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Deutschland

Nach dem Wasser kommt die Antragsflut

Nach dem Hochwasser im Juni ist der Schaden groß. Hilfe bekommen die Flutopfer von vielen Seiten. Doch wer Geld vom Staat oder anderen Stellen will, muss sich durch viel Bürokratie kämpfen.

Als das Wasser weg war, stand Wilhelm Brehl vor einem Berg aus Müll. Ein riesiger Haufen aus zerstörten Möbeln, durchnässten Matratzen und verschlammtem Baumaterial lag vor seinem Haus - so groß, dass er es dahinter gar nicht mehr sehen konnte. Jetzt steht der Rentner aus dem kleinen Dorf Lorenzkirch in Sachsen vor einem anderen Berg, dem aus Papier.

Wer nach der großen Flutkatastrophe Mitte des Jahres Geld vom Staat sehen will, muss einen langen Atem haben und viele Anträge ausfüllen. "Wer da keine Hilfe von außen bekommt, ist aufgeschmissen", sagt Brehl im Gespräch mit der DW.

Schon im Jahr 2002, als die Elbe sie das letzte Mal "besuchte" - wie Brehl es ausdrückt - und das Hochwasser seinen kompletten Hof zerstörte, musste er wie alle Betroffenen viel Papierkram erledigen, um finanzielle Hilfe vom Bund oder Land zu bekommen.

"Damals konnten wir die Anträge noch selbst ausfüllen", erzählt Brehl. Doch dieses Jahr seien die Fragen so kompliziert, dass er sich von seiner Gutachterin helfen lässt.

Großer Müllberg vor Wilhelm Brehls Haus (Foto: privat)

Die Elbeflut zerstörte das Haus von Wilhelm Brehl

"Nicht mehr bekommen, als man verloren hat"

Ralf Walther von der Verbraucherzentrale in Thüringen berät ebenfalls Flutopfer, die finanzielle Hilfe beantragen. "Wer das jetzt bewilligte Geld vom Bund haben will, muss auf jeden Fall mit mehr Bürokratie rechnen", sagt er.

Man habe aus der letzten Jahrhundertflut im Jahr 2002 gelernt, so der Verbraucherschützer. Damals kamen Flutopfer sehr viel einfacher an das Geld vom Staat - manche erhielten sogar mehr Geld, als sie eigentlich brauchten. Jetzt will man sich besser gegen Missbrauch schützen. "Niemand soll mehr bekommen, als er durch das Hochwasser verloren hat", so Walther gegenüber der DW.

Wer zu viel Geld erhält, muss dieses wieder zurückgeben, erklärt Beate Bartsch von der Sächsischen Aufbaubank. Ihrer Meinung nach lohnt sich der höhere Aufwand nach der Flutkatastrophe in diesem Jahr: "Es ist immer schlecht für alle Beteiligten, wenn man Geld, das man schon hatte, am Ende wieder zurückbezahlen muss", sagt sie der DW. Zwar müsse man nun mehr Formulare einreichen, doch so würden unangenehme Situationen vermieden.

Auch Gemeinden, Verbraucherzentralen und Hilfsorganisationen wie die Caritas unterstützen Betroffene bei der Bewältigung der Bürokratieflut. Und die haben Unterstützung meist dringend nötig: "Viele fallen nach dem ersten Adrenalinschub in ein tiefes Loch, und dann sitzen sie auch noch vor einem riesigen Stapel von Versicherungsanfragen", sagt Gernot Krausz von der Hilfsorganisation Caritas.

Der überflutete Dresdner Stadtteil Gohlis (Foto: Matthias Hiekel/dpa)

Ganze Landstriche versanken unter Wasser

Unsichtbare Spätschäden

Denn nicht nur für das Geld vom Staat müssen die Flutopfer viel Bürokratie meistern. Auch wer Spendengelder will, Auszahlungen von seiner Versicherung verlangt oder einen Hilfskredit beantragt, muss sich mit diesen Dingen auseinandersetzen.

Gernot Krausz von der Caritas rät Betroffenen, auf jeden Fall so bald wie möglich einen Gutachter zu bestellen: "Manchmal sieht der Schaden auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aus. Dann ist vielleicht der Teppich kaputt, das sieht man. Aber was ist mit der elektrischen Anlage oder der Heizung? Das sieht man nicht sofort."

Zwei Personen in zerstörter Küche (Foto: privat)

Aufräumen nach der Flut - die Brehls in ihrer Küche

Auch Wilhelm Brehl hat zuerst einmal einen Sachverständigen kommen lassen, 2000 Euro musste er dafür bezahlen. Die ersten Aufräumarbeiten kosten den Rentner viel Geld: "Langsam gehen unsere ganzen Ersparnisse zur Neige." Um die Zeit bis zu den versprochenen Hilfen durch die Bundesregierung zu überbrücken, hat der 67-Jährige einen Kredit aufgenommen. Die KfW vergibt zu günstigen Konditionen von der Bundesregierung geförderte Kredite an Betroffene. Bei der Beantragung half Brehls Sohn.

Beschweren will sich Brehl aber trotz der Bürokratie nicht: "Jeder, der will, bekommt auch Hilfe. Bei uns wurde niemand alleine gelassen. Vor den vielen Helfern ziehe ich meinen Hut." Die Initiative "Hilfe für Lorenzkirch", die seine Schwiegertöchter kurz nach dem Hochwasser im Juni gestartet hatten, nimmt sogar keine Sachspenden mehr an. "Die Menschen brauchen jetzt keine Möbel oder Kleider mehr. Jetzt fehlt vor allem Baumaterial und Geld", sagt Schwiegertochter Cornelia Brehl der DW. Und dafür müssten jetzt die Anträge gestellt werden.

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