliga geht es zwar um Tore, Punkte, Meisterschaft, aber für die Vereine auch um viel Geld. Allerdings ist nicht jeder Profi dieser Belastung gewachsen, wie der tragische Tod des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke vor einem Jahr zeigt.

Thomas Ernst (r.), mit dem Bochumer Spieler Chong Tesse (Foto: DW/Thomas Klein)

Thomas Ernst (r.), mit dem Bochumer Spieler Chong Tese

Als Torhüter bei Eintracht Frankfurt, dem VfL Bochum, dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Kaiserslautern hat Thomas Ernst alle Höhen und Tiefen des Bundesligabetriebs erlebt. Inzwischen trägt Ernst Verantwortung als Sportvorstand beim Zweitligisten VfL Bochum. Aus seiner langjährigen Spielpraxis weiß er um das seelische Befinden der Spieler: "Da gibt es Situationen im Stadion, mit Pfiffen und persönlichen Schmähungen, wo mancher Spieler auf Herausforderungen trifft, die er dann doch nicht bewältigen kann."

Nach Spielende einfach abschalten, wenn enttäuschte Fans die eigene Mannschaft gellend auspfeifen, das schafft nach seiner Erfahrung kaum einer. Schon gar nicht im Kampf gegen den Abstieg. Einen routinierten Profi wie Thomas Ernst hat in einer solchen Situation auch stets das Schicksal des Vereins beschäftigt, vor allem das der Mitarbeiter. Da nehme man, sagt Ernst, "schon eine Menge Druck mit zum Training, aber auch auf den Platz im Stadion. Man baut Einiges auf, und das belastet einen."

Ein Meer von Kerzen am Stadion in Hannover nach dem Selbstmord Enkes 2009 (Foto: AP)

Robert Enkes Selbstmord am 10. November 2009 schockte Fußball-Deutschland

Spielergewerkschaft bietet Hilfe

Robert Enke hat diese Belastung nicht bewältigen können. Doch schon vor Enkes Tod erkannte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV), dass bei Bundesligaprofis ein beachtlicher Beratungsbedarf bestand. Darum bietet die Fußballergewerkschaft Kickern in persönlichen Krisensituationen schon seit einigen Jahren psychologische und seelsorgerische Betreuung an. "Direkt im Zusammenhang mit dem tragischen Tod Robert Enkes ist die Zahl der Anfragen natürlich in die Höhe geschossen", sagt VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky.

Wer in den Stadien und vor den Fernsehkameras quasi unter ständiger öffentlicher Beobachtung steht, darf keine Schwächen zeigen. Schon gar keine seelischen. In der Fußballbranche lautet die Devise: Auf dem Platz stehen nur "ganze Kerle". Nach Enkes Tod haben mehr als zwei Dutzend Kicker Beistand und Rat gesucht. Allerdings nicht bei ihren Vereinen, sondern bei der Spielergewerkschaft.

Fassade ist Teil des Geschäfts

Ein Fußballspieler steht nach einer Niederlage gebeugt auf dem Platz (Foto: Fishing4)

Sein Innerstes verbergen

Für den Diplom-Psychologen Thomas Graw, der etliche Profis aus der Bundesliga betreut hat, steht außer Frage, dass Robert Enke kein Einzelfall war. Selbst wenn ein Spieler nach außen funktioniere, bilanziert Graw, könne dessen Psyche aus dem Gleichgewicht geraten sein. Aber dieses vorgetäuschte Verhalten sei "Teil des Geschäfts und der Karriere, gelernt zu haben, bestimmte innere Vorgänge nach außen hin so gut abzuschirmen, dass man sich nicht in die Karten schauen lässt." Nicht selten, so der Psychologe, habe er erlebt, dass Spieler zu ihm gekommen seien mit den Worten: "Eigentlich sieht es in mir ganz anders aus. Lass' uns bitte mal daran arbeiten!"

Spielern, die in ihrer isolierten Situation weder ein noch aus wissen, bietet die Fußballergewerkschaft darum verschiedene Möglichkeiten der Kontaktaufnahme an. Persönlich mit einer Beratung vor Ort, per Telefon oder per E-Mail. Dabei, versichert VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky, stünden Anonymität und Diskretion an oberster Stelle.

Kranke Spieler befürchten Nachteile

Enkes Grabstein (Foto: AP)

Enkes Grabstein

Die Psychologen, mit denen die VdV zusammenarbeitet, beurteilen, ob es sich um kurzzeitige seelische Schwankungen handelt oder der Ratsuchende bereits eindeutige Anzeichen einer Depression erkennen lässt. Angesprochen werden Leistungsblockaden, Versagensängste, allgemeine Stimmungstiefs, Probleme mit Trainern, mit dem Umfeld, Mobbing. "Alles, was die Seele bedrückt", sagt Baranowsky.

Mitunter, merkt Psychologe Thomas Graw an, fehle es im Umfeld an Verständnis und Unterstützung für seelisch aus dem Gleichgewicht geratene Fußballer. "Ich kann mir gut vorstellen, dass es manche Trainer und auch Mannschaftskollegen gibt, die sagen: Ja gut, dann hat er hier halt nichts zu suchen." Aus diversen Kontakten weiß VdV-Geschäftsführer Baranowsky, dass sich viele Profikicker darum einen raschen Ausbau des anonymen Beratungsangebotes wünschen, "weil viele natürlich aus Angst vor Nachteilen Vorbehalte haben, sich zu öffnen."

Outing unwahrscheinlich

Das in vielen Reden nach Robert Enkes Tod geforderte und auch angekündigte große Umdenken im millionenschweren Unterhaltungsgeschäft Fußball ist ausgeblieben. Nach Einschätzung von Thomas Ernst, Vorstandsmitglied des VfL Bochum, ist bei den Clubs zwar eine gewisse Sensibilisierung für die Problematik psychischer Erkrankungen festzustellen, aber "grundsätzlich hat sich am Geschäft und an den Abläufen nichts geändert." Insofern kommt auch Sportpsychologe Graw zu der nüchternen Einschätzung: "Dass sich jemand outet, das würde mich überraschen!"

Autor: Klaus Deuse
Redaktion: Stefan Nestler

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