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Welt

Nach Ebola - Marshallplan für Westafrika

Rund 600 Experten, Politiker und Vertreter von Hilfsorganisationen diskutieren in Brüssel über Ebola und die Folgen. Es geht um den wirtschaftlichen Wiederaufbau der betroffenen Länder. Aus Brüssel Barbara Wesel.

Die Konferenz begann mit einer Schweigeminute - eine Geste, um der fast 10.000 offiziell registrierten Toten zu gedenken, die der Seuche in Westafrika zum Opfer fielen. Aber weniger um den Blick zurück, als um den nach vorn geht es bei dieser internationalen Konferenz: Nach der Eindämmung der Seuche, selbst wenn noch kein Sieg verkündet werden kann, muss der Wiederaufbau beginnen, so fordern die in Brüssel versammelten Staatschefs der meist betroffenen Länder.

Kein Sieg, bevor Ebola ganz ausgerottet ist

Musterfall ist hier Liberia, wo nur noch ein bis zwei Neuinfektionen in der Woche registriert werden, wie der Ebola-Beauftragte der deutschen Bundesregierung Walter Lindner erklärt. In den Nachbarländern Guinea und Sierra Leone sei man noch nicht so weit, dort gibt es noch 30 bis 60 neue Ebola-Fälle pro Woche. Das sei zwar schon ein Riesenfortschritt gegenüber dem Höhepunkt der Seuche, wo man wöchentlich bis zu tausend Neuinfektionen registrierte, aber die letzte Meile sei jetzt die schwerste, sagt Lindner.

Der Grund ist, dass man nach der leichter zu organisierenden Arbeit in großen Behandlungszentren jetzt jeden einzelnen Fall in den Dörfern aufgespüren müsse. Dazu gehöre, die jeweils rund 20 Kontaktpersonen jedes Erkrankten zu identifizieren, sie unter Quarantäne zu stellen, mit Essen zu versorgen und sichere Beerdigungen zu organisieren. Eine schwierige Arbeit, die nur von Helfern geleistet werden könne, die die örtlichen Dialekte sprechen und das Vertrauen der Bevölkerung genießen. Schließlich, so fügt der deutsche Ebola-Beauftragte hinzu, müssten die betroffenen Länder weiter daran arbeiten, die Infektionswege zu identifizieren.

Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau

Porträt von Liberias Präsidentin Ellen Sirleaf (Foto: THIERRY CHARLIER/AFP/Getty Images)

Liberias Präsidentin Ellen Sirleaf fordert für die drei meist betroffenen Länder einen Wiederaufbauplan

Der nächste Schritt aber sei, in Westafrika endlich das normale Leben wieder aufzunehmen, wie die liberianische Präsidentin Ellen Sirleaf lebhaft schildert: "Wir haben große Fortschritte dabei gemacht, das Virus einzudämmen. Die wirtschaftliche Aktivität fängt langsam wieder an, grenzüberschreitende Märkte sind wieder geöffnet, Bauern bereiten auf ihren Höfen die neue Anbausaison vor, die Schulen werden wieder eröffnet." Diesen Erfolg verdanke man vor allem der eigenen Bevölkerung und den aufopferungsvollen Helfern, aber auch den internationalen Partnern. "Wir sind uns aber bewusst, dass diese Arbeit nicht zu Ende ist. Wir müssen die Zahl der Erkrankten auf Null bringen. Die Führung unserer drei Länder hat sich auf dieses Ziel verpflichtet, wohl wissend, dass dies der erste wesentliche Schritt zur wirtschaftlichen Erholung ist", so Ellen Sirleaf.

Der wirtschaftliche Schaden aber sei tiefgreifend gewesen, erläutert die Präsidentin. Alles sei gefallen: Wachstum, öffentliche Einnahmen, privater Verbrauch, Investitionen, Landwirtschaft und Produktivität. Die wichtigste langfristige Antwort auf Ebola ruhe deshalb auf den Plänen und Strategien für eine wirtschaftliche Erholung, so Ellen Sirleaf. Man brauche eine Art Marshallplan, ergänzt sie. Die Vereinten Nationen schätzen, dass dafür rund 1,8 Milliarden Dollar nötig sein werden, und dass es zehn Jahre dauern könnte, bis die Länder die Folgen überwunden hätten.

Der Präsident Sierra Leones Ernest Bai Koroma (Foto: THIERRY CHARLIER/AFP/Getty Images)

Präsident Ernest Korome beklagt den schweren wirtschaftlichen Schaden für Sierra Leone

Auch Sierra Leones Präsident Ernest Koroma bekräftigt den Wunsch nach Wiederaufbauhilfe. Sein Land sei noch nicht ganz so weit wie Liberia bei der Bekämpfung der Krankheit. Aber auch hier seien die Schäden katastrophal: "Über 8370 Menschen wurden infiziert, 3180 starben an dem Virus", listet er auf. "1,7 Millionen Kinder waren in den letzten sechs Monaten nicht in der Schule, 280.000 Menschen haben keine sichere Ernährung mehr. Ebola hat unser Gesundheitssystem, unser Bildungssystem und unsere Wirtschaft ruiniert. Wenn wir eine nachhaltige Erholung nach Ebola wollen, müssen wir auf die vielen Problembereiche Antworten finden, wo unsere Länder verletzbar geworden sind."

Eine Geberkonferenz muss später einberufen werden

Das internationale und hochrangig besetzte Treffen in Brüssel diente dem Meinungsaustausch und der Verarbeitung der Erfahrungen aus den letzten Monaten. Dazu gehört z.B. auch, über den effektiven Einsatz der rund 1,2 Milliarden Euro an internationaler Hilfe zu diskutieren, die die EU für Ebola mobilisieren konnte. Aber es ist keine Geberkonferenz: Zwar hat der IWF Sierra Leone gerade eine neue Kreditzusage gemacht, weil das Gremium dazu beitragen will, staatliche Strukturen in dem angeschlagenen Land zu stabilisieren. Seine Experten gehören mit zu den Gästen in Brüssel.

Der IWF ist bereits mehrfach mit zinslosen Krediten und Schuldenerlassen für die meist betroffenen Länder eingesprungen. Ein regelrechter Wiederaufbauplan, wie ihn Ellen Sirleaf im Sinn hat, müsste allerdings die möglichen Geberländer und Organisationen erneut versammeln. Und zwar, nachdem eine entsprechende Strategie entwickelt wurde. "Wir brauchen einen selbst entwickelten, hausgemachten Plan", sagte die liberianische Präsidentin, die großen Wert auf die innerafrikanische Hilfe zur Selbsthilfe legt. So verkündete die Afrikanische Union für den Sommer eine eigene Wiederaufbau-Konferenz sowie die Einrichtung eines afrikanischen Zentrums zur Seuchenkontrolle.

Lehren für die Zukunft

Sierra Leone Deutschland Rotkreuzarbeit Helfer

Das Ziel ist noch nicht erreicht - es heißt: "Null Neuinfektionen"

Als nächster Schritt steht auf der Agenda der Kampf bis zum echten Sieg über die Seuche."Wir dürfen nicht zufrieden sein mit dem Erreichten", sagte dazu der zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides. Der Kampf sei erst vorbei, wenn es keine Neuerkrankungen mehr gebe. Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hält eine voreilige Entwarnung für gefährlich: "Die Gefahr ist nicht gebannt, so lange die Krankheit nicht ausgerottet ist", sagte Tankred Stöbe. "Wir brauchen jetzt keine großen Behandlungszentren mehr, sondern schnelle, flexible Hilfseinheiten", die an neuen Infektionsherden eingesetzt werden könnten. Ärzte ohne Grenzen erinnert an die Fehler, die im vergangenen Jahr beim Kampf gegen Ebola gemacht wurden: "In einer kommenden Krise sollte auch die deutsche Regierung sich vornehmen, dass die Hilfe schneller, umfassender und flexibler kommt." Eine Lehre, die auch auf europäischer Ebene aus dem gemeinsamen Engagement gegen Ebola gezogen werden muss.

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